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Deutscher Stillstand, beliebtes Bahn-Bashing und ein guter Rat für die Autoindustrie

Immer wieder sonntags: Unsere Herausgeber erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Professor Andreas Knie, Sozialwissenschaftler mit den Schwerpunkten Wissenschaftsforschung, Technikforschung und Mobilitätsforschung. Sein Steckenpferd ist das Verkehrswesen von morgen.

Knies Woche

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klimaretter.info: Herr Knie, als wir Sie nach Ihrer Überraschung des Jahres 2017 fragten, beklagten Sie ein "Bahn-Bashing" aufgrund einer Lappalie. Trotz der nicht wegzudiskutierenden Benachteiligung der Schiene: Ist die Deutsche Bahn, die ja einem öffentlichen Zweck dienen soll, nicht auch selbst an dem Unmut schuld? Siehe undurchsichtige Preissteigerungen, schlechte Problemkommunikation, gestrichene Nachtzüge.

Andreas Knie: Dass Züge gar nicht kommen oder zu spät das Ziel erreichen, ist keine Lappalie. Dass Zugfahren immer noch für viele Menschen sehr schwer ist und dass die Angebote transparenter und attraktiver werden müssen, ist ebenfalls Konsens.

Gemessen daran ist aber der tägliche Skandal manipulierter Abgasanlagen und fingierter Messverfahren durch die Autohersteller ein ganz anderes Kaliber. Doch die Komplizenschaft aus Herstellern, Staat und Verbrauchern scheint auch von den kritischen Medien akzeptiert zu sein. Bahn-Bashing dagegen bringt immer Quote.

Das Bundesverkehrsministerium will das deutsche Schienennetz für 740 Meter lange Güterzüge fit machen. Was braucht der Güterverkehr noch, um klimafreundlich zu werden?

Gerechte Preise! Solange die Transportkosten am Warenwert nicht mehr als fünf Prozent im Schnitt ausmachen, finden Wertschöpfungsketten auf öffentlichen Straßen statt.

Wenn alle tatsächlichen Kosten endlich in die Nutzung der Infrastruktur eingepreist und die Subventionierung durch öffentliche Haushalte zurückgenommen werden, dann – und erst dann – werden die Warenströme deutlich zurückgehen und regionale Versorgungskonzepte an Bedeutung gewinnen.

Die Globalisierung lässt sich nicht zurückdrehen, aber der Gütertransport kann damit deutlich verringert werden.

China verbietet den Bau von 553 Automodellen, die den Verbrauchsstandards für mehr Luftqualität nicht entsprechen. Treibt das Land – als derzeit größter Automarkt – so den Wechsel zum E-Auto an?

China ist in der Tat der Treiber der Elektromobilität. Das Land verfolgt schon seit 2006 einen genauen Plan zum Ausbau der erneuerbaren Energien sowie zur Förderung der batterieelektrischen Antriebe.

China tut dies primär aus industriepolitischen Gründen. Das Land möchte hier die Technologieführerschaft übernehmen, im Bereich des klassischen Automobilbaus mit Verbrennungskraftmaschinen kann das nicht gelingen. Aber mit elektrischen Fahrzeugen, die in moderne, dezentrale Versorgungsnetzen eingebunden sind, kann China mit eigener Kompetenz punkten.

Sobald die Fahrzeuge einsatzfähig sind, wird Schritt für Schritt auch die Regulierung darauf abgestellt und der Zugang von Fahrzeugen mit Otto- oder Dieselantrieb schrittweise eingeschränkt. Die deutsche Autoindustrie ist also gut beraten, diesen Prozess sehr aufmerksam zu verfolgen.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Dass die Regierungsbildung immer noch nicht klappt. Vor den Sondierungen markieren die Parteien weiterhin ihre roten Linien, eine Idee von einem modernen Staat ist nicht erkennbar.

Und man nimmt sich unendlich Zeit und baut das Scheitern gleich mit ein. Als ob man alle Zeit der Welt hätte. Wofür wurde eigentlich der Bundestag gewählt? Was machen die Abgeordneten die ganze Zeit? Und die Ministerien? Völliger Stillstand.

Das Land ist schon monatelang handlungsunfähig und wird es auch im ganzen Jahr 2018 bleiben. Man muss nicht auf Afrika, den Nahen Osten oder Südamerika schauen, Deutschland ist ein failed state.

Fragen: Susanne Schwarz

[Erklärung]  
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