Förderliche Verbote, überfällige Sektorkopplung und ein Deckel für die Verkehrsmenge

Immer wieder sonntags: Unsere Herausgeber erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Professor Andreas Knie, Sozialwissenschaftler mit den Schwerpunkten Wissenschaftsforschung, Technikforschung und Mobilitätsforschung. Sein Steckenpferd ist das Verkehrswesen von morgen.

Knies Woche

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klimaretter.info: Herr Knie, nach China erwägt nun auch der US-Bundestaat Kalifornien, den Verkauf von Benzin- und Dieselautos zu untersagen. Wie lange müssen wir in Deutschland darauf warten?

Andreas Knie: Darauf müssen wir in Deutschland noch sehr lange warten. Das deutsche Modell hat bislang vor allen Dingen deutschen Herstellern sehr viel Raum gelassen – in der irrigen Annahme, dass mit möglichst wenig Regulierung die wirtschaftliche Prosperität am besten zu fördern wäre.

Andere Länder wie die USA und hier vor allem Kalifornien gehen anders vor. Automobile sind ein so dominantes Massenverkehrsmittel, dass ein permanentes Monitoring der Konzerne unausweichlich ist. Kalifornien gibt hier seit Jahrzehnten den Takt vor, vom bleifreien Benzin über den Sicherheitsgurt bis zum Katalysator, wesentliche Innovationen in der Autobranche sind unmittelbar durch entsprechende Vorschriften praktisch erzwungen worden. Der nächste Schritt wird die Quote für E-Fahrzeuge sein. Im Ergebnis werden damit technischen Fortschritte eingeleitet und auch heimische Arbeitsplätze gesichert.

In Deutschland ist dieser Denkansatz weitgehend unbekannt, weil man immer noch glaubt, durch besonders zuvorkommendes Verhalten das Beste für die Allgemeinheit herauszuhandeln.

Die Internationale Energieagentur IEA erwartet ein gigantisches Wachstum für die Solarkraft in den kommenden Jahren. Einen höheren Anteil Erneuerbarer im Verkehr sollen aber nicht Wind- oder Solaranlagen bringen, sondern Agrokraftstoffe. Reicht das?

Die IEA war immer sehr rückständig und ist es bis heute geblieben. Jahrzehntelang hat man die erneuerbaren Energien kleingeschrieben, ihr Potenzial missachtet und sich auf die Zukunft der fossilen Brennstoffe konzentriert. Dasselbe Muster findet sich jetzt auch für den Automobilverkehr wieder. Biokraftstoffe waren vor zehn Jahren ein Thema, mittlerweile weiß man, dass dies nicht ausreicht.

Wind und Sonne werden auch für den Personen- und Güterverkehr die energetische Grundlage darstellen, wenn man effizient und auch suffizient die Möglichkeiten der Sektorkopplung einsetzt. Konkret bedeutet dies: die Verkehrsmenge insgesamt deckeln und den Verkehr schlauer disponieren, die Möglichkeiten von Wind und Sonne ausnutzen, speichern und für den Verkehr verfügbar machen. Dies ist im großen industriellen Maßstab, weltweit möglich.

Man muss sich natürlich aus dem alten Denken befreien, als Öl und Kernkraft universell verfügbar schienen. Nur so können neue Wege beschritten werden. Aber so weit ist die IEA noch nicht.

Umweltpolitiker versprechen sich strategische Chancen für den Klimaschutz von einer Regierungskoalition aus CDU/CSU, FDP und Grünen. Hegen Sie ähnliche Erwartungen an "Jamaika"?

Gemessen an dem was wir hatten, kann es eigentlich nur besser werden. Erhoffen könnte man sich von einem solchen Bündnis das Nachdenken darüber, welche Fertigungstiefe der Staat eigentlich haben darf. Dass gerade im Energie- und Verkehrsbereich nichts ohne strenge Regeln und deren Überwachung denkbar erscheint, ist das eine. Aber muss der Staat auch immer und überall die Zivilgesellschaft ausbremsen, kann er nicht Dinge zulassen?

Wir haben in der Verkehrspolitik den Wandel vom daseinsvorsorgenden zum gewährleistenden Staat immer noch nicht geschafft. Besonders schöne Beispiele sind das Energiewirtschaftsgesetz sowie das Personenbeförderungsgesetz. Beide aus den 1930er Jahren und beide sehen auch noch so aus. Aber mittlerweile haben wir nicht nur andere Techniken, auch andere Bürger, andere Selbstverständnisse. Jetzt brauchen wir auch das dazu passende Regulierungsformat. Streng gegenüber den Konzernen, aber ermöglichend gegenüber der Bürgergesellschaft.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Hatten wir nicht Wahlen? Aber es passiert nichts. Es gibt immer noch keinen Fahrplan für Sondierungsgespräche, Koalitionsrunden sind damit in weite Ferne gerückt – und das nur, weil sich die Union nicht einig ist. Wie lange wollen wir eigentlich noch warten?

Fragen: Sandra Kirchner

[Erklärung]  
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