Enttäuschender Diesel-Gipfel, vergessene Verkehrswende und lähmende Ruhe

Immer wieder sonntags: Unsere Herausgeber erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Professor Andreas Knie, Sozialwissenschaftler mit den Schwerpunkten Wissenschaftsforschung, Technikforschung und Mobilitätsforschung. Sein Steckenpferd ist das Verkehrswesen von morgen.

Knies Woche

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klimaretter.info: Herr Knie, der kürzliche zweite Dieselgipfel hat ergeben, dass der sogenannte Mobilitätsfonds auf eine Milliarde Euro verdoppelt wird. Ist das eine gute Nachricht?

Andreas Knie: Grundsätzlich ja, allerdings sind nur bereits bestehende Förderprogramme zusammengefügt worden. Es ist also überhaupt kein neues Geld hinzugekommen. Das war eindeutig zu wenig.

Hier hat die Bundesregierung demonstriert, dass sie es mit der Verkehrswende wirklich nicht ernst meint. Es bleibt bei Forschungsförderung und ein bisschen Unterstützung bei der Beschaffung von E-Bussen. Der große Wurf war das nicht.

Diesel- und auch E-Autos sind zurzeit in aller Munde – und damit auch der motorisierte Individualverkehr. Gerät die gesamtheitliche Verkehrswende aus dem Visier?

Ja! Die Debatte verkürzt sich völlig auf die Frage des Antriebes. Das geht aber nicht weit genug; wir haben ein grundsätzliches Funktionsproblem. Der Verkehr in den Städten funktioniert nicht mehr.

Wir brauchen eine radikal neu Sicht auf die Dinge. Das Eigentum an Verkehrsmitteln, insbesondere von Autos, gehört einfach abgeschafft. Wir haben genug von diesen Geräten, durch ein intelligentes Teilen können wir die Beweglichkeit mit deutlich weniger Fahrzeuge schaffen. Beispielsweise kann die Fahrzeugflotte in Berlin von 1,2 Millionen Einheiten auf 350.000 Fahrzeuge reduziert werden. Man kann sich kaum vorstellen, wie viel Platz wir dann hätten.

Der Bundestagswahlkampf ist in vollem Gange: Welche Partei schlägt sich verkehrs- und klimapolitisch am besten?

Es ist schade, dass das Klima keine Rolle im Wahlkampf spielt. Dabei sind die Investitionen in die Verkehrswende vor allen Dingen Sicherungsmaßnahmen für den Wirtschaftsstandort Deutschland: Raus aus Diesel- und Ottomotoren, rein die in die Sharing-Ökonomie und in die dezentrale Energieversorgung. Das werden die neuen Exportschlager! Wenn wir hier unser technologisches Potenzial nicht abrufen, verlieren wir Arbeitsplätze. Immerhin haben Bündnis 90/Die Grünen dies programmatisch festgeschrieben.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat im TV-Duell gesagt, Deutschland brauche den Verbrennungsmotor noch Jahrzehnte. Stimmt das?

Wir müssen jetzt den Ausstieg aus den Verbrennungsmotoren beschließen. Das bedeutet, dass ab 2030 kein Neufahrzeuge mehr mit Diesel- oder Ottomotoren zugelassen werden. Und es bedeutet in der Tat, dass bis wir über Jahrzehnte immer noch Fahrzeuge mit Dieselmotoren haben werden, allerdings werden diese Fahrzeuge in den Städten zunehmend Probleme bekommen, da mit Fahrverboten zur rechnen ist. Wer Diesel fährt, hat jedenfalls keine Garantie mehr auf freie Fahrt.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Die Autohersteller haben im großen Stil betrogen und Ware geliefert, die schadhaft ist – jede andere Branche wäre längst abgestraft und mit Boykottaufrufen malträtiert worden. Man kann es eigentlich nicht fassen, dass immer noch so viel Ruhe im Lande herrscht. Oder ist es vielleicht doch so, dass wir alle auch ein Teil des Problems sind?

Fragen: Susanne Schwarz

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