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Alibi-Gipfel, Programme ohne Gelder und das Ende der Verbrennungsfahrzeuge

Immer wieder sonntags: Unsere Herausgeber erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Professor Andreas Knie, Sozialwissenschaftler mit den Schwerpunkten Wissenschaftsforschung, Technikforschung und Mobilitätsforschung. Sein Steckenpferd ist das Verkehrswesen von morgen.

Knies Woche

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klimaretter.info: Herr Knie, nach dem Dieselgipfel überbietet sich die Politik mit Ideen, wie das Problem mit dem schmutzigen Verbrennungsmotor gelöst werden kann. Die Autobauer legen sogenannte Umweltprämien auf und die EU-Kommission soll eine E-Auto-Quote erwogen haben. Was halten Sie im Moment für am wichtigsten?

Andreas Knie: Was wir beobachten, ist hektische Betriebsamkeit nach dem Motto: Es muss viel geschehen, aber es darf nichts passieren.

Alles, was bisher auf dem Tisch liegt, ist ein Kurieren an den Symptomen. Als erstes muss unmissverständlich klar werden, dass ab 2030 keine neuen Verbrennungsfahrzeuge mehr in Deutschland zugelassen werden.

Als zweites ist die überfällige Blaue Plakette zum Jahresanfang einzuführen, die kein Thermofenster als Ausnahmeoption mehr zulässt. Fahrzeuge, die bereits im Verkehr sind und die diese Grenzwerte nicht erreichen, verlieren nach einer Übergangsfrist von fünf Jahren ihre Zulassung. Bei Überschreiten der EU-Grenzwerte werden Fahrverbote für definierte Innenstadtgebiete ausgesprochen.

Ohne Fahrverbote scheinen weder die Autofahrer noch die Hersteller zur Vernunft zu gelangen. Wir sind alle findige und aufgeweckte Bürger, aber Freiheit bedeutet eben nicht, mit einem stinkenden Diesel durch die Stadt zu heizen.

Im Zuge des Dieselgipfels wurde auch ein Mobilitätsfonds von 500 Millionen Euro angekündigt. Über den kommenden Geldsegen müssen Sie sich als Mobilitätsforscher doch freuen?

Ja, auf den ersten Blick. Was aber auch hier in hektischer Betriebsamkeit schnell zusammengestellt wurde, sind Programme, die bereits laufen. Es ist nichts Neues dabei, und es sind vor allen Dingen auch keine neuen öffentlichen Gelder bereitgestellt worden. Da muss noch kräftig nachgearbeitet werden, sonst bleibt der Gipfel auch in dieser Hinsicht eine Alibi-Veranstaltung.

Was fehlt, ist ein Programm zur konsequenten Einführung der Verkehrswende in den Städten. Denn dort sind heute die Alternativen bereits vorhanden. Davon könnte dann auch die Autoindustrie profitieren.

Das Extremwetter der letzten Wochen stellte auch die Verkehrsinfrastruktur auf eine harte Bewährungsprobe – umstürzende Bäume blockierten Straßen und Schienen, Tunnel standen unter Wasser. Wegen Hitze konnten Flugzeuge nicht starten. Wie kann unser Verkehrssystem widerstandsfähiger gemacht werden?

Unsere Verkehrssysteme sind tatsächlich auf extreme Wetterlagen nicht ausgerichtet. Die Anfälligkeit steigt sogar noch mit dem Grad der digitalen Vernetzung und der globalen Inanspruchnahme. Wir kommen zwar unglaublich schnell von A nach B, aber nur, wenn es nicht zu stark regnet oder schneit und nicht zu heiß oder zu kalt ist.

Vielleicht ist das die einzige Chance, wie der Klimawandel tatsächlich für uns alle begreifbar wird. Erst wenn unser Alltag massiv gestört ist, unsere Routinen durchbrochen und unsere Pläne Makulatur werden, merken wir, dass etwas nicht stimmt mit unserem ökologischen Gleichgewicht.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Es war Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller. Wie kann ein Regierungschef einer Metropole, die sich Smart City nennen möchte, die zu einer Stadt der Innovationen werden will, die attraktiv für Investoren sein möchte und die Jugend der Welt anziehen will, wie kann ein solcher Mensch als Abgeordneter des Berliner Landesparlaments für die Freiheit seiner Nachbarn kämpfen, auch zukünftig ihr privates Auto praktisch kostenfrei auf öffentlichem Raum direkt vor der Tür abzustellen?

Ist das Bürgernähe oder demonstriert sich hier ein geistige Grundhaltung, die zwar ganz im Einklang mit der Zeit steht, als Vati Samstag das Auto vor der Tür säuberte und sonntags mit der Familie spazieren fuhr, die aber nichts ändern möchte und die hofft, dass alles so bleibt wie es ist?

Fragen: Jörg Staude

[Erklärung]  
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