Schwerpunkte

G20 | E-Mobilität | Wahl

Verschenkter Platz für Autos, Krokodilstränen wegen Trump und die Rettung der Schiene

Immer wieder sonntags: Unsere Herausgeber erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Professor Andreas Knie, Sozialwissenschaftler mit den Schwerpunkten Wissenschaftsforschung, Technikforschung und Mobilitätsforschung. Sein Steckenpferd ist das Verkehrswesen von morgen.

Knies Woche

Bild

klimaretter.info: Herr Knie, die Allianz pro Schiene fordert mehr staatliche Investitionen in die Schieneninfrastruktur. Laut dem Verband investiert sogar China mehr pro Einwohner – auch in Automatisierung und Digitalisierung. Welches Potenzial für den Klimaschutz hat die Automatisierung des Schienenverkehrs?

Andreas Knie: In Deutschland fehlt es an einer offenen Debattenkultur darüber, wie viel Schiene wir uns eigentlich leisten wollen. Es ist völlig klar, dass wir für das 33.000 Kilometer lange Schienennetz einfach zu wenig Geld investieren. Die etwas mehr als 35 Euro pro Kopf und Jahr sind im Vergleich zu unseren Nachbarländern Österreich und Schweiz viel zu wenig. Die Automatisierung hilft da leider gar nicht.

Ebenso klar ist allerdings auch, dass die Schiene nicht mehr überall sinnvoll ist. Als raumerschließendes Basisfundament hat die Schiene seit mehr als 50 Jahren aufgehört, das Maß der Dinge zu sein. In weiten Teilen unseres Landes kann die Schiene weder im Personen- noch im Güterverkehr eine bedeutende Rolle spielen. In den Ballungsräumen und den Verbindungen dazwischen wiederum könnte die Schiene ein strategischer Partner beim Erreichen der Klimaziele sein.

Wir brauchen also dringend eine "Nationale Plattform Schiene", um zu klären: Wo ist die Schiene heute und vor allen Dingen auch morgen noch sinnvoll, wie wollen wir sie finanzieren und vor allen Dingen: Wie müssen wir diese Angebote mit den anderen Verkehrsträgern vernetzen? Zurzeit lügen wir uns hier nur in die eigene Tasche und betreiben tatsächlich so etwas wie eine Resteverwertung.

Nach den G20-Protesten wollen Klima-Aktivisten trotzdem weiter Tagebaue stürmen, um gegen die Nutzung von Braunkohle zu demonstrieren. Halten Sie das für sinnvoll?

Braunkohle, Steinkohle, Kernenergie – alles Techniken aus längst vergangenen Zeiten, gemacht für die Welt des 19. und 20. Jahrhunderts. Wir haben heute eine andere Welt, es gibt Smartphones, es gibt HD-Fernsehen, es gibt die Ehe für alle – aber es gibt immer noch Braunkohle, ein völliger Anachronismus.

Laut einer Untersuchung des Ökostromanbieters Lichtblick kostet der Strom aus Ladesäulen von E-Autos häufig viel mehr als Haushaltsstrom. Die "Tank-Kosten" sind dabei aufgrund komplexer Tarife oft nur schwer zu durchschauen. Was muss passieren, damit sich das ändert?

Hier sind wir in der Tat alle auf dem Holzweg. Wer immer noch glaubt, mit dem Verkauf von Strom Geld für die Finanzierung von Infrastruktur für die Elektromobilität zu verdienen, der irrt. Um einen Euro einzunehmen, muss ich sieben Euro an Kosten investieren. Natürlich nur unter den gegebenen regulierungspolitischen Bedingungen. Strom sollte man verschenken, den dafür notwendigen Platz kann man intelligent fakturieren.

Aber wir sind in einer völlig fehlregulierten Welt: Während der Strommarkt völlig überreguliert ist, bleibt der öffentliche Raum die Beute der Autobesitzer, die ihre kleinen und großen Autos für ein Linsengericht einfach dort abstellen können. Solange die Privatisierung des öffentlichen Raumes in Deutschland so systematisch betrieben werden kann, wird es weder eine Energiewende noch eine Verkehrswende geben und über Finanzierungen neuer Infrastrukturen brauchen wir uns dann auch keine Gedanken zu machen.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Die erstaunte Öffentlichkeit im Falle Daimler. Ja, auch Daimler hat bei den Schadstoffen der Motoren mit technischen Tricks die Werte etwas anders erscheinen lassen, als sie wohl tatsächlich sind. Machte ja nichts, es hat sich ja hierzulande auch keiner wirklich dafür interessiert. Die deutsche Autoindustrie ist ja praktisch eine heilige Kuh.

Alle deutschen Autohersteller haben in den vergangenen 50 Jahren nur dann wirkliche technische Fortschritte gemacht, wenn eine glasklare Regulierungspolitik die Unternehmen dazu gezwungen hat. Diese Rolle hat leider fast immer nur der US-Staat Kalifornien übernommen. Das geht vom bleifreien Benzin über Sicherheitsgurte und Katalysator bis zu Schadstoffgrenzwerten und Null-Emissions-Autos.

Deutschland hat sich seit Jahren dagegen nur als vermeintlicher Beschützer der unternehmerischen Interessen profiliert. Es sind also wirklich Krokodilstränen, wenn wir uns über Donald Trump beschweren. Dessen Rolle beherrschen wir Deutschen schon seit Jahrzehnten nahezu perfekt – zum Schutze der heimischen Autoindustrie.

Fragen: Friederike Meier

[Erklärung]  
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen