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Ernst gemeinte Elektroautos, Verbrenner im Teufelskreis und der Mut zum Strukturbruch

Jetzt immer sonntags: Unsere Herausgeber erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Professor Andreas Knie, Sozialwissenschaftler mit den Schwerpunkten Wissenschaftsforschung, Technikforschung und Mobilitätsforschung. Sein Steckenpferd ist das Verkehrswesen von morgen.

Knies Woche

Bildklimaretter.info: Herr Knie, VW will nach Medienberichten bald die Nummer eins bei Elektroautos sein und 2025 als erster Hersteller weltweit eine Million E-Mobile pro Jahr verkaufen. Kann die Ankündigung andere deutsche Autobauer anspornen?

Andreas Knie: Nach einem Jahr Lug und Betrug haben alle deutschen Automobilhersteller ihre Antriebsstrategie neu ausgerichtet. Erstmals sollen jetzt tatsächlich E-Fahrzeuge in nennenswerter Zahl und zu bezahlbaren Preisen produziert werden.

Treiber sind vor allem drei Umstände: zuerst ein Konsens in der herrschenden Meinung, dass die Zukunft des Antriebs elektrisch ist, zweitens die Ankündigungen der größten Märkte China und Kalifornien, in Kürze Verkaufsquoten für E-Fahrzeuge einzuführen, und drittens der Druck der Kapitalmärkte, rechtzeitig auf die Gefahren möglicher Wertverluste bei den Fabriken für Diesel- und Benzinmotoren vorbereitet zu sein.

Laut einer Studie internationaler Verkehrsexperten hat der Verbrennungsmotor noch erhebliches Einsparpotenzial: Nutzfahrzeuge könnten demnach 2025 einen Schnitt von 70 Gramm CO2 je Kilometer erreichen – auch mit nur wenigen Elektrofahrzeugen. Möglich sei das allein durch bessere Verbrennungsmotoren und die flächendeckende Einführung der Hybridtechnologie. Ist das sinnvoll?

Es ist sicherlich richtig, dass auch Verbrenner-Motoren noch Verbesserungspotenziale haben. Aber man kommt prinzipbedingt nicht aus dem Teufelskreis heraus: Entweder sind die Motoren effizient und leistungsstark, dann weisen sie hohe Schadstoffkonzentrationen auf – oder sie sind weniger dreckig, dann leidet die Performance. In jedem Fall wird die Abgasnachbehandlung bei Werten unter 100 Gramm CO2 so teuer, das sich das keiner mehr leisten kann. So oder so: die Zukunft fährt elektrisch.

Die IG Metall sieht Probleme bei der Umstellung der Autoindustrie auf E-Mobilität. Gewerkschaftschef Jörg Hofmann meint, es könne schwierig werden, die sinkende Zahl der klassischen Tätigkeiten beim Bau von Verbrennungsmotoren durch neue Aufgaben auszugleichen. Sind die Warnungen berechtigt?

Wir haben im Rahmen der Nationalen Plattform Elektromobilität da sehr umfassende Analysen und Abrechnungen machen lassen. Unterm Strich gleichen sich die Verluste bei der Verbrennertechnologie mit den Gewinnen bei neuen Antrieben und Dienstleistungen aus. Aber natürlich ist das nicht durch Umschulung alleine zu bewerkstelligen. Wir werden einen regelrechten Strukturbruch erleben und es wäre schlauer, ihn planvoll zu gestalten, als ihn leidvoll zu ertragen.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Dass wir in meiner Stadt Berlin doch noch eine kompetente Umwelt- und Verkehrssenatorin bekommen. Denn jetzt kann die Energie- und Verkehrswende eingeleitet werden, alle Schlüsselpositionen sind in grüner Hand.

Fragen: Friederike Meier

[Erklärung]  
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