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Liebevolle Diskriminierung, Parkplatzangst und der Klimaschutz am Küchentisch

Jetzt immer sonntags: Unsere Herausgeber erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Professor Andreas Knie, Sozialwissenschaftler mit den Schwerpunkten Wissenschaftsforschung, Technikforschung und Mobilitätsforschung. Sein Steckenpferd ist das Verkehrswesen von morgen.

Knies Woche

Bildklimaretter.info: Herr Knie, eine große Berliner Zeitung hielt zwei Tage lang einen E-Auto-Gipfel ab und fragte, wie die Fahrzeuge an den Strom kommen. Verlieren wir bei der Diskussion darüber andere Ziele aus den Augen? Es geht ja auch um Verkehrsvermeidung und die Verlagerung auf den öffentlichen Verkehr – der oft genug ebenfalls strombetrieben ist.

Andreas Knie: In der Tat: Die Debatte um die Elektromobilität begann mit einem sehr starken Fokus auf den Antrieb. Die 2009 ins Leben gerufene Nationale Plattform Elektromobilität war wegen der Dominanz der Autohersteller zu sehr industriepolitisch ausgerichtet. Die Vertreter der öffentlichen Verkehrsbranche wollten und konnten sich dort nicht ausreichend einbringen – und schmollten mit dem Verweis, dass doch sie schon seit hundert Jahren die eigentliche Elektromobilität repräsentieren.

Das hat sich inzwischen aber deutlich geändert. Heute geht es auch bei den großen Autokonzernen um ein digital vernetztes, stromgeführtes Gesamtsystem, das aus allen Komponenten besteht. Die Unterscheidung – was ist "öffentlicher", was ist "privater" Verkehr – verschwimmt dabei immer mehr.

Sie hatten zuletzt oft Besuch von Carsharing-Unternehmern und arbeiteten gemeinsam an einem Eckpunktepapier zum Entwurf der Bundesregierung für das Carsharing-Gesetz. Wozu brauchen wir so ein Gesetz?

Das gewerblich organisierte Teilen von Autos führt bis heute ein Nischendasein. Selbst in Berlin, wo es mittlerweile über 3.000 Carsharing-Fahrzeuge gibt, entspricht das noch nicht einmal einem Prozent aller zugelassenen Fahrzeuge. Obwohl in verkehrspolitischen Stellungnahmen das Carsharing immer gerne genannt wird, sprechen wir von einer "liebevollen Diskriminierung": Man möchte es gerne haben, tut aber nichts dafür.

Denn auf den öffentlichen Straßen Deutschlands gibt es praktisch keine nennenswerte Parkraumbewirtschaftung. Vor allem Anwohner haben lukrative Möglichkeiten, ihr privates Auto einfach öffentlich abzustellen. Da bleibt im wahrsten Sinne kein Platz zum Teilen. Und wenn doch – dann müssen die Carsharing-Anbieter das teuer bezahlen. Ohne ein rechtlich kodifiziertes Bekenntnis der Politik, tatsächlich geteilte Fahrzeuge zu wollen und ihnen auch die Möglichkeit zu bieten, sich im öffentlichen Raum abzustellen, wird es kein wirkliches Wachstum im Carsharing geben. Darum das Gesetz.

Bei Ihnen am Tisch saß die ganze Branche – sowohl Anbieter mit festen Carsharing-Stationen als auch die sogenannten "Freefloater", zu denen Autokonzerne wie Daimler oder BMW zählen. Ist Carsharing eigentlich in jeder Form nachhaltig? 

Schon seit Jahren ist es immer das gleiche Lied. Als das klassische, stationsgebundene Carsharing startete, reagierte der öffentliche Verkehr mit großer Kritik, das böse Wort der Kannibalisierung machte schnell die Runde, man fürchtete eine Abwanderung der Fahrgäste aus den Bussen und Bahnen in die Autos hinein. Das Gleiche wiederholt sich jetzt, wo die neuen, flexiblen Angebote populär werden.

Alles Quatsch: Wer im Carsharing aktiv ist, fährt mehr Bus und Bahn. Das wurde vielfach erforscht, auch international, und immer wieder bestätigt. Zuletzt in München: Ein Freefloating-Carsharing-Auto ersetzt sechs private Fahrzeuge.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Die Art und Weise der Diskussion nach dem vermeintlichen Beschluss des Bundesrates Ende September, den Verbrennungsmotor in naher Zukunft zu verbieten: Erstmals in der jüngeren Geschichte um die Zukunft der Autoindustrie ist in der Öffentlichkeit ein klares Bild entstanden, dass Diesel- und Benzinmotoren nicht nur keine Zukunft mehr haben, sondern dass man praktisch auch heute mit der Sterbehilfe anfangen muss. Die Dekarbonisierung des Verkehrs rückt von der großen Weltpolitik tatsächlich an den Küchentisch des Alltagslebens.

Fragen: Susanne Schwarz

[Erklärung]  
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