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Frankreichs Feuer, deutsche Schläfrigkeit und die weltweiten Positivtrends beim Klimaschutz

Immer wieder sonntags: Unsere Herausgeber erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Jens Mühlhaus, Vorstand der Green City Energy AG, eines alternativen Energiedienstleisters mit Sitz in München.

Mühlhaus' Woche

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klimaretter.info: Herr Mühlhaus, auf dem "One Planet Summit" in Paris gab es zahlreiche Ankündigungen: Versicherungen und Banken wollen sich aus dem fossilen Geschäft lösen, die Kohle-Ausstiegs-Allianz wächst, ein Emissionshandelssystem in Nord- und Südamerika entsteht. Wie bewerten Sie den Gipfel und was war für Sie das Wichtigste?

Jens Mühlhaus: Selbstverständlich ist der gemeinsame Dialog über Klimaschutz essenziell. Jede Rede, die auf Gipfeln wie diesem gehalten wird, hat ihre Berechtigung und sollte zum Nachdenken anregen.

Aber einer Inszenierung wie der von Emmanuel Macron sollten nicht nur gute Claims wie "Make climate great again" folgen. Es müssen Maßnahmen beschlossen werden, die auch umgesetzt werden können. Hierbei ist die Rolle Deutschlands entscheidend.

Macrons Ideen hätten mehr substanzielle Schlagkraft, wenn die Bundesregierung sich dem Feuer Frankreichs anschließen würde. Ein gemeinsamer, realistischer Klimaschutz-Fahrplan für Europa muss das Ziel sein.

Dass der nächste Klimagipfel im polnischen Katowice organisiert wird, zeigt, welche grundlegenden Probleme noch vor uns liegen. Katowice zählt zu den Hochburgen für Kohle.

Europa steht vor einer Renaissance der Solarenergie. Nach Jahren des Rückschritts könnte der Photovoltaik-Zubau im kommenden Jahr wieder kräftig anziehen. Energieanalysten weisen außerdem darauf hin, dass die Solarenergie langsam auch ohne Förderung auskommt. Wann sehen Sie das – auch für die Windenergie – kommen?

Das Problem ist, dass die EEG-Novelle 2017 die komplette Onshore-Windbranche so sehr gestört hat, dass viele ums Überleben kämpfen und mit Werten in Ausschreibungsrunden gehen, die weder realistisch noch realisierbar sind. Auch wenn der Höchstwert für Windkraft an Land nach oben korrigiert wurde, wird es in Deutschland noch lange dauern, bis sich der Sektor davon erholt hat. Wichtig ist es, der Branche jetzt einen verlässlichen Rahmen zu geben, damit sich der Ausbau wieder stabilisiert.

Wir bekommen heute schon in Südeuropa wettbewerbsfähigen Solarstrom. Auch in Deutschland nähern sich langsam die Auktions- den Marktpreisen an. Wir gehen davon aus, dass in Süddeutschland Solar- und in Norddeutschland Windenergie 2020 mit subventionsfreien Preisen auskommen würde.

Wichtig ist aber, dass diese Marktentwicklungen auch politisch unterstützt werden. Die einzige Chance, diese auch wirtschaftlich zu nutzen, setzt eine rasche politische Kehrtwende voraus.

Einer neuen Studie zufolge ist es in der EU mittlerweile günstiger, neue Solaranlagen und Windräder zu bauen, als alte Kohlekraftwerke weiter zu betreiben. Welche politischen Schritte braucht es jetzt noch, damit die Energiewende in Deutschland wieder in Schwung kommt?

Erkenntnisse wie diese sind wichtig für unsere Vorhaben, aber sie sind auch die Ergebnisse des Durchhaltens und Nicht-Einknickens. Eigentlich sollten solche Studien für sich sprechen und die Herrschaften in Berlin direkt zum Umdenken auffordern. Jetzt gibt es definitiv keine Ausreden mehr, die Energiewende nicht massiv voranzutreiben. Das Schauermärchen von überteuerten Windrädern und Photovoltaik-Anlagen ist damit entkräftet.

Das Problem mit solchen Positivmeldungen ist allerdings, dass danach alle Welt wieder denkt, die Energiewende wäre geschafft. De facto sind wir trotz solcher Ergebnisse in Deutschland meilenweit davon entfernt, unsere Klimaziele zu erreichen.

Die deutsche Bundesregierung muss aufhören, einen weltweiten Positiv-Trend zu torpedieren, und für eine gesetzliche Manifestierung des Klimaschutzes sorgen. Ein zentraler Punkt dabei ist die unverzügliche Anhebung der Zubau-Leistungen für Erneuerbare-Energien-Anlagen in Deutschland.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Besonders gefreut habe ich mich, dass andere Länder im Gegensatz zu Deutschland weltweite Trends nicht verschlafen. Für das Jahr 2018 prognostizieren die Energieexperten einen Solarzuwachs von 35 Prozent in Europa.

Maßgeblich ist dabei die Entwicklung in Spanien: Kürzlich wurden in einer technologieneutralen Auktion 3.900 Megawatt Photovoltaik ausgeschrieben, die bis 2019 zugebaut werden sollen.

Wir konzentrieren uns schon länger auf den Zubau von Erneuerbare Energien-Anlagen im Süden Europas. Seit diesem Herbst haben wir auch unser Portfolio um die Solarimpuls-Anleihe erweitert. Die nutzt die aktuellen Marktentwicklung für Solarstrom und kombiniert Investitionsobjekte mit und ohne Einspeisetarif, auch in Spanien.

Fragen: Benjamin von Brackel

[Erklärung]  
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