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Schwerfälliger Start, schützende Hand und eine verdiente Auszeichnung

Immer wieder sonntags: Unsere Herausgeber erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Jens Mühlhaus, Vorstand der Green City Energy AG, eines alternativen Energiedienstleisters mit Sitz in München.

Mühlhaus' Woche

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klimaretter.info: Herr Mühlhaus, fast vier Wochen sondieren Unionsparteien, FDP und Grüne schon, ob sie eine Jamaika-Koalition eingehen wollen – teils mit heftigen Auseinandersetzungen in der Klima- und Energiepolitik. Ein schlechtes Omen für Jamaika und die kommende Legislaturperiode?

Jens Mühlhaus: Wir dürfen nicht vergessen, dass hier völlig konträre politische Größen versuchen, den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden und eine Brücke zwischen Tief-Schwarz und Dunkel-Grün zu schlagen. Hier treffen nicht nur Meinungen und Standpunkte aufeinander, sondern auch Weltanschauungen und Lebenseinstellungen.

Dass die Energie- und Klimapolitik hier der größte Streitpunkt ist, war zu erwarten. Solange konstruktiv über Lösungsansätze gesprochen und verhandelt wird, sind wir auf einem guten Weg. Erst wenn die Parteien aufhören zu reden, ist Jamaika gescheitert. Und das ist ein Szenario, für das wohl keiner der Verhandlungspartner die Verantwortung übernehmen möchte.

Auch wenn die aktuelle Ausbeute der Gespräche mehr als mau ist, sollten wir nicht anfangen, schon jetzt die kommende Legislaturperiode schlechtzureden. Es ist definitiv ein schwerfälliger Start in eine Zusammenarbeit, die aber eine enorme Chance birgt. Sollte es in Deutschland gelingen, komplett gegensätzliche Meinungen und Politiker für das große Ganze – die Zukunft unseres Landes – an einen gemeinsamen Regierungstisch zu bekommen, ist Jamaika eine Konstellation mit Symbolcharakter. Daran sollten wir jetzt glauben und nicht anfangen, den zweiten Schritt vor dem ersten zu gehen.

Deutschland galt lange als Energiewende-Vorreiter und Bundeskanzlerin Angela Merkel als Klimakanzlerin. Nach ihrer vagen Rede auf dem Bonner Klimagipfel hagelte es Kritik von Umweltschützern und Grünen. Zu Recht?

Kanzlerin Merkel spielt ein gefährliches Spiel. Als hochgelobte Klimakanzlerin bekommt sie jetzt ein Glaubwürdigkeitsproblem. Sie entwickelt sich zur neuen Schutzpatronin der Kohle und verliert dabei den voranschreitenden Klimawandel komplett aus den Augen: Die deutschen Emissionen steigen. Das Ziel, den CO2-Ausstoß bis 2020 um 40 Prozent im Vergleich zu 1990 zu senken, liegt in weiter Ferne. Sie hat selbst dieses Ziel ausgerufen und ist weiter davon entfernt als je zuvor.

Es muss zu einer drastischen Kehrtwende in der Klima- und Energiepolitik kommen, damit auch nur ansatzweise eine Chance besteht, hier Schadensbegrenzung zu betreiben. Deutschland muss handeln. Ein rascher, gut durchdachter Zeitplan für den Kohleausstieg muss jetzt schnell in die Tat umgesetzt werden. Denn sonst hat Frau Merkel nicht nur ein Glaubwürdigkeits-, sondern auch ein Zeitproblem. Der Klimawandel schreitet unaufhörlich voran, das sollte gerade ihr als Naturwissenschaftlerin bekannt sein.

Branchenvertreter klagen, dass es immer schwieriger wird, mit Windenergieanlagen Geld zu verdienen, da die Vergütungssätze von Ausschreibung zu Ausschreibung sinken. Was ist Ihre Erfahrung und was erwarten Sie von der kommenden Regierung?

Die Windbranche steckt in einer tiefen Krise. Die Kanzlerin und ihre drei Regierungen haben es in ihren Legislaturperioden erfolgreich geschafft, erst den Photovoltaik- und nun den Windmarkt stark zu schwächen. Die hiesigen Projektierer können zurzeit nur überleben, wenn sie flexibel auf neue Gegebenheiten reagieren und zum Beispiel ins Ausland gehen. Gemeinsam müssen wir der zukünftigen Bundesregierung deutlich vor Augen führen, dass mit den aktuellen Rahmenbedingungen nur sehr wenige unserer Unternehmen wirtschaftlich agieren können.

In der Erneuerbare-Energien-Branche arbeiten in Deutschland 380.000 Menschen, in der Kohle 40.000. Es wird Zeit, dass alle Verantwortlichen die Augen aufmachen – es eilt. Die Kohlearbeitsplätze fallen ohnehin bald weg, und dann? Strom aus dem Ausland kaufen? Anlagentechnik aus China? Wer macht in diesem Land bitteschön eine seriöse Wirtschaftspolitik?

Die Ausschreibungsregularien müssen schnellstmöglich überarbeitet werden. Die einstige Vorreiterrolle Deutschlands in Bezug auf den Ausbau erneuerbarer Energien bröckelt mit jeder Ausschreibungsrunde weiter. Ganze Projekte liegen über Jahre brach – ein klima- und arbeitsplatzfeindliches Szenario, das nicht im Sinne einer Regierung im 21. Jahrhundert sein kann.

Was jetzt hilft, ist nicht, mit Sorge Richtung Berlin zu schauen, sondern vielmehr auf Tatsachen und Fakten zu bauen, die für den konsequenten Zubau von Erneuerbare-Energien-Anlagen sprechen: Regenerativer Strom steht kurz vor der Wettbewerbsfähigkeit. Die Früchte des Erneuerbare-Energien-Gesetzes können also bald geerntet werden. Auf den letzten Metern darf uns jetzt nur nicht die Puste ausgehen!

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Meine Überraschung der Woche ist eine ganz persönliche: Sie erwischen mich für diese Zeilen auf dem Weg nach Wien, wo Green City Energy den Europäischen Solarpreis 2017 von Eurosolar erhält. Eine Würdigung von den Wegbereitern der Erneuerbare-Energien-Branche.

Diese Auszeichnung ist für uns mehr als nur eine Trophäe in unserer Unternehmensgalerie. Sie zeigt uns ganz deutlich, dass unser Weg seit mehr als 25 Jahren der richtige ist. Und dass es sich lohnt, für das übergeordnete Ziel, den Umstieg auf 100 Prozent erneuerbare Energie, zu kämpfen und dafür ökonomisch sinnvolle Wege zu finden. Das ist ein Preis für unsere tollen Mitarbeiter, die vielen tausenden Anleger unserer Beteiligungsfonds und für die Mitglieder unseres Muttervereins, des Green City e.V. Ihnen sagen wir: Danke für euer Vertrauen!

Fragen: Sandra Kirchner

[Erklärung]  
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