Transparente Stromrechnungen, Jamaika als Stunde der Wahrheit und der Durchbruch der neuen Leitenergie

Immer wieder sonntags: Unsere Herausgeber erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Jens Mühlhaus, Vorstand der Green City Energy AG, eines alternativen Energiedienstleisters mit Sitz in München.

Mühlhaus' Woche

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klimaretter.info: Herr Mühlhaus, trotz des Milliarden-Überschusses auf dem EEG-Konto sinkt die Umlage im kommenden Jahr nur minimal. Dagegen sind die Industrie-Rabatte erneut gestiegen. Für die bestehenden Ausnahmen soll nach einem Vorschlag der Energiewirtschaft künftig der Bund aufkommen. Eine gute Idee?

Jens Mühlhaus: Wenn der Bund einspringt, ist es im Endeffekt doch wieder der Steuerzahler, der zur Kasse gebeten wird. Was hier fehlt, ist vor allen Dingen Transparenz! Das Problem ist doch, dass der Endkunde nicht merkt, ob die EEG-Umlage sinkt oder der Börsenstrompreis sich im Rekordtief befindet, weil die Energiekonzerne und Netzbetreiber hier am Hebel sitzen. Dass die EEG-Umlage den Strompreis in die Höhe treibt, ist ein Mythos, der immer wieder genutzt wird, um die Energiewende infrage zu stellen.

Die Ungerechtigkeit liegt aber woanders. Dass Unternehmen sich von der Abgabe befreien lassen können, demonstriert einmal mehr Schlupflöcher in der Gesetzeslage, die auf Kosten des Endverbrauchers gehen. Würde der Bund nun finanzielle Schützenhilfe leisten, wird das Grundproblem nicht gelöst, sondern nur verlagert. Wir müssen endlich alle gemeinsam für den Klimaschutz einstehen, und in erster Reihe jene, die für eine hohe CO2-Belastung verantwortlich sind.

Anfang November sollen die Münchener über ein vorzeitiges Aus für das Heizkraftwerk Nord abstimmen. Der Betreiber will das Steinkohlekraftwerk aber noch bis 2035 betreiben, und der Stadtrat warnt, dass eine Schließung ab 2022 dreistellige Millionenverluste verursachen würde. Braucht München das Kraftwerk vielleicht doch noch?

Die Zeiten der fossilen Brennstoffe sind definitiv vorbei. Das Steinkohlekraftwerk produziert 17 Prozent der CO2-Emissionen Münchens und damit mehr als alle Autos und Lkws in München zusammen. In einem Punkt können sich die Münchnerinnen und Münchner sicher sein: Das Kohlekraftwerk wird für die hiesige – und für die bundesweite – Stromversorgung nicht mehr benötigt. Jedes abgeschaltete fossile Kraftwerk macht Platz für mehr erneuerbare Energie.

Allerdings darf im Fall des Münchner Steinkohlekraftwerks der Blick nicht nur auf den Stromsektor, sondern muss auch auf den Wärmesektor fallen, denn das Münchner Kohlekraftwerk versorgt auch ein mächtiges Fernwärmenetz der Stadt. Hier besteht noch erheblicher Handlungsbedarf, damit auch die Wärmeversorgung durch regenerative Quellen sichergestellt werden kann. Bis 2022 adäquate Alternativen durch Geothermie, Blockheizkraftwerke und Co vorzuweisen ist eine große Herausforderung für den lokalen Betreiber und die Stadt. Wenn der Weg hin zur fossilfreien Versorgung mit der Abstimmung geebnet wird, müssen schnell Lösungen für den Umstieg gefunden werden.

Doch ob das Kraftwerk nun 2022 oder ein paar Jahre später vom Netz geht, ist für den 5. November vielleicht gar nicht so entscheidend. Vielmehr haben an dem Tag die Münchnerinnen und Münchner die Chance, ein generelles Zeichen zu setzen und darüber abzustimmen, in was für Städten wir zukünftig leben möchten.

Sie fordern, dass die neue Regierung, die künftig wohl aus den Unionsparteien, FDP und Grünen bestehen wird, die Ausbaugeschwindigkeit der Erneuerbaren um den Faktor Fünf steigern muss. Sonst seien die deutschen Klimaziele nicht mehr zu erreichen. Woher nehmen Sie Ihren Optimismus?

Die stiefmütterliche Behandlung des Klimaschutzes im Wahlkampf darf nicht in den Sondierungsgesprächen fortgeführt werden. Die Zeichen stehen auf Veränderung. Wichtigste Maßnahme ist die Modernisierung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes, sodass ein konstanter jährlicher Ausbau von mindestens 10.000 bis 12.000 Megawatt Windkraft und Photovoltaik gewährleistet ist.

Nur so sind die in Paris versprochenen Klimaziele erreichbar, nur so gelingt ein gleichzeitiger Ausstieg aus Atom und Kohle. Und nur so gelingt die Elektrifizierung der Mobilität. Und nur so erhalten wir zehntausende Arbeitsplätze in der Windbranche, schaffen tausende neue in den vielen Zukunftsbranchen und profitieren auch als Technologieführer bei den Erneuerbaren und in der Mobilität volkswirtschaftlich von diesem unaufhaltsamen Trend.

Ich bin optimistisch, weil all diese Dinge völlig klar und logisch sind und letztlich – unideologisch betrachtet – allen drei Jamaika-Fraktionen sehr gut in die Programme passen sollten.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Die Ergebnisse der dritten Ausschreibungsrunde für Photovoltaik! Erstmals ist der Zuschlagswert für Solarenergie unter fünf Cent pro Kilowattstunde gesunken. Der niedrigste Wert lag bei 4,29 Cent und ist damit noch einmal 0,77 Cent weniger als in der letzten Runde. Die Solarenergie entwickelt sich in rasantem Tempo zur günstigsten Energieerzeugungsart.

Leider war auch diese Ausschreibungsrunde wieder deutlich überzeichnet. In der Solartechnologie steckt ein enormes Potenzial, das in Deutschland endlich genutzt werden muss. Kein anderer Energieträger wächst weltweit so schnell wie die Solarenergie. Nur die deutsche Bundesregierung blockiert noch den Durchbruch der neuen Leitenergie. Die Zeiten von Zubau-Deckelungen sollten endlich vorbei sein, damit auch hierzulande die Kraft der Sonne vollends ausgeschöpft werden kann.

Fragen: Sandra Kirchner

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