Urbane Energierevolution, verschleppter Strukturwandel und selbst verschuldete Fahrverbote

Immer wieder sonntags: Unsere Herausgeber erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Jens Mühlhaus, Vorstand der Green City Energy AG, eines alternativen Energiedienstleisters mit Sitz in München.

Mühlhaus' Woche

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klimaretter.info: Herr Mühlhaus, die USA und Russland liefern sich einen erbitterten Kampf um Platz eins auf dem Erdgasmarkt. Wie wichtig ist Gas für die Energiewende, dessen Verbrennung immerhin weniger Treibhausgase freisetzt als die von Kohle?

Jens Mühlhaus: In meinen Augen ist Erdgas keine Lösung für den Klimaschutz, sondern Teil des Problems. Gas ist kein klimafreundlicher Energieträger, es ist und bleibt eine fossile Ressource, und die muss im besten Fall dort verbleiben, wo sie herkommt. Wir können die im Pariser Klimaabkommen vereinbarten Klimaschutzziele nur erreichen, wenn rund vier Fünftel der globalen Reserven fossiler Energieträger unter der Erde bleiben und nicht genutzt werden.

Die Behauptung, Gas sei besser als Kohle, stimmt darum nur bedingt. Und mit einem Mythos möchte man auch gerne ein für alle Mal aufräumen: Anders als oft behauptet, ist Erdgas kein "idealer Partner" für die Energiewende.

Richtig ist, dass moderne Gaskraftwerke besser dazu geeignet sind, die Fluktuation in der Erzeugung der erneuerbaren Energien aufzufangen, als träge Kohlekraftwerke. Damit ist es aber nicht getan.

Auf dem Energiemarkt konkurrieren die Erneuerbaren doch mit allen Energieträgern, auch mit Gas. Je mehr und je billiger es gefördert wird, desto länger wird der ökonomische Durchbruch der Stromerzeugung aus Solar-, Wind- und Wasserkraftwerken dauern. Der notwendige Strukturwandel in unserem Energiesystem wird so nicht forciert.

Letztendlich ist es doch so: Das Gasgeschäft betreiben die Konzerne, die mit konventioneller Energieerzeugung ihr Geld verdienen. Überzeugungstäter sehen anders aus.

Green City Energy hat sein erstes Mieterstromprojekt in der Tasche. Wo liegt der Unterschied zu Ihren sonstigen Projekten?

Mieterstromprojekte sind natürlich deutlich kleinteiliger als unser bisheriges Kerngeschäft, die Projektierung und Realisierung von regenerativen Kraftwerken der Megawattklasse. Das ist aber auch gut so, letztendlich wollen wir ja erreichen, dass die Energie dort produziert wird, wo sie auch verbraucht wird.

Wir haben es in der Planung also nicht mit Kommunen und Grundstücksbesitzern zu tun, um Flächen für Wind- oder Solarparks oder auch Wasserrechte zu sichern. Vielmehr sind unsere Partner Unternehmen aus der Immobilienwirtschaft oder eben Bauherren, die ihren Mietern einen zusätzlichen ökologischen und ökonomischen Anreiz über günstigere Stromkosten sichern wollen.

In der Projektrealisierung haben wir es trotzdem oft mit langwierigen Prozessen zu tun. Gerade bei Neubauprojekten dauert es oft mehr als ein Jahr, bis aus einem Projektansatz Realität wird. Außerdem haben wir es mit Zählpunkten, Abrechnungsthemen und Energietechnik in der Gebäudeversorgung zu tun, das ist schon eine andere Welt.

Im Grunde kehren wir mit den Mieterstromprojekten zu unseren Wurzeln zurück. Sie sind ein Schlüssel zur urbanen Energierevolution – vorausgesetzt, wir schaffen es, genügend Projekte trotz suboptimaler gesetzlicher Rahmenbedingungen zu realisieren.

Die Nachhaltigkeits-Ratingagentur Oekom Research hat Green City Energy erneut den "Prime-Status B+" verliehen. Was fehlt denn zum A+?

Die Bestätigung der Note B+ ist für uns insofern ein sehr erfreuliches Ergebnis, weil die Anforderungen des Re-Ratings höher gesetzt wurden. Der Grund für diese Verschärfung lag hauptsächlich daran, dass Green City Energy in der Zwischenzeit über hundert Mitarbeiter hat.

Beim Re-Rating hat sich damit die insgesamt gute Nachhaltigkeits-Performance unseres Unternehmens bestätigt. Zum jetzigen Zeitpunkt ist kein Unternehmen unserer Branche mit einem A-Rating bewertet, darum können wir mit unserem Ergebnis und der Bestätigung des "Prime-Status" mehr als zufrieden sein.

Was fehlt? Ich denke, die größten Verbesserungspotentiale liegen in unserer Lieferkette, also leider außerhalb unseres aktiven Einflussbereichs. Das soll aber nicht heißen, dass wir nicht weiter daran arbeiten, besser zu werden.

Immer wieder wird gestritten, ob Ihre Heimatstadt München vielleicht bald Fahrverbote für besonders schmutzige Diesel-Autos verhängt. Wie fänden Sie das?

Unser Mutterverein Green City hält Fahrverbote für das letzte Mittel, um der eklatanten Luftverschmutzung Einhalt zu gebieten. Doch wenn es so kommen sollte, dann ist das ein Armutszeugnis für die Politik. Fahrverbote zeugen nämlich von Untätigkeit in allen anderen Bereichen.

Wir fordern in unserem Reinheitsgebot für Münchner Luft darum ein Maßnahmenpaket, das in der Lage ist, die gesundheitsschädlichen Emissionen mittelfristig und nachhaltig auf das gesetzlich erlaubte Niveau abzusenken. Um Mobilität zu erhalten – darum geht es ja –, müssen wir Verkehr verbessern, vermeiden und letztendlich auch verlagern.

Dazu haben wir ein Zehn-Punkte-Aktionsprogramm aufgestellt. Neben dem Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs muss dem Rad- und Fußverkehr Vorrang eingeräumt werden, die autogerechte Stadt hat ausgedient. Wir brauchen zudem Sharing-Modelle, die es uns erlauben, ohne den Besitz einer stinkenden Blechkarosse, schnell und einfach von A nach B zu kommen.

Auch wir selbst werden hier bald aktiv werden, der Mobilitätssektor ist ein attraktiver Zukunftsmarkt. Und wir sitzen ja auf der Treibstoffquelle der Zukunft. Unsere Kraftwerksparks produzieren genug Ökostrom, um rund 60.000 Elektroautos zu betanken, das ist fast doppelt so viel, wie es in Deutschland überhaupt Elektroautos gibt.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Die große Überraschung zum Ende der Woche kommt aus Stuttgart: Das drohende Fahrverbot für Dieselautos wird großen Einfluss auf die Verkehrspolitik der Städte haben. Jetzt kommt die Verkehrswende, endlich!

Und, meine Güte, es ist schon wieder Ende Juli! Es ist jedes Jahr wieder überraschend, wenn die Sommerferien dann tatsächlich vor der Tür stehen. In Bayern und München beginnt jetzt die schönste Jahreszeit.

Fragen: Susanne Schwarz

[Erklärung]  
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