Schwerpunkte

Meeresspiegel | E-Mobilität | Wahl

Turbo solar, falsches Warten und die überraschenden Vorteile des Fahrrads

Immer wieder sonntags: Unsere Herausgeber erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Jens Mühlhaus, Vorstand der Green City Energy AG, eines alternativen Energiedienstleisters mit Sitz in München.

Mühlhaus' Woche

Bild

klimaretter.info: Herr Mühlhaus, 2016 machten Ökoenergien mehr als die Hälfte der weltweit neu installierten Kapazität aus – ein Rekordanteil. Ihre Gesamtkapazität liegt nach Schätzung der Internationalen Organisation für erneuerbare Energien Irena nun bei mehr als zwei Millionen Megawatt. Ist das der Durchbruch der Erneuerbaren?

Jens Mühlhaus: Ich bin überzeugt, der grundsätzliche Durchbruch ist geschafft. Das heißt natürlich nicht, dass jetzt nichts mehr zu tun bleibt – gerade in Ländern wie Deutschland, die ja witterungsmäßig nicht so optimale Voraussetzungen für Erneuerbare mitbringen. Andere Länder haben viel gleichmäßigere Wind- und Sonnenbedingungen, Marokko zum Beispiel.

Man muss es immer wieder sagen: Es reicht nicht, nur Erneuerbare-Energien-Anlagen zu bauen. Wir müssen das gesamte Energiesystem sektorenübergreifend zusammendenken und intelligent vernetzen, um Synergieeffekte zu nutzen.

Die Herausforderung besteht also nicht darin, den "Welpenschutz" für die Erneuerbaren zu beenden, wie der damalige Wirtschaftsminister Gabriel seine EEG-Novelle begründet hat. Vielmehr besteht die Herausforderung darin, die regulatorischen, technischen, vor allem aber politischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen für diese Transformation zu organisieren. Je verantwortungsvoller und weitsichtiger wir hier handeln, desto kosteneffizienter können wir das langfristig gestalten.

Ein Report der Europäischen Umweltagentur zeigt, dass die Unterschiede beim Ausbau der erneuerbaren Energien zwischen den europäischen Staaten gewaltig sind. Ist ein Europa der verschiedenen Geschwindigkeiten bei der Energiewende denkbar?

Die verschiedenen Geschwindigkeiten sind nicht nur denkbar, sie sind Realität. Diese Ungleichzeitigkeiten finden sich weltweit in allen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bereichen.

Grundsätzlich ist es keine Option, auf das Aufholen der Nachzügler zu warten. Jedes Land sollte die Energiewende so effektiv wie möglich gestalten, ohne sich über die individuellen Hürden hinaus einbremsen zu lassen.

Das europäische Netz ist bislang trotzdem nicht zusammengebrochen. Wenn sich Netzkopplungsprobleme mit Nachbarn ergeben, müssen die "Schnelleren" ihre Hausausgaben machen und auch ihr Netz und ihre Speichertechnik in die Lage versetzen, den Erneuerbaren-Strom zu handhaben. Unsere Klimaschutzziele erlauben kein Warten und kein Verhandeln.

Experten schätzen, dass der Strombedarf für eine vollständige Dekarbonisierung des Strom-, Wärme- und Verkehrssektors bis auf das Doppelte des heutigen Verbrauchs ansteigen wird – sofern auf eine sparsame Energienutzung Wert gelegt wird. Was bringt den Turbo für die Energiewende?

Den Turbo wird die Photovoltaik liefern. Genügend Flächen sind vorhanden, sowohl auf und an Gebäuden als auch auf sonstigen Flächen.

Voraussetzung wäre allerdings, dass alle Neuanlagen und am besten auch die Bestandsanlagen mit Speichertechnik ausgestattet und auch in ihrer Einspeiseleistung limitiert werden. Die Große Koalition hat die Photovoltaik in Deutschland in den letzten Jahren systematisch ausgebremst, statt sie an diese beiden Bedingungen zu knüpfen und somit ihren zügigen systemdienlichen Zubau zu ermöglichen.

Dezentral erzeugter Solarstrom kann und wird der entscheidende Rohstoff für nachhaltige Wärmeerzeugung und Mobilität sein, wobei für die Wärmenutzung auch Wärmespeicher zwingend nötig sind. Dass ganz Deutschland in Zukunft im Winter gleichzeitig seine Wärmepumpen in Betrieb setzt, ist vom Stromsystem nicht zu leisten. Bei dezentraler Solarstromnutzung haben wir selbst auch ein spannendes Projekt in der Pipeline.

Durch das Ausbalancieren von Technik und Vermarktung soll bei den sogenannten Innovationsausschreibungen für Erneuerbaren-Anlagen das systemdienlichste System gefunden werden, schlägt der Bundesverband Erneuerbare Energie vor. Was halten Sie davon?

An sich ist es sehr zu begrüßen, dass der Verband die Initiative ergriffen hat und überlegt, wie der Anlagenzubau künftig systemdienlich erfolgen kann. Zum vorgeschlagenen Ausschreibungsdesign stellen sich allerdings ein paar Fragen.

Zum Beispiel: Wie können Einspeisespitzen auch wirklich ausgeschlossen werden, statt nur indirekt ihre Vermeidung anzureizen? Nur so wird ja tatsächlich Netzkapazität frei.

Wir müssen uns auch die Frage stellen, ob mit diesem Design nicht eher wieder die "großen Player" Chancen erhalten. Also: Wie können auch dezentrale Bürgerenergie-Projekte einen Förderrahmen bekommen?

Eine ganz grundsätzliche Frage ist aber nach wie vor, wie sinnvoll das gesamte Ausschreibungsprinzip in Bezug auf den Ausbau der Erneuerbaren ist. In den Augen der meisten Experten der Branche ist es nicht besonders sinnvoll, und so sehe ich das auch. Es fragt sich also, inwieweit man dieses Prinzip durch die Weiterentwicklung festschreiben und anerkennen will.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Ein Überraschung war für mich, welche Regularien der Bundestag zum autonomen Fahren beschlossen hat. Da sind noch viele Datenschutz- und Haftungsthemen offen. Wie soll sich eine zuverlässige Technik entwickeln, wenn die Fahrzeughersteller nicht zumindest für bestimmte Fahrsituationen die Gewähr übernehmen und eben doch der Fahrer immer die letztendliche Verantwortung trägt? Da fragt man sich als Nutzer, ob man nicht doch lieber aufs Fahrrad steigt.

Fragen: Sandra Kirchner

[Erklärung]  
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen