Windige Reformen, nötige Speicher und undurchsichtige Sozialdemokraten

Immer wieder sonntags: Unsere Herausgeber erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Jens Mühlhaus, Vorstand der Green City Energy AG, eines alternativen Energiedienstleisters mit Sitz in München.

Mühlhaus' Woche

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klimaretter.info: Herr Mühlhaus, Der Ausbau der Windenergie blieb auch im Jahr 2016 auf hohem Niveau. Branchenverbände erwarten noch zwei weitere "starke" Jahre, bis durch die neuen Ausschreibungen die Vergütungen zu stark sinken. Sehen Sie die Windkraft in Deutschland auf einem guten Weg?

Jens Mühlhaus: In Deutschland sind bereits neue Windparks mit einer Nennleistung von über 6.000 Megawatt genehmigt, diese werden in den nächsten beiden Jahren noch gebaut. Das ist aber nur eine Abarbeitung auf Basis des alten Erneuerbare-Energien-Gesetzes.

Das sieht man auch an den aktuellen Zahlen: 2016 wurden bundesweit an Land 1.624 neue Windkraftanlagen mit insgesamt 4.625 Megawatt Leistung ans Netz gebracht, nur 2014 wurden mehr Windräder errichtet. Zukünftig soll die Ausbaumenge über das Ausschreibungsverfahren auf 2.800 Megawatt gedeckelt werden, die Ausbaugeschwindigkeit wird also verlangsamt, statt – wie aus Klimaschutzgründen geboten – beschleunigt.

Wir sind also auf dem Holzweg, gar keine Frage. Wir dürfen aus den jetzigen hohen Ausbauzahlen keine falschen Schlüsse ziehen, diese Vorzieheffekte waren zu erwarten. Perspektivisch bleibt für die Versorgungssicherheit – Stichwort Atom- und Kohleausstieg – sowie aus Wettbewerbsgründen für die deutsche Wirtschaft – Stichwort Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen – keine andere Wahl, als den jährlichen Zubau im Wind- und auch im Solarbereich wieder auf 4.000 bis 6.000 Megawatt zu erhöhen und für viele Jahre zu halten.

Hans-Josef Fell kritisiert im klimaretter.info-Standpunkt, dass sich die Bundesregierung immer stärker abhängig mache von russischen Gasimporten und zugleich den Ausbau der erneuerbaren Energien bremse. Die Ukraine gehe – notgedrungen – einen anderen Weg und setze auf Energieunabhängigkeit, Energieeffizienz und Erneuerbare. Ist der Vergleich unfair?

Ich finde den Vorwurf von Hans-Josef Fell absolut berechtigt, was die Steigerung des Erdgasverbrauchs anbelangt. Klar, durch den Preisverfall ist Erdgas günstiger geworden. Das allein darf aber nicht als Argument herhalten. Neben den klimatischen Nachteilen gegenüber Ökostrom geht mit großen Energieimporten auch immer eine politische Abhängigkeit einher.

Nur durch den Ausbau der erneuerbaren Energien kann sich Deutschland von fossilen Energielieferungen unabhängig machen. Stattdessen bremst die Regierung die Energiewende, und immer größere Anteile des Stroms, den Deutschland produziert, werden ins Ausland exportiert. Das wird durch fossile Brennstoffe kompensiert. Das ist doch absurd!

Wir müssen die Wärmewende voranbringen und sektorenkoppelnde und dezentrale Konzepte entwickeln, die uns erlauben, den Ökostrom dort einzusetzen, wo er produziert wird, statt die Energiewende schlecht zu reden und den Ausbau zu deckeln und durch Ausschreibungen zu erschweren. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.

Die Abhängigkeit beleuchtet Hans-Josef Fell eventuell ein wenig einseitig. Aus wirtschaftlicher Sicht ist Russland auf Deviseneinnahmen durch Energieexporte angewiesen. Die Milliarden aus dem Gasgeschäft, die jetzt noch jährlich von Deutschland nach Russland fließen, sind also auch ein politischer Hebel. Das sollte man nicht vergessen, auch wenn man auf diesen Hebel perspektivisch lieber verzichten mag.

China hat laut seiner nationalen Energiebehörde im vergangenen Jahr Photovoltaikanlagen mit einer Nennleistung von insgesamt 34.000 Megawatt neu installiert. Der Ausbau stößt allerdings inzwischen an seine Grenzen – der Netzausbau kommt nicht hinterher. Was kann China in dem Fall von Deutschland lernen?

Deutschland kann in diesem Punkt für mich nicht als Vorbild dienen. Der Netzausbau hinkt hierzulande ja ebenfalls hinterher. Die Lösung kann ohnehin nicht nur im Netzausbau liegen. Der Stromverbrauch muss intelligenter werden und wir brauchen verschiedene Möglichkeiten der dezentralen Nutzung und Speicherung.

Wer behauptet, die nötigen Speicher seien zu teuer, hat unrecht. Erstens legen die Preise für diese Speicher gerade eine ähnliche Talfahrt hin wie früher die Solarmodulpreise. Zweitens werden bei einem direkten Kostenvergleich von Netzausbau und Speichern einige volkswirtschaftliche Aspekte außer Acht gelassen. Da geht es ins Detail: Durch Speicher werden Netzausbaukosten eingespart – laut der Netzstudie der Deutschen Energie-Agentur Dena mindestens vier Milliarden Euro. Es werden auch Netzregelkosten reduziert, lokale Netzkapazitäten freigesetzt und die EEG-Umlage durch mehr Eigenverbrauch entlastet. 

Zusätzlich können fossile Brennstoffimporte reduziert werden, weil weniger EEG-geförderter Strom aus Solarkraftwerken zur Mittagszeit exportiert werden müsste. Durch die Speicher werden auch die Systemkosten für Solaranlagen durch den Einsatz kleinerer Wechselrichter und Netzanschlüsse gesenkt und sie gewährleisten den Werterhalt von Solaranlagen für die Zeit nach der EEG-Vergütung.

Falls China das alles vor der deutschen Bundesregierung erkennt und Speicher ein integraler Bestandteil der chinesischen Solarstrategie werden, dann werden wir am Ende diejenigen sein, die von China lernen müssen.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Überraschend ist die Dynamik, die sich in Berlin seit der Ernennung von Martin Schulz zum SPD-Kanzlerkandidaten zeigt. Schaut man auf Klimaschutz und erneuerbare Energien, bleiben allerdings große Fragezeichen. Es ist ziemlich unklar, wie die Politik der SPD hier in Zukunft aussieht. Da fragt man sich schon: Haben die Sozialdemokraten zu diesen Themen überhaupt eine Position, die in möglichen Koalitionsverhandlungen nach der Bundestagswahl nicht auf dem Altar anderer Interessen landen würde?

Fragen: Benjamin von Brackel

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