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Fatale Signale aus Washington, schummelnde Stromanbieter und der Brexit

Immer wieder sonntags: Unsere Herausgeber erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Gero Lücking, Geschäftsführer für Energiewirtschaft beim unabhängigen Ökostrom-Anbieter Lichtblick.

Lückings Woche

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klimaretter.info: Herr Lücking, US-Präsident Trump hat ein Dekret erlassen, das die Klimaschutzpolitik seines Vorgängers Obama rückgängig machen soll. Bundesumweltministerin Hendricks bleibt trotzdem optimistisch und meint, dass Trump den weltweiten Klimaschutz nicht stoppen kann. Sehen Sie das auch so?

Gero Lücking: Alle fachkundigen Personen, die ich dazu in Berlin befragt habe, sind sehr entspannt. Klima- und Energiepolitik seien im wesentlichen Sache der Bundesstaaten. Vielleicht würden ein, zwei Kohlegruben kurzfristig profitieren, aber die große 180-Grad-Wende sei nicht in Sicht. Sogar die Kohlelobby der USA relativiert ja schon die Hoffnungen der Kohlekumpels: So wie früher werde es nie wieder.

In der Summe werden wohl – so die allgemeine Einschätzung – ein paar reiche Freunde von Trump die größten Profiteure seines Dekrets sein. Weder die Kohlekumpels seien die Gewinner noch sei zu befürchten, dass damit die Ansätze einer erneuerbaren Energiewirtschaft in den USA im Keim erstickt werden.

Trotzdem ist das Signal fatal. Wahrscheinlich verspüren einige Kohlelobbys in der Welt Rückenwind und werden versuchen, sich hinter der Trump-Politik zu verstecken und ihre Interessen durchzusetzen. Den weltweiten Megatrend der Energiewende und die zunehmende ökonomische Vorteilhaftigkeit der Erneuerbaren wird aber auch ein US-Präsident Trump nicht aufhalten können.

Am Mittwoch hat Großbritannien den offiziellen Brexit-Antrag übergeben. Welche Auswirkungen wird er auf die europäische Energiewirtschaft haben?

Wie bei allem anderen, das im Zusammenhang mit dem Brexit diskutiert werden muss, sind auch die energiewirtschaftlichen Themen mit großen Unsicherheiten und Fragezeichen verbunden. Gasförderung und Gasexporte beziehungsweise -importe in die EU könnten ein Thema werden. Hier steht die physikalische Versorgungssicherheit im Vordergrund. Tendenziell scheinen die Konfliktthemen im Bereich Gas aber eher gering.

Komplizierter wird es beim Thema CO2 und dem Emissionshandel. Beim Austritt Großbritanniens könnten theoretisch große Mengen an CO2-Zertifikaten frei werden. Diese würden zu einem weiteren Preisverfall führen, sofern sie nicht dem System entzogen, also entwertet würden. Wir groß die Unsicherheiten sind, zeigt die CO2-Preisentwicklung: Nach dem Brexit-Votum sank der Zertifikatepreis um 20 Prozent. Damit sackte er stärker ab als das britische Pfund. Zudem hat sich das Pfund schneller erholt als der CO2-Preis. Hier gibt es also konkreten Regelungsbedarf.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Nicht nur die Automobilindustrie schummelt bei der Angabe von Verbrauchsangaben und der Höhe der CO2-Emissionen pro Kilometer, sondern auch die Stromversorger bei der Angabe ihrer Stromqualitäten. Viele Versorger stellen ihre Stromlieferung sauberer dar, als sie ist. Und das ruft zu Recht die Verbraucher auf den Plan, die Energieversorger wegen "Irreführung der Kunden" erfolgreich abgemahnt haben, wie das Handelsblatt Ende der Woche berichtet hat. Ein Bündnis aus Umweltverbänden und Ökostromanbietern hat weitere Fälle von Verbrauchertäuschung aufgedeckt.

Die gesetzliche Stromkennzeichnung verpflichtet die Versorger dazu, in ihrem Strommix einen Pflichtanteil von bis zu 46 Prozent EEG-Strom auszuweisen. Eingekauft wird dieser EEG-Strom von den Versorgern aber nicht. So verfehlt die Kennzeichnung ihren Sinn und Zweck. Denn statt die Verbraucher über die Einkaufsphilosophie des jeweiligen Stromversorgers aufzuklären, wird der Strommix umweltfreundlicher dargestellt, als er ist. So wird der Anteil von Kohle- und Atomstrom in den Stromtarifen künstlich kleingerechnet.

Nicht nur in der Automobilindustrie, sondern auch in der Stromversorgung hat der Gesetzgeber seine Hausaufgaben noch nicht gemacht.

Fragen: Friederike Meier

[Erklärung]  
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