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Arbeitsplätze, alte Denke und allzu einfache Politik

Immer wieder samstags: Unsere fünf Herausgeber erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Gero Lücking, Vorstand für Energiewirtschaft beim unabhängigen Ökostrom-Anbieter Lichtblick.

Lückings Woche

Herr Lücking, Q-Cells wird koreanisch. Ist das schlimm?

Gero Lücking: Als Außenstehender sage ich: Nein, das ist nicht schlimm. Es kommt immer auf den Blickwinkel an. Schauen wir aus dem Blickwinkel der Energiewende, ist es wichtig, dass das Unternehmen mit seinem wichtigen Know-How gerettet wird, das Wissen nicht verloren geht. Ein großer Player steigt ein, der in der Solarenergie und in der Energiewende Geschäfts- und damit Wachstums- und Gewinnperspektiven sieht. Das kann für die Energiewende nur gut sein.

Aus Sicht der Arbeitnehmer und des Standortes kann es gegebenenfalls anders beurteilt werden, weil sich natürlich die Frage nach Erhalt der Arbeitsplätze und des Standortes stellt. Aber generell gilt wohl auch hier: eine Rettung ist besser als ein Totalverlust.

Derzeit wird heftig über den Strompreis debattiert. Richtig ist, dass die EEG-Umlage im Herbst steigen wird, weil der Ausbau der Erneuerbaren eine Erfolgsgeschichte ist. Was ist falsch in der Debatte? Was stört Sie? Oder vielleicht anders gefragt: Brauchen wir eine Alternative zum EEG und wie könnte die aussehen?

Störend an der Debatte ist, dass es Teil einer breit angelegten Kampagne gegen die Energiewende ist. Da passt der Termin der Veröffentlichung der neuen EEG-Umlage zum 15. Oktober bestens ins Konzept. Derzeit wird alles – egal ob sachlich richtig oder falsch – der Energiewende angelastet. Vergleicht man die Energiepreise heute mit denen aus dem Jahre 2008, wird man feststellen, dass wir auf dem gleichen Niveau sind. Es gibt also eigentlich keinen Grund zu einer solch übertriebenen Aufregung.

Der Energiepreis setzt sich aus dem Großhandelspreisniveau und der EEG-Umlage zusammen. Die Zusammensetzung hat sich geändert: Während die Großhandelspreise aufgrund des Ausbaus der Erneuerbaren Energien auf niedrigstem Niveau sind, ist die EEG-Umlage gestiegen. In der Summe zahlen wir das Gleiche wie 2008, als der Großhandelspreis historisch hoch und die EEG-Umlage niedrig war. Hinzu kommt, dass die Industrie von den gesunkenen Großhandelspreisen profitiert und es mit ihrer Lobby zusätzlich erreicht hat, sich aus der Finanzierung der Energiewende komplett heraus zu winden. Das muss geändert werden. Die Industrie profitiert und muss sich deshalb auch vernünftig an der Finanzierung beteiligen. (Schöner Nebeneffekt: die Horrorszenarien, dass mit Abschalten von Atomkraftwerken die Großhandelspreise explodieren, haben sich übrigens nicht bewahrheitet.)

Auch die Kosten des Netzausbaus jetzt komplett der Energiewende anzulasten, ist unseriös. Die Netzausbaumaßnahmen sind zum Teil lange vor der Energiewende angestoßen worden. Grenzkuppelstellen und deren Anschluss an das deutsche Netz müssen ausgebaut werden, weil die EU den europäischen Binnenmarkt für Strom anstrebt und deshalb die Nadelöhre an den Grenzen beseitigen will.

Wir investieren mit der Energiewende in die Zukunft. Es gibt sehr gute Gründe für die beschlossene Energiewende. Sie gelten immer noch uneingeschränkt und deshalb ist es falsch, jetzt daraus eine rein Kostendebatte zu machen. Es geht wie immer um handfeste Interessen. Die Gewinner und Profiteure der Energiewende dürfen sich eine einseitige Debatte nicht aufdrängen lassen. Noch ist das Thema nicht gewonnen, noch sind nicht alle Atomkraftwerke abgeschaltet, das Klima nicht gerettet.

Unser Kolumnist Georg Etscheit schlug vor, den Strompreis zu verdoppeln, um so wirkliche Anreize zu setzen, Strom zu sparen. Finden Sie das okay?

Die Energieeffizienz kommt an allen Ecken und Enden zu kurz. Die Bundesregierung scheut sich, den Energieversorgern verbindliche Effizienzvorgaben zu machen und lehnt darum entsprechende Initiativen aus Brüssel ab. Warum eigentlich? Absurd. LichtBlick fände das toll. Uns geht es um die Versorgung von Endkunden, nicht darum, dass diese Kunden möglichst viel Energie verbrauchen. Das ist alles "alte Denke", die nicht mehr zeitgemäß ist. Und einen Wettbewerb um Energieeffizienz zu initiieren, wäre doch eine tolle Sache. Das brächte die Wirtschaft mit Innovationen wieder nach vorne.

Dass Effizienzinvestitionen schneller wirtschaftlich werden, wenn die Energiepreise hoch sind, ist richtig. Ob es jetzt schlau ist, in Zeiten für höhere Preise zu werben, in denen mit der ganzen Lobbymacht versucht wird, mit Argumenten steigender Preise die Energiewende rückgängig zu machen, beschlossene Ausstiegsfahrpläne in Frage zu stellen und alte und gefährliche Atom- und Kohlekraftwerke länger am Netz zu halten, weiß ich nicht. Oder anders ausgedrückt: Ich würde jetzt das politische Ziel der Energiewende offensiv verteidigen, als dass ich mit Forderungen nach noch höheren Preisen noch mehr Verunsicherung und Widerstand provoziere.

Die Regierung hat in dieser Woche die Managementprämie abgesenkt, die sie erst zum Jahresanfang eingeführt hatte. Wofür brauchen wir diese Prämie?

Es ist unsäglich, dass die Politik zum wiederholten Male nach nur wenigen Wochen der Einführung bestimmter Instrumente diese wieder in Frage stellt und ändert. So kann man als Unternehmen keine neuen Geschäftsmodelle planen und aufbauen.

Im Rahmen der Einführung der Marktprämie wurde die Direktvermarktung von erneuerbaren Strom vorangetrieben. Die Anlagen speisen derzeit im Rahmen der gesetzlichen Regelungen des EEG Strom ins Netz ein, wann immer sie wollen. Die Vergütungen ist ihnen garantiert. Im Zuge des weiteren Ausbaus ist diese "einfache" Vorgehensweise nicht mehr sachgerecht. Die erneuerbare Energie muss sich in den Markt integrieren, beziehungsweise der Markt und der Ordnungsrahmen, in dem der Markt funktioniert, müssen sich an die Spezifika der fluktuierenden Energien anpassen.

Die Marktprämie hat hierzu Anreize geschaffen, Wind- und Wetterverhältnisse vorherzusagen, erneuerbare Erzeugung zu prognostizieren. Prognosesicherheit ist Voraussetzung dafür, dass Erzeugung und Verbrauch sinnvoll in Einklang gebracht werden kann. Wir haben als LichtBlick im Rahmen der Marktprämie eine ganz neue Infrastruktur in Richtung Windkraftbetreiber aufgebaut. Wir können jetzt prognostizieren, Energiemengen online abrufen, Messwerte erfassen und abrechnen. Diese Investitionen sind notwendig, um Anlagen aktiv steuern zu können, beispielsweise um aus ihnen Regel- und Ausgleichsenergie zur Netzstabilität bereitstellen zu können. Das ist Marktintegration. Die Managementprämie hat diese Investitionen attraktiv gemacht.

Die Politik hatte also mit Einführung der Managementprämie Geld in die Hand genommen, um in die Zukunftsfähigkeit des Systems zu investieren. Das war eine richtige, sehr unternehmerische Entscheidung. Es wurde investiert, um das System fit für die Zukunft zu machen. Jetzt steht alles wieder zur Disposition. Ob eine solche Marktintegration unter den neuen Rahmenbedingungen aus den Unternehmen heraus weitergeführt werden kann, ist derzeit offen. Eine kontinuierliche Degression der Prämie war ohnehin auch in der bisher gültigen Regelung vorgesehen. Eigentlich hätte man alles so belassen sollen und können, wie es seit Januar gilt.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Bundesumweltminister Peter Altmaier liegt in der Beliebtheitsskala deutscher Politiker auf Platz 5. Das ist für ihn nach 100 Tagen der Amtsausführung doch ein toller Erfolg. Eine repräsentative Umfrage unter 1.050 Bundesbürgern, die LichtBlick in Auftrag gegeben hatte, ergab dass nur 18 Prozent der Deutschen in ihm einen größeren Treiber für die Energiewende sehen als in seinem Vorgänger Norbert Röttgen. 55 Prozent sehen keine Fortschritte beim Ausbau von erneuerbaren Energien, Stromnetzen und Speichern. Um so überraschender, dass er in den Sympathiewerten ganz vorne mitspielt.

Fragen: reni

[Erklärung]  
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