Mehr Erneuerbare? Nützt allein nichts!

Schreckt es Menschen vom Klimaschutz ab, wenn negative Ziele ausgegeben werden? Etwa die Reduktion von Treibhausgasen? Aber nein, sagt der Schweizer Wissenschaftsjournalist Marcel Hänggi. Eine solche Argumentation geht nicht nur von einer sehr neurotischen Gesellschaft aus; sie verfolgt auch eine Strategie, die nichts bringt. Denn mehr erneuerbare Energien führen nicht automatisch zu weniger fossilen.

Teil 4 der Zwei-Grad-Debatte auf klimaretter.info

von Marcel Hänggi, Wissenschaftsjournalist und Autor in Zürich

Wer Ahmed Zaki Yamani ist, wissen heute nur noch wenige. Als mächtiger Öl-Minister von Saudi-Arabien prägte der Scheich vor mehr als 30 Jahren ein Bonmot, das immer wieder gern zitiert wird: "Die Steinzeit ging nicht zu Ende, weil es zu wenig Steine gab – und das Erdölzeitalter wird nicht aus einem Mangel an Erdöl zu Ende gehen." Sondern, so die nicht ausgesprochene Folgerung, wenn man etwas Besseres findet.

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Festgefahren in fossilen Strukturen. Hänggi fordert: Runter vom Gas. (Foto: Greenpeace EU)

Das Zeitalter der fossilen Energien nicht dadurch zu beenden, dass man die Nutzung von Öl, Gas und Kohle begrenzt, sondern indem man das Bessere fördert: Das hat an dieser Stelle auch Eicke Weber gefordert, der Leiter des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg. Mit einem "negativen Ziel", also Reduktionszielen für Treibhausgase, verbänden die Menschen in der Regel eine Verringerung der Lebensqualität, so Weber. Deshalb brauche die Klimapolitik "positive Ziele": mehr erneuerbare Energien – und nicht weniger fossile.

Inzwischen fordern fast alle immer "mehr" – sogar die Grünen!

Eicke Weber ist mit dieser Forderung in guter Gesellschaft. Denn genauso, wie er es vorschlägt, läuft die öffentliche Debatte doch längst! Forderten die Bündnisgrünen im Bundestagswahlkampf 2009 weniger Autos? Nein. Auch wenn ich mir das vor 25 Jahren nicht hätte träumen lassen, sie forderten neue Autos – nämlich "eine Million Elektroautos" bis 2020. Auch die schwarz-gelbe Regierung setzt auf positive Ziele.

Oder der Weltklimarat IPCC: In der Zusammenfassung des dritten Teils seines Sachstandsberichts von 2007 – des Teils, in dem es um Lösungen geht – kommt das Wort "weniger" bloße viermal vor. Das Wort "mehr" hingegen dreißigmal. Alle Klimastrategien aller Regierungen dieser Welt kennen nur das Wort "mehr": mehr Erneuerbare, mehr Energieeffizienz, mehr "umweltfreundliche Autos" (welch unsägliche Wortkombination). Zugegeben, es gibt Ausnahmen, aber es sind wenige – etwa der König von Bhutan oder die Stadtregierung von Zürich.

Gewiss: Wenn der Anteil der Erneuerbaren, wie Weber fordert, schließlich hundert Prozent erreicht, bedeutet das selbstverständlich auch weniger – nämlich null Prozent – fossile und atomare Energie. Aber ist die Steigerung der erneuerbaren Energieerzeugungs-Kapazitäten wirklich der richtige Weg dahin?

Wer glaubt, mehr Erneuerbare und mehr Energieeffizienz heiße automatisch weniger Nicht-Erneuerbare, nimmt an, dass Substitution stattfindet. Aber man kann neue Energie auch zusätzlich konsumieren. Ein Übergewichtiger nimmt nicht ab, wenn er nach jedem Essen auch noch einen Magerjoghurt verspeist. Mit Substitution rechnet auch der saudische Scheich Zaki Yamani – er will sein Öl zusätzlich zu den erneuerbaren Energien verkaufen.

Ein wichtiger Unterschied: In der Steinzeit gab es keine Steinlobby

Die Steinzeit ging tatsächlich zu Ende, weil die Menschheit besserere Alternativen fand. Mit dem fossilen Zeitalter verhält es sich anders, denn die von Yamani suggerierte Analogie ignoriert mindestens drei wichtige Fakten: Erstens gab es in der Steinzeit keine Steinlobby, die für eine Verlängerung der Steinzeit eintrat – und es gab keine Regierungen, die von ihr hätten korrumpiert werden können. Zweitens gibt es heute noch gar keinen Energieträger, der aus rein technischer Sicht "besser" wäre: der zu ähnlich geringen Kosten produziert werden könnte, so leicht transportierbar wäre (da flüssig) und eine vergleichbare Energiedichte aufwiese wie Erdöl. Vor allem aber, drittens: Wir verbrauchen heute pro Kopf um Größenordnungen mehr Stein als in der Steinzeit.

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Das Neue löst das Alte nicht ab – auch Pferdewagen und Eisenbahnen existierten lange Zeit parallel.

Die Technikgeschichte läuft nicht so ab, dass das bessere Neue das schlechtere Alte verdrängt. Weit häufiger ist ein Nebeneinander von Altem und Neuem. Hat die Kohle das Holz abgelöst? Ja, punktuell dort, wo es keinen Wald mehr gab. Doch insgesamt hat die von der Kohle ermöglichte wirtschaftliche Dynamik den Bedarf nach Bau- und Brennholz sogar noch steigen lassen. Was den europäischen Wald vorerst rettete, war nicht das Substitut Kohle – es waren die im 19. Jahrhundert erlassenen Waldschutzgesetze, also ein "negatives Ziel".

Hat die Eisenbahn den Pferdetransport verdrängt? Im Gegenteil: Um 1930 erreichte im damaligen Bahnland Großbritannien die Zahl der Transportpferde ihren Höchststand. Die meisten Pferde waren im Besitz von Eisenbahngesellschaften, die die Pferde für den Zubringerverkehr zu den Bahnhöfen einsetzten. Und noch ein Beispiel aus meinem Heimatland: Die Schweiz hat phantastische öffentliche Verkehrsmittel mit ausgezeichneter Servicequalität selbst auf Nebenstrecken – kein Vergleich zu Deutschland. Aber wo legen die Menschen mehr Fahrzeugkilometer pro Einwohner mit dem Auto zurück? Im Autoland Deutschland? Nein, im Bahnland Schweiz.

Ich habe behauptet, es gebe keinen besseren Energieträger als Erdöl. Ich höre schon die Protestrufe derer, die vorrechnen, wie schon bald Sonne und Wind mit Öl und Gas konkurrenzfähig seien. Leider vergleichen solche Rechnungen Äpfel mit Birnen – nämlich die Herstellungskosten der Erneuerbaren mit den Marktpreisen der Fossilen. Nehmen wir an, die Erneuerbaren führen tatsächlich zu Substitution: Das hieße, die Nachfrage nach Erdöl sinkt. Also fällt der Preis. Was die Nachfrage wieder stimuliert. Bis die Erneuerbaren die Fossilen vollständig ablösen (ohne dass jemand dafür ein "negatives Ziel" politisch setzt), muss ihr Preis unter die Produktionskosten des am leichtesten zu produzierenden Öls fallen. Das sind nicht mehr als eine Handvoll Dollar pro Fass, ein Bruchteil des Marktpreises. Und Kohle ist – leider – noch viel billiger.

Der Öffentlichkeit beibringen, dass "weniger" zugleich "besser" heißen kann

Was kann man also tun? "Die Kohlendioxid-Emissionen eines Landes lassen sich oft nur indirekt durch Regierungen beeinflussen", schreibt Eicke Weber. Das stimmt nicht. Regierungen können fossile Energieträger rationieren, was den Kohlendioxid-Ausstoß sehr direkt reduziert. Solche Rationierungssysteme gibt es ja: Das Kyoto-Protokoll und das EU-Emissionshandelssystem. Leider taugt freilich das eine nichts wegen zu lascher Reduktionsziele und wegen der sogenannten flexiblen Mechanismen, während beim anderen am Design so ziemlich alles falsch ist, was falsch sein konnte.

Worum geht es also nun in der Klimapolitik? Um weniger Emissionen und um weniger Abholzung – und nur darum! Sollte es stimmen, dass der Gesellschaft nur "positive Ziele" (sprich: Wachstumsbotschaften) zumutbar wären, wäre diese Gesellschaft sehr neurotisch. Der Mainstream der Wirtschaftswissenschaften ist das, zweifellos, aber man sollte nicht von den Ökonomen auf alle schließen. Zu sagen, dass "die Menschen" sowieso nicht verzichten wollen, ist eine sehr paternalistische Argumentation. Motto: Ich würde ja schon verzichten, aber die Menschen wollen nicht.

Stattdessen sollte man versuchen, "den Menschen" beizubringen, dass "weniger" auch "besser" heißen kann. Beginnen wir doch gleich mit der heiligsten aller Kühe, gerade in Deutschland: Weniger Autos heißt weniger Unfälle, weniger Lärm, weniger Gestank, weniger Landschaftsfraß – und mehr (!) Platz zum Leben und Spielen auf Straßen und Plätzen. Ein Solarstrom-Auto dagegen tötet das Kind immer noch, das es überfährt.
  

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Marcel Hänggi ist Wissenschaftsjournalist in Zürich und Autor von "Wir Schwätzer im Treibhaus. Warum die Klimapolitik versagt". Zurzeit arbeitet er an einem Buch über die Gesellschaft nach dem Ende des Öls

 

Außerdem erschienen in der Zwei-Grad-Debatte bei klimaretter.info:

Oliver Geden - Tschüss, Zwei-Grad-Ziel!
Hermann E. Ott - "Zwei Grad" für Oma Herta
Eicke Weber - Emissionen senken? Ist das öde!
Marcel Hänggi - Mehr Erneuerbare? Nutzt allein nichts!
Inge Paulini - Die Zwei-Grad-Grenze muss bleiben!
Diana Vogtel - Nicht neue Ziele, neue Bilder braucht die Klimapolitik
Camilla Bausch, Malte Meinshausen - Keinen Druck vom Kessel nehmen!
Thomas Seltmann - Vergesst das Klima!

[Erklärung]  
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