Ist Anti-Atom-Protest per se links?
vom Vormittagsforum berichtet SARAH MESSINA
Ist der Protest gegen die Atomkraft politisch per se links? "Ja", sagt Heinz Smital, Atomexperte von Greenpeace: "Bestehende Strukturen und Besitzverhältnisse werden in Frage gestellt". Und tatsächlich ist das Abschalten von Atomkraftwerke ja ein gigantischer Umverteilungsprozeß von Produktionsmitteln: Konzerne, die mit AKWs Jahr für Jahr Milliarden verdienen, verlieren diese Produktionskapazitäten - etwa an den Häusle-Besitzer mit seiner Solaranlage oder die Bürgersolarvereine, die nun selbst Strom ins Netz einspeisen.
Wenn also der Atomprotest links ist, dann ist Dieter Marx rechts. Der Generalbevollmächtigte des Deutschen Atomforums gibt den "bad gay" auf dem Forum. "Nein", sagt Marx, "rechts bin ich nicht. Ich bin eher liberal". Und bei der Frage des Atomausstieges gehe es doch nicht um rechts oder links, sondern um die Zukunft der Versorgungssicherheit in Deutschland. Die Buh-Rufe aus dem Publikum machen sehr schnell klar, dass Marx mit seinen Ansichten alleine sein wird an diesem Sonntagvormittag.
Aber das die links-rechts-Frage gar nicht so einfach zu beantworten ist, macht der Brasilianer Sergio Dialetachi deutlich, der sowohl die Heinrich-Böll-Stiftung als auch die Grüne Partei Brasiliens berät: "In Südamerika ist es vor allem die politische Linke, die Atomkraft protegiert". Dies hänge auch mit der "Wehrhaftigkeit" zusammen: "Vom Beherrschen eines Atomkraftwerkes zur Atombombe ist es nur ein kleiner Weg".
Moderator Nick Reimer, wir-klimaretter-Chefredakteur zitiert einen alten Sponti-Spruch: "Wenn Wahlen etwas ändern würden, wären sie verboten". Um dann zu bemerken, dass der Spruch einfach Quatsch ist: "Die nächsten Bundestagswahlen entscheiden über den Bestand des Atom-Ausstieges. Und derzeit sieht es nicht danach aus, dass schwarz-gelb zu verhindern ist". Was also wählen? Die Grünen, die dann doch nur wieder in der Opposition landen? Die kohleverrückte und sich ständig windende SPD? Die Linke, die in keinem Fall irgend etwas bewenden wird?
"Einfach die Atomkraft abwählen", empfiehlt Heinz Smital. Karin Wurzembacher vom Umweltinstitut München hatte zu Beginn des Pannels am 23. Jahrestag eine detaillierte Schilderung der Ereignisse von Tschernobyl geliefert, die Smital - studierte Physiker - um eine mitteleuropäische Dimension ergänzt: Atomkraftwerke zu betreiben berge ein so großes Risiko, das gesellschaftlich nicht vertretbar ist.
Jetzt kommt Dieter Marx immer häufiger zu Wort. Klimaproblem, Sicherheitsproblem, Endlagerproblem, Marx setzt zur Dauergegenrede an. "Früher haben wir die Öffentlichkeitinformation unterschätzt", sagt der Generalbevollmächtigte der deutschen Atomwirtschaft. "Aber seitdem wir auch die kleinste Unregelmäßigkeit selbst veröffentlichen, gibt es ein neues Vertrauen aus der Bevölkerung". Der Saal jault auf.
Nikolaus Supersberger, sechster Diskutant im Bunde und beim Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie Experte, gelingt es immer wieder Marx der Lüge zu überführen: "In einer Publikation behauten Sie, Atomkraft sei eine heimische Energiequelle. Das ist natürlich Quatsch: Der Kernbrennstoff kommt aus Russland, Kasachstan oder Namibia!
Das sitzt und Marx muss sich ganz schön winden: "Wir sagen: Kernenergie ist ein quasi-heimischer Rohstoff. Sie brauchen wenig Uran, weil es sehr energiereich ist und sie können es für viele Jahre im Vorraus lagern".
Spätestens an dieser Stelle wird klar, mit welchen Tricks die Atomkonzerne versuchen, die Umverteilung der Produktionsmittel zu verhindern. Auffällig ist, das Marx ein smarter Kommunikator ist, dessen Waffe das Wort ist. Moderator Reimer hat es oft nicht leicht, Marx aus dem Zustand der Dauerrede - oft aus Marx Sichtweise intelligent geführt - rauszuholen, und er hätte das viel häufiger tun müssen. Deutlich wird aber eben auch, dass sich die Atomwirtschaft die besten Kommunikatoren leistet, um Gehör bei den Adressaten zu finden: der Politik, dem Gemeinwohl.
"Ich danke Ihnen für den fairen Umgang", sagt Marx zu Schluss, der erwartet hatte, dass bei diesem Thema, an diesem Tag der - nur halb gefüllte - Saal "bersten würde". Schließlich habe er auch schon anderes erlebt: Die gewaltsame Stürmung des Podiums mit seiner Beteiligung in Bremen beispielsweise.
Warum nur so wenige Menschen gekommen sind? Zwei Erklärungen versucht der Moderator: Das Thema ist durch bei linksorientierten Menschen, die Argumente sind bekannt. Oder: "Vielleicht war die McPlanet-Party so berauschend, dass 9 Uhr morgens einfach zu früh ist".
Möge er mit der ersten Erklärung Recht behalten.
Die Schlagzeilen um 03 Uhr
In dieser Woche am meisten gelesen
Meinungen: Etscheits Alltagsstress
Danke, lieber Fritz Vahrenholt! Energiekonzerne können bohren, fracken und teersanden so viel sie wollen, ohne dass ihnen linksradikale Umweltschützer noch in die ölige Suppe spucken können. Alles wird gut. Vielen Dank, liebe Sonne! Vielen Dank, Fritz Vahrenholt! [mehr...]
Meinungen: Kommentar
Keine Blackout-Angst Der Winter ist kalt und das Stromnetz bleibt stabil - die Energiewende führt nicht zum befürchteten Blackout.Ein Kommentar von Joachim Wille [mehr...]
Jahresrückblick
2011: Das Jahr der Rekorde
Die Welt wird mit Stärke 9 erschüttert, Bundeskanzlerin Angela Merkel ändert binnen 7 Monaten ihre Politik komplett, die Hamburger Mucken auf. Neuer Schmelzrekord in der Aktis, neuer Emissionsrekord in der Atmosphäre und so viel Flugpassagiere wie noch nie - der Jahresrückblick 2011. [mehr]
Aktion des Monats In den USA formieren sich Lobbyisten nachdem US-Behörden dem Gitarrenbauer Gibson die Einfuhr von illegalen Tropenhölzern nachweisen konnten. Vorn dabei: Die rechtskonservative Tea Party. Gemeinsam wollen diese das Lacey-Gesetz, dass den Import der Tropenhölzer für illegal erklärt, kippen. [mehr] | Durban 2011 Was war die 17. UN-Klimakonferenz - eine weitere Pleite der Diplomatie oder der Startschuss für das bitter nötige globale Klimaabkommen? Alle Berichte unserer Korrespondentinnen und Korrespondenten aus Südafrika können Sie im Durban-Dossier nachlesen. [mehr] |
Neue Klimaretter-Serie
Die Gesetze der Energiewende
Diesmal soll sie gelingen, die Energiewende. Die schwarz-gelbe Regierung hat dafür umfangreiche Gesetze verabschiedet - oft mit Stimmen der Opposition. In einer Serie analysiert klimaretter.info, was drin steht in den Gesetzen. Und was von ihnen zu halten ist.
Lexikon Was eigentlich ist TREC und was die COP? Wie berechnet sich der Heizwert und wie die Wärmestrahlung? Wie funktioniert Contracting, wie ein Smart Grid? Antworten auf diese und viele andere Fragen finden Sie in unserem Lexikon zum Stöbern - und Nachfragen [mehr] | In eigener Sache Sie lesen uns gerne und regelmäßig? Sie finden unser Angebot interessant, hilfreich und erhellend? Dann unterstützen Sie uns, denn unabhängiger Journalismus kostet Geld. Abonnieren Sie uns, für 3, 5 Euro oder 50 im Monat, für 100 Euro im Jahr - oder "Flattrn" Sie uns [mehr...] |
Bild & Vahrenholt: Die Lüge von der CO2-Lüge
Der Chef des Springer-Verlags, Matthias Döpfner, hat vor Jahren mal über sein Boulevardblatt Bild gesagt: „Wer mit ihr im Aufzug nach oben fährt, der fährt auch mit ihr im Aufzug nach unten.“ Das betrifft offenbar nicht nur Promis, sondern auch[…] [mehr...]Mehr vom Lügendetektor
Klimaretter-Dossiers
Die Gesetze der Energiewende - Eine Analyse
Atomkraft weltweit - Die Welt nach Fukushima
Der GAU von Tschernobyl - 25 Jahre später
Atomunfall in Japan - Das Unglück von Fukushima
E10 und das Politikversagen - Wie es jetzt weiter geht
Das Zwei-Grad-Ziel - Ist die Erderwärmung zu stoppen?
Anpassungsstrategie - Das Meer steigt
Fussball-WM 2010 - Afrika im Klimawandel
Ausgekohlt - Wie Kohlekraftwerke kippten
Nordrhein-Westfalen 2010 - Die Klima-Wahl
Bundestagswahl 2009 - Klima nur Nebensache
Merkels Klimabilanz - Bilanz der Meseberg-Beschlüsse
McPlanet-Kongress - Beginn einer neuen Bewegung
Beichtstuhl - Wen das Gewissen plagt
Kopenhagen ABC - Deshalb gibt es COPs und MOPs
Klimakonferenz-Specials
Berlin Juli 2011 - Petersberger Dialog ohne Ergebnis
Bonn Juni 2011 - Kein Frühling auf der Frühjahrstagung
Bangkok April 2011 - Verwaltung statt Klimarettung
Cancún Dezember 2010 - Hoffnungszeichen in Mexiko
Tianjin Oktober 2010 - Letzte Konferenz vor Cancún
Bonn August 2010 - Die Sommerkonferenz
Bonn Juni 2010 - Noch mehr Stillbeschäftigung
Bonn April 2010 - Stillbeschäftigung in Bonn
Alternativgipfel April 2010 - Cochabamba
Dezember 2009 - Kopenhagen Countdown
Kopenhagen Dezember 2009 - COP15
Barcelona November 2009 - Noch viele Fragezeichen
Bangkok Oktober 2009 - Feinschliff am Text
Bonn Juni 2009 - Hoffnung auf ein Abkommen
Poznan Dezember 2008 - Der 14. Klimagipfel COP14
Bali Dezember 2007 - Der 13. Klimagipfel COP13
Facebook Empfehlungen
klimaretter.info auf Twitter
klimaretter.info Newsfeed






