Ach, Europa!
Eigentlich soll es hier um den Mythos Europa gehen. Mit Fragezeichen. Europas Rolle in der Welt neu betrachtet: Beim Late-Night-Talk des McPlanet gerät darüber ein Redner ins Schwelgen, einer ins Abseits, einer in Vergessenheit und ein anderer in Rage. Dazu verliert die Moderation auch noch das Ruder: Selten wurde Europa schöner (de)montiert
vom Late-Night-Talk berichtet SARAH MESSINA
Ein McPlanet braucht auch ein bisschen Boulevard. Nach einem vollen Samstag mit Panelen, Foren, Workshops und Aktionen stand deshalb der Late-Night-Talk auf dem Programm: In lässigen Ledersesseln sollten die geladenen Redner auf den Spuren des "Mythos Europa" wandeln und die Rolle Europas "in der Welt" neu betrachten.

Als vor mehr als 20 Jahren die meteorologische Gesellschaft erstmals vor dem Klimawandel warnte, wurde das Thema vom Forschungsministerium noch als "politisch nicht opportun" unter den Teppich gekehrt, beginnt Hartmut Graßl das Europamärchen. Es könnte so schön sein: Graßl ist emeritierter Direktor des Max-Planck-Instituts für Meteorologie und "ein Fan" der Europäischen Union. "Die EU ist mit verbindichen Klimaschutz-Zielen führend in der Diskussion um die Erderwärmung". Dass auch seine Begeisterung die eine oder ander Einschränkungen kenne, liege auf der Hand.
Lim Li Lin aus Malaysia dagegen ist alles andere als ein Fan Europas: Sie ist für das Third World Network in Genf tätig und vor allem in Hinblick auf den Stand der UN-Verhandlungen um ein neues Klimaschutzabkommen enttäuscht, das im Dezember in Kopenhagen beschlossen werden soll: Die Ziele der EU seien zu niedrig, der ausgeübte Druck auf die Schwellen - und Entwicklungsländer angesichts historischer Schuld und leerer Versprechungen zur Finanzierung von Anpassung und Technologieentwicklung seitens der Industrieländer nicht fair: "Dass die Folgen des Klimawandels bereits jetzt eine fatale Last für die Entwicklungsländer sind, wird in der EU offenbar verdrängt, um die USA nicht zu vergraulen". Die machen ihre Beteiligung an einem Abkommen von eigenen Reduktionsverpflichtungen der Schwellenländer abhängig.

Dazwischen sitzt US-Journalist Mark Engler, der mit seinem Eingangsstatment "es gibt auch amerikanische Sozialisten!" zwar Sympathien gewinnt, nach einem Überblick der Fortschritte der USA von Clinton über Bush zu Obama aber schnell in den Hintergrund gerät. Denn jetzt beginnt die Late-Night-Show: Der deutsch-türkische Autor Imran Ayata fegt mit einer Anekdote über Mütter, Waschmaschinen und Energieffizienzklassen und einem anschließenden Schwenk zum Berliner Volksbegehren Pro Reli - als Indiz für das Fehlen europäischer Werte - die Basis für jede Ordnung der Dinge vom Tisch.
Das Intermezzo gibt Cerstin Gammelin, die ihrer Moderationspflicht nachkommend Ayata etwas unglücklich auf die Füße tritt. Der landet indes wenig amüsiert, dafür aber amüsant, zielsicher und rhetorisch elegant beim Philosophen Jürgen Habermas: Dieser hat sich nach Informationen des Politikwissenschaftlers und Mitbegründers von Kanak Attak nämlich bereits lange vor dem ersten McPlanet mit dem Mythos Europa befasst.
Quod erat demonstrandum: In kürzester Zeit werden die Charakteriska Europas der Fußball, der Grand Prix D'Eurovision und die Abschaffung der Todesstrafe. Die Schleifspur durch mannigfaltige Fettnäpfe des Abends führt durch willkommene Flüchtlinge auf dem Weg nach Lampedusa, Kriege von Jugoslawien bis Afghanistan (die "für das friedliche Europa" durchaus ein Problem sind) und nervöse Randbemerkungen vor allem zwischen Ayata und Gammelin ihre Bahnen.

Buh-Rufe aus dem Publikum, Redebedarf in allen Reihen: Ausgerechnet jetzt gibt es beim Late-Night-Talk keine Mikrophone für die Zuschauer, sondern nur "Publikumsanwälte": Die sollen Fragen aus dem Plenum aufschreiben und die lose-Blatt-Sammlung ans Podium weitergeben. Das dauert lange - und ist wenig befriedigend für diskussionshungrige McPlanet-Teilnehmer. Die Forderung nach einem Mikrophon wird abgetan. Ein paar Fragen werden verlesen. Ein paar tapfere Antworten gegeben. Die Stimmung schwankt zwischen Sarkasmus und Eiseskälte.
Nur einer nimmt das gelassen und pragmatisch: Harmut Graßl hat Probleme mit der Akustik und fordert technische Hilfe an. Ein ähnliches Verständigungsproblem haben offenbar auch Engler und Lim Li Lin seit Beginn der Veranstaltung mit ihren Übersetzungsgeräten: Ersterer harrt gerunzelter Stirn der Dinge, die da kommen. Letztere hat sich angesichts der Unmöglichkeit der Kommunikation ihren Notizen zugewandt. Für die "richtigen" Gespräche, die am Sonntag hoffentlich weitergehen.
Wen soll da noch wundern, dass die geraunte Gebrauchsanweisung für das zeitweise defekte Podiumsmikrophon nur lautet: "Einfach reinsprechen". Und Imran Ayata auf der Schwelle der Raison "Ich war's nicht" zurückschnappt. Freilich nachdem er von Moderatorin Cerstin Gammelin mit dem zweifelhaften Titel des "unpolitischen Teilnehmers unserer Runde" ausgezeichnet wurde - was Ayata auch "gar nicht beleidigend" findet, sondern nur "äußerst interessant".
Schade eigentlich, denn vor allem Lim Li Lin hatte durchaus etwas zu sagen zur dramatischen Lage der Welt und der kritischen Betrachtung Europas: Dafür fand man nur leider keinen Rahmen. Viel Verständnis hatte man beim Late-Night-Talk offenbar nicht füreinander - das aber immerhin konsequent. Am deutlichsten fand dafür immer wieder Hartmut Graßl Worte: "Wie immer konnte ich nur die Hälfte des Gesagten verstehen". Gemeint war nach wie vor die Akustik. Aber ach, Europa: Das allein ist es wohl kaum gewesen.
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