Der Abend der sechs Krisen
Auf dem Podium die reinste Frauenpower: Fünf Expertinnen diskutieren vor 1.000 Zuhörern die "Zukunft der Globalisierung." Dabei wird schnell klar, dass Antworten nicht einfach zu finden sein werden. Und dass das McPlanet-Publikum eine gehörige Erwartungshaltung mitbringt.
Kurz vor 21 Uhr wurde die Krise konkret. "Wir haben es ja nicht mit einer, wir haben es mit vier Krisen zu tun", analysierte Claudia Kemfert, Professorin für Umweltökonomie an der Humboldt-Universität Berlin und Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung DIW. "Neben der Finanzkrise haben wir es mit einer Hungerkrise, einer Klimakrise und einer Rohstoffkrise zu tun", so Kemfert, die Beraterin von EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso im Rahmen der High level Group on Energy ist, externe Expertin für die Weltbank und die Vereinten Nationen, sowie offizielle Gutachterin des Intergovernmental Panel of Climate Change (IPCC).
Vier Krisen - "und die Verursacher sind wir: Die Industrienationen". Und wie begegnen diese dem Krisenauflauf? "Die Verursacher haben nichts besseres zu tun, als ihren Kasinokapitalismus weiter zu finanzieren", sagt Kemfert. 500 Milliarden Euro hier, 700 Dollar dort - es wird derzeit nahezu ausschließlich Geld ausgegeben, dass das System erhalten soll.

"Könnte es sein, dass es auch eine Repräsentationskrise gibt", fragt Moderatorin Caroline Emcke. Dass also die politischen Eliten weder in der Lage sind, die Situation zu durchdringen, noch entsprechende Alternativ-Konzepte zu ersinnen?
"Das Problem ist, dass ein autistisches System kollabiert ist", meint Christiane Grefe, Journalistin bei der Zeit und Mitautorin des viel beachteten Buches "Der globale Countdown". Dieses System habe weder Einblicke gestattet, noch habe es sich an gesellschaftlichen Debatten beteiligt. Deshalb gelte es erst einmal zu begreifen, was geschehen ist.
Natürlich, man habe Anzeichen gesehen, sagt Nicola Bullard vom "Focus on the Global South", einer Organisation für internationale Politikforschung mit Sitz in Bangkok. "Man kann diese Anzeichen mit einem Zug vergleichen: Anfangs sind die Lichter sehr klein und sehr weit weg und sie bewegen sich kaum. Aber je näher sie kommen, desto schneller und größer werden sie und letztlich werden sie so schnell und groß, dass einem die Zeit fehlt, von den Schienen zu springen. Zweifelsfrei gebe es deshalb die fünfte Krise derzeit - die der politischen Repräsentation.

Von links nach rechts: Kemfert, Grefe, Moderatorin Emcke, Larrín und Bullard
Die reinste Frauenpower auf dem Panel: Die fünfte Disputantin des Abends ist Sara Larrín aus Santiago de Chile, die dort Geschäftsführerin des Programms "Chile Sustenable" ist. Sara Larrín sagt, dass wir die soziale Krise nicht vergessen dürfen: "Der Süden hat dafür gedient, Rohstoffe und billige Arbeitskräfte zur Verfügung zu stellen". Auf den Phillipinen etwa sind die ausgewanderten Arbeitskräfte, die Geld in die Heimat schicken, drittgrößter Devisenbringer, in Mexiko sogar zweitgrößter. "In der Krise nun müssen viele re-emigrieren, weil es im reichen Norden keine Arbeit mehr gibt". Dies führe zu einer Verschärfung der Krise - gerade im Süden. Für Sara Larrín, die auch im Vorstand des "International Forum on Globalization" sitzt, ist deshalb klar: "Die Lösung der sechs Krisen ist nur mit einer anderen Politikform möglich. Wir müssen den Kapitalismus in Frage stellen".
Beifall im Audi-Max der Berliner TU. Über 1.000 Menschen sind schon am ersten McPlanet-Tag gekommen, wie die Veranstalter benennen. Konkret: 1.037. Und jetzt scheint tatsächlich der Zeitpunkt, wo es ans Eingemachte geht. "Ich werde oft von Politikern um Rat gefragt. Aber ich erlebe selten, dass sie dann tatsächlich auch ein offenes Ohr haben", sagt Claudia Kemfert. Und dann sagt sie, dass es bereits Lösungsmöglichkeiten gibt, wie den Ausbau der erneuerbaren Energien, die das Armutsproblem gleichermaßen wie das Bildungs-, Energie- und Wohlstandsproblem lösen. "Aber dafür bräuchte es kluge Politiker und die fehlen weltweit". Lang anhaltender Beifall.
Das will Christiane Grefe so nicht stehen lassen. "Ich finde das Lachen über die Politiker problematisch", sagt sie. "Wir haben sie zuletzt zu wenig unter Druck gesetzt, zu wenig über die Alternativen aufgeklärt". Wichtig sei, sich selbst an die Nase zu fassen: "Wir müssen uns wieder mehr bewegen, dann entsteht auch der notwendige Druck".
Das sieht auch Nicola Bullard so: "Nicht die oben haben die Macht, die üben sie nur aus. Die Macht sind wir, die Basis". Zwar könne es keine Zauberformel geben, die weltweit übertragbar sei. "Was in der spanischen Kommunalpolitik funktioniert, muss nicht automatisch in Bolivien funktionieren", sagt die Australierin. Aber dennoch sieht sie drei Ansatzpunkte: "Erstens Regulierung. Wir brauchen diese nicht nur auf den Finanzmärkten, sondern auch in der Wirtschaft, im Zusammenleben. Zweitens Gleichheit. Den Leuten stinkt es einfach, dass jene Banker, die die Ersparnisse der kleinen Leute verzockt haben, immer noch so viel Geld verdienen". Notwendig sei eine Steuerpolitik der Umverteilung. Und drittens schließlich: Die Gemeingüter. "Wir brauchen eine Ausweitung, die weit über Energie- oder Trinkwasserversorgung hinausgeht. Nur so schaffen wir einen gemeinsamen Wohlstand".

BUND-Chef Hubert Weiger bei der Eröffnungsrede
"Nicht viel Neues", urteilt ein älteres Ehepaar, als das erste Panel nach 22 Uhr zu Ende ist. "Zu lange Redebeiträge", findet ein Student. Und eine Mittdreißigerin bemängelte zu viele Redundanzen in den Eingangsstatements von BUND-Chef Prof. Hubert Weiger und Christiane Grefe. Fakt ist, dass das Audimax bis zum Schluss gefüllt blieb, dass kaum einer vor dem Ende ging. Fakt ist aber auch: Das McPlanet-Publikum ist ausgesprochen anspruchsvoll.
Alle Fotos: Stefan Euen/BUND
Guter Journalismus kostet
Sie können die Texte auf klimaretter.info kostenlos lesen. Erstellt werden sie jedoch von bezahlten Redakteuren. Unterstützen Sie den Klimaretter-Förderverein
Klimawissen e. V. einmalig durch eine Spende oder dauerhaft mit einer Fördermitgliedschaft.
Spendenkonto
Die Schlagzeilen um 18 Uhr
In dieser Woche am meisten gelesen
Meinungen: Rezension
Die Übermacht der fossilen Industrie In Bonn wird auf der UN-Frühjahrstagung gerade wieder über das Klima verhandelt. Ein umweltverträglicher Kapitalismus ist jedoch nicht abzusehen. Aber auch die Kritiker tun sich schwer - ihnen fehlen die Alternativen. Eine Rezension von Felix Werdermann [mehr...]
Meinungen: Standpunkte
"Altmaier muss die Energiewende retten" Nun ist es amtlich: Der Bundespräsident hat Norbert Röttgen (CDU) entlassen und Peter Altmaier (CDU) seine Ernennungsurkunde zum Umweltminister überreicht. Dass Kanzlerin Angela Merkel (CDU) nun einen ihrer engsten Vertrauten für das Projekt Energiewende ins Rennen schickt, ist wichtig für die Kontiunität der Energiewende und für das Kräftespiel zwischen Wirtschafts- und Umweltministerium, findet klimaretter.info-Herausgeber Gero Lücking. [mehr...]
Jahrestag
Das Fukushima-Dossier
11. März 2011: Die Welt wird mit Stärke 9 erschüttert, fast 20.000 Menschen sterben. Die Atomanlagen havarieren, ein politischer Tsunami folgt. Kanzlerin Merkel ändert binnen 7 Monaten ihre Politik komplett, die Welt diskutiert die Atomkraft. Zum Jahrestag präsentiert klimaretter.info jenes Dossier, das damals im Nachrichtendschungel Orientierung gab. [mehr]
Aktion des Monats Das Netzwerk Friends of the Earth hat eine Europäische Bürgerinitiative für den EU-weiten Atomausstieg gestartet. BUND-Hubert Weiger, einer der Initiatoren sagt, mit der Volksinitiative habe man "jetzt endlich eine greifbare Möglichkeit, den Weg in eine sichere und saubere Energiezukunft zu ebnen". Nutzen wir sie! [mehr] | Zu Ihrem Vorteil Sie lesen uns gerne und regelmäßig? Sie finden unser Angebot interessant, hilfreich und erhellend? Dann müssen Sie uns helfen! Unabhängiger Journalismus kostet Geld, und wenn RWE, Vattenfall, die CDU oder die Netzbetreiber nicht dafür zahlen, dann doch wohl Sie! Abonnieren Sie uns, für 3, 5 Euro oder 50 im Monat, für 100 Euro im Jahr - oder "Flattrn" Sie uns [mehr...] |
Klimaretter-Jobbörse
Die Pioniere der Energiewende
Ein Elektroingenieur für den Bereich Netzanschluss gesucht? Einen Sicherheitsexperten für die Windkraft? Eine Klimaberaterin für die Verbraucherzentrale in Mainz? Auf der klimaretter.info Jobbörse werden viele spannende Jobs zur Energiewende angeboten. [mehr]
Lexikon Was eigentlich ist TREC und was die COP? Wie berechnet sich der Heizwert und wie die Wärmestrahlung? Wie funktioniert Contracting, wie ein Smart Grid? Antworten auf diese und viele andere Fragen finden Sie in unserem Lexikon zum Stöbern - und Nachfragen [mehr] | Klimaretter-Beichtstuhl Na, doch wieder einmal schwach geworden? Doch wieder eine unnötige Strecke mit dem Auto gefahren? Doch wieder ins Flugzeug gestiegen? Fehler zu (be)kennen, ist der erste Schritt zur Besserung: Erzählen Sie einfach sich, was Sie bereuen. Und warum. Sie werden sehen: Das erleichtert! Nutzen Sie einfach unseren "klimaretter.info-Beichtstuhl". [mehr...] |
Deutsche Stahlwirtschaft: Pure Panikmache
DB mobil, die Kundenzeitschrift der Bahn, ist eine honorige Publikation. Erstens beträgt ihre Auflage mehr als 500.000 Stück, nur wenige Magazine bewegen sich in diesen Größenordnungen. Zweitens ist die Zeitschrift gut gemacht. Im Maiheft geht es beispielsweise um Elektromobilität, die[…] [mehr...]Mehr vom Lügendetektor
Klimaretter-Dossiers
Die Gesetze der Energiewende - Eine Analyse
Atomkraft weltweit - Die Welt nach Fukushima
Der GAU von Tschernobyl - 25 Jahre später
Atomunfall in Japan - Das Unglück von Fukushima
E10 und das Politikversagen - Wie es jetzt weiter geht
Das Zwei-Grad-Ziel - Ist die Erderwärmung zu stoppen?
Anpassungsstrategie - Das Meer steigt
Fussball-WM 2010 - Afrika im Klimawandel
Ausgekohlt - Wie Kohlekraftwerke kippten
Nordrhein-Westfalen 2010 - Die Klima-Wahl
Bundestagswahl 2009 - Klima nur Nebensache
Merkels Klimabilanz - Bilanz der Meseberg-Beschlüsse
McPlanet-Kongress - Beginn einer neuen Bewegung
Beichtstuhl - Wen das Gewissen plagt
Kopenhagen ABC - Deshalb gibt es COPs und MOPs
Klimakonferenz-Specials
Durban Dezember 2011 - COP17 in Südafrika
Berlin Juli 2011 - Petersberger Dialog ohne Ergebnis
Bonn Juni 2011 - Kein Frühling auf der Frühjahrstagung
Bangkok April 2011 - Verwaltung statt Klimarettung
Cancún Dezember 2010 - Hoffnungszeichen in Mexiko
Tianjin Oktober 2010 - Letzte Konferenz vor Cancún
Bonn August 2010 - Die Sommerkonferenz
Bonn Juni 2010 - Noch mehr Stillbeschäftigung
Bonn April 2010 - Stillbeschäftigung in Bonn
Alternativgipfel April 2010 - Cochabamba
Dezember 2009 - Kopenhagen Countdown
Kopenhagen Dezember 2009 - COP15
Barcelona November 2009 - Noch viele Fragezeichen
Bangkok Oktober 2009 - Feinschliff am Text
Bonn Juni 2009 - Hoffnung auf ein Abkommen
Poznan Dezember 2008 - Der 14. Klimagipfel COP14
Bali Dezember 2007 - Der 13. Klimagipfel COP13
Facebook Empfehlungen
klimaretter.info auf Twitter
klimaretter.info Newsfeed





Trotz des verdammt schönen Wetters: Veranstalter zeigen sich zufrieden mit der bisherigen Resonanz
Erstmals gibt es auf dem McPlanet ein Café, in dem sich neue TeilnehmerInnen mit erfahrenen AktivistInnen unterhalten und gegenseitig motivieren können
Mehr als 1.000 Menschen werden erwartet, um über Lösungsansätze für Klima- und Artenschutz, Armutsüber- windung und globaler Gerechtigkeit zu diskutieren
"
Der Tourismus ist einer der Verursacher für den globalen Klimawandel. Weniger Konsens besteht darüber, wie viel der Tourismus und der Flugverkehr tatsächlich zum Klimawandel beitragen und in welchem Umfang klimaverantwortlich gehandelt werden sollte. Gesetzliche Vorgaben gibt es nicht. Innovative Konzepte der Tourimuswirtschaft zum Klimaschutz lassen auf sich warten, findet Richard Brand vom Evangelischen Entwicklungsdienst EED
Mit ihrer neuen Rohstoff-Initiative will die EU-Kommission eigentlich neue Produkte, Energieeinsparung, Abfallvermeidung und verantwortungsvollem Konsum fördern. Kurzfristig aber sagt die Kommission die Pläne ab. Oxfam kritisiert eine einseitige Ausrichtung auf Wirtschaftsinteressen.
"Wir sind David gegen Goliath", findet Barbara Unmüßig, Vorstandsmitglied der Heinrich-Böll-Stiftung, die in diesem Jahr mit sieben weiteren Umwelt- und globalisierungskritischen Bündnissen den Bewegungskongress McPlanet.com organisiert hat. Die Szene diskutierte am Wochenende nicht nur über die traurige 20-Jahres-Bilanz des Erdgipfels in Rio de Janeiro, sondern fragt sich vor allem auch, wie David gestärkt werden könnte.
Selbst wenn fossile Ressourcen wie Kohle oder Öl irgendwann zur Neige gehen: "Es ist noch genug vorhanden, um die Erde zu zerstören"
Umwelt- und Entwicklungsverbände laden zum fünften McPlanet-Kongress nach Berlin ein
Volksentscheide stärken das Problembewusstsein in der Bevölkerung. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass mehr direkte Demokratie auch gut ist für den Klima- und Umweltschutz. klimaretter.info sprach mit Gesa Geißler, Wissenschaftlerin an der TU Berlin, über mehr Mitbestimmung und eine bessere Umweltpolitik.
Nach 40 Jahren hat der Club of Rome einen neuen Bericht vorgestellt: "2052 - Die Welt in 40 Jahren". Autor Jorgen Randers entwirft eine düstere Zukunftsprognose: "Die Regierungen scheinen unfähig, die Klimakrise aufzuhalten."
Damit die Welt die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts bewältigen kann, muss sie sich aus ihren "Denkfallen" befreien, sagt Frances Moore Lappé im Interview. Mit der derzeit vorherrschenden Marktökonomie der Verschwendung und Zerstörung "können wir Klimawandel, Hunger und Armut nicht besiegen", so die die Aktivistin und Trägerin des alternativen Nobelpreises.
In Frankreich und anderen südeuropäischen Staaten hat sich in den vergangenen Jahren eine breite Debatte um Wachstumskritik entwickelt. Zunehmend gewinnt das Thema auch in Deutschland an Gewicht, der Bundestag wird in Kürze eine Enquetekommission einrichten, Attac plant für 2011 einen wachstumskritischen Kongress. Fragen dazu und zur "Degrowth"-Debatte an Alexis Passadakis vom Attac-Koordinierungskreis.
Zum Start 2012: BUND-Chef Hubert Weiger fordert von den Vereinten Nationen eine harte Linie wegen des Kyoto-Ausstiegs der Nordamerikaner. "Auch die Bundesregierung muss hier Druck machen", sagte Weiger im Gespräch mit klimaretter.info. Dies gehe nur durch eigene Vorbildlichkeit. Weiger fordert, den kompletten Atomausstieg auf 2012 oder 2013 vorzuziehen.
Am heutigen Montag konstituiert sich die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestags "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität. Klimaretter.info sprach mit Kommissions-Mitglied und SPD-Vordenker Michael Müller. 


