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Die chronische Krise der Landwirtschaft

Von Christine Chemnitz
seit Mitte 2007 Referentin für internationalen Agrarhandel bei der Heinrich-Böll-Stiftung 

auf dem McPlanet am Samstag 11.30 Uhr

"Wege aus der Nahrungskrise" Raum: H 107

Seit etwas mehr als einem Jahr steht sie nun auf den Titelseiten der Zeitungen: die weltweite Ernährungskrise. Laut dem Lexikon der Bundeszentrale für politische Bildung bezeichnet der Begriff Krise eine "über einen gewissen Zeitraum anhaltende massive Störung des gesellschaftlichen, politischen oder wirtschaftlichen Systems". Aber suggeriert der Begriff Krise nicht auch, dass sich der Zustand unseres Agrar- und Ernährungssektors vor dem Beginn der Krise im Jahr 2007 in bester Ordnung befunden, sich nun aber plötzlich in einen schlechten Zustand verändert hat?

Betrachtet man die weltweite Landwirtschaft über die letzten fünf bis sechs Dekaden, so kann ihr auch vor 2007 keinesfalls ein guter Gesundheitszustand bescheinigt werden – jedenfalls dann nicht, wenn die Landwirtschaft durch die Brille Ernährungssicherheit, Armutsbekämpfung und ökologische Nachhaltigkeit betrachtet wird: Seit mehr als zehn Jahren hungern konstant mehr als 850 Millionen Menschen; für 2007 veröffentlichte die FAO im September 2008 nun eine Zahl von 923 Millionen (FAO 2008). Noch immer lebt der größte Anteil der Hungernden auf dem Land, genauso wie auch die meisten armen Menschen in ländlichen Gebieten leben (2,1 Milliarden Menschen weltweit leben von weniger als zwei US-Dollar am Tag). Betrachtet man dazu noch die negativen ökologischen Auswirkungen der Landwirtschaft in den letzten Jahrzehnten, so ist klar, dass ihr Zustand auch vor 2007 in keiner Weise rosig war.

Dass sich sowohl Ernährungssicherheit als auch die weltweite Armut durch die steigenden Preise noch einmal deutlich verschlechtert haben, steht außer Frage. Daten der FAO (2008) zufolge hat sich die Zahl der Hungernden durch die steigenden Preise um mehr als 75 Millionen Menschen erhöht. Gerade für die Menschen, die von weniger als zwei US-Dollar am Tag leben und 50 bis 70 Prozent ihres Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben, ist die derzeitige Entwicklung katastrophal. Die hohen Preise haben tausende von Menschen unter die absolute Armutsgrenze gedrückt. Auch für die ökologische Bilanz der Landwirtschaft können die hohen Preise eine fatale Wirkung haben: So geben sie deutliche Anreize zu Produktionssteigerung und Intensivierung – und das heißt, zu einem Ausbau der landwirtschaftlich genutzten Flächen und mehr Düngemittel- und Pestizideinsatz, um den derzeit so rentablen Ertrag zu maximieren. 

Trotz dieser negativen Aspekte bergen die hohen Preise für Agrarrohstoffe auch Chancen: Die seit Jahrzehnten so stark vernachlässigte Agrar- und Ernährungspolitik steht wieder oben auf der internationalen politischen Agenda. Damit besteht heute die Möglichkeit, politische Strategien, Maßnahmen und Visionen zur Entwicklung des Sektors gründlich zu überdenken und den Mut zu haben, völlig neue Wege einzuschlagen. 

Was tun – was lassen? 

Die FAO (2008) identifiziert vor allem zwei Strategien von zentraler Bedeutung, um den weltweiten Hunger zu bekämpfen: 

- Es muss kurzfristig Nahrung für besonders verletzliche Gruppen bereitgestellt werden und 

- kleinbäuerliche Produzenten müssen darin unterstützt werden, ihre Erträge und damit einhergehend auch ihr Einkommen zu verbessern 

Gegen diese beiden Punkte ist erst einmal nichts einzuwenden – die konkrete Frage ist aber, welches die richtigen Konzepte zur Förderung der ländlichen Entwicklung sind. Da gehen die Meinungen der FAO, der Weltbank, von AGRA (Alliance for a Green Revolution in Africa – Initiative der Gates- und der Rockefeller-Stiftung unter Beteiligung von Kofi Annan) und vieler Regierungen und NGOs weit auseinander. Während die einen stark auf die Bereitstellung und Subventionierung von Produktionsmitteln wie Saatgut, Dünger und Pestiziden setzen, fordern die anderen einen grundlegenden Wandel der landwirtschaftlichen Produktionsform hin zu einer lokal angepassten, nachhaltigen Produktionsweise, die gerade ökologische und soziale Kriterien akzeptiert. 

Klar ist heute jedoch (und da sind sich alle Akteure einig), dass Armutsreduktion und Ernährungssicherheit nicht als Nebeneffekt einer allgemeinen Wirtschaftsförderung anfallen werden, sondern dass es eines umfassenden, in sich konsistenten und immer wieder an die speziellen lokalen Bedürfnisse angepassten Förderungsrahmens bedarf, um Hunger und Armut zu bekämpfen. 

So müssen die hohen Preise, wenn sie jetzt eine Chance für eine nachhaltige Agrarentwicklung sein sollen, bei den bäuerlichen Produzenten im Süden ankommen. Zudem müssen Kleinbauern dabei unterstützt werden, auf die hohen Preise zu reagieren. Das politische Paket, dass es daher zu überdenken gilt, umfasst Aspekte der Agrar-, Energie-, Investitions-, Wettbewerbs- und Handelspolitik, die die Ausgestaltung der direkten Förderung von kleinbäuerlichen Strukturen und eine nachhaltige landwirtschaftliche Produktion beeinflussen (de la Torre Ugarte und Murphy 2008). 

Das heißt, dass der Zugang zu Produktionsressourcen wie Land und Wasser, aber auch zu Saatgut gesichert sein muss; und dass es landwirtschaftliche Beratung gibt, die an die lokalen Produktionsbedingungen angepasst ist, und eine institutionelle Infrastruktur zur besseren Lagerung und Vermarktung der Produkte. Damit einher geht eine Demokratisierung der Wertschöpfungsketten: Durch ungleiche Verhandlungsmacht entlang des Vermarktungswegs kommen die hohen Preise derzeit kaum bei den Produzenten selbst an; diese leiden vielmehr zunehmend unter den gestiegenen Kosten der Produktionsmittel wie Dünger. 

Hinzukommt, dass es gerade für bäuerliche Produzenten von zentraler Bedeutung ist, ein relativ stabiles Investitionsklima vorzufinden, da sie nur sehr begrenzt die Möglichkeit haben, auf die stark schwankenden Agrarpreise angemessen zu reagieren. Vor dem Hintergrund, dass die internationalen Preise für Agrargüter in der Zukunft zunehmend volatil sein werden, müssen sich die jeweiligen Regierungen den politischen Spielraum erhalten, ihre Agrarsektoren vor starken Schwankungen und damit potenziell anfallenden Importfluten zu schützen. 

Genau dieses Thema trug 2008 zentral zum Scheitern der WTO-Verhandlungen bei. Viele Entwicklungsländer, allen voran Indien, sind nicht länger bereit, ihre bäuerliche Produktion den freien Kräften des Weltagrarmarktes auszusetzen und forderten daher klare Regelungen im Bereich des speziellen Schutzmechanismus (SSM) bei den Verhandlungen. Zu Recht, wie die Entwicklung der Nahrungsmittelpreise, aber auch des Ölpreises (an den die Nahrungsmittelpreise ja zunehmend gekoppelt sind) schon in diesen Monaten zeigt. Denn nach den Höhenflügen des letzten Jahres erfahren gerade die Preise für Getreide derzeit einen deutlichen Abstieg. Um eine Verstärkung der Preisschwankungen zu vermeiden, muss die Spekulation und die Aktivität von Finanzinvestoren an den Rohstoffmärkten klar geregelt und eingeschränkt werden. 

Eine grundsätzliche Herausforderung der Agrarpolitik in der Zukunft wird es sein, bei bestehenden und eher wachsenden unterschiedlichen Zahlungskapazitäten weltweit das „Nachfragedilemma“ zwischen Energie-, Futter- und Nahrungspflanzen zu regulieren. Diese Konkurrenz wird, wenn sie dem freien Markt überlassen wird, fatale Folgen für die armen Menschen dieser Welt haben, da sie zu einer perspektivischen Verknappung des Angebots von Nahrung führt und die Preise damit in Höhen klettern, die für viele Menschen dieser Welt nicht mehr erschwinglich sind. Daher ist es von zentraler Bedeutung, dass die heutige Entwicklung der Politik zur Förderung von Agrartreibstoffen nicht in der Art fortgeführt werden darf wie sie heute geplant ist. 

Die Erfahrung der letzten Jahrzehnte hat deutlich gezeigt, dass niedrige Agrarpreise nicht dazu führen, dass Hunger und Armut zurückgehen. Ganz im Gegenteil: Durch die niedrigen Agrarpreise mussten viele Produzenten ihre Betriebe aufgeben. Daher setzen die hohen Agrarpreise grundsätzlich den richtigen Impuls für den Sektor, nun gilt es aber, Investitionen, Preisanreize und Produktion so auszugestalten und politisch einzubetten, dass diese Anreize einen Transformationsprozess im landwirtschaftlichen Sektor in Bewegung setzen, der zu einer ökologisch nachhaltigeren und fairen landwirtschaftlichen Struktur weltweit führt. 

Auszug aus einem Artikel des kritischen Agrarberichts 2009 

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