Der nächtliche Krimi: Klimakonsens auf der Kippe
Die Staats- und Regierungschefs haben das Bella Center längst verlassen. "Das schlimmste Plenum der Welt" debattiert derweil noch Stunden später darüber, ob das "Copenhagen Accord" angenommen werden soll oder nicht.
Vom Konferenzparkett SARAH MESSINA und SUSANNE GÖTZE
Um 6:07 Uhr am Samstagmorgen scheint es Lars Lokke Rasmussen, der dänische Ministerpräsident und Gastgeber des Gipfels, erstmals aufzugehen: Das "Copenhagen-Accord" wird von der "Conference of Parties" - also dem offiziellen Klimagipfel - nicht angenommen. Eine Delegation nach der anderen meldet sich zu Wort und lehnt das Papier ab, das Rasmussen mit den Mächtigen der Welt ausgehandelt hat. Aber die anderen Länder, etliche jedenfalls, wollen einfach nicht zustimmen.

Lange Nächte im Bella Center: Verhandlungsmarathon bis in den Vormittag
Erst tief in der Nacht war die Sitzung gestartet, um nach den ersten Redebeiträgen unterbrochen, wieder aufgenommen und wieder unterbrochen zu werden. Die meisten Staats- und Regierungschefs waren da schon längst auf dem Heimweg. Neben Bolivien, Venezuela, Kuba und anderen Ländern sprach sich auch Nicaragua entschieden gegen die Verabschiedung des "Copenhagen Accords" aus und drohte, die UN-Gespräche unter der Klimarahmenkonvention (COP) zu verlassen, wenn aus dem Abkommensentwurf nicht ein explizit als solcher gekennzeichneter Vorschlag der Verfasserstaaten in den offiziellen Verhandlungsprozess wird: "Dieses Abkommen ist inakzeptabel - wir werden es nicht unterschreiben", so die Delegation Nicaraguas kategorisch.
Rasmussen ist ratlos.
Ausgeschlafene Kritiker und müde Verhandlungsleiter
Die sozialistischen Staaten wie Venezuela, Bolivien und Kuba stellen sich mit aller Kraft gegen den Entwurf und an ihnen ist kein Vorbeikommen. Wenn die venezuelanische Verhandlungsführerin schon anfängt zu sprechen, kann man das Stöhnen vieler Teilnehmer vernehmen: Denn einige wollen einfach nur nach Hause.
Doch die Venezuelarin wirkt um 6:30 Uhr nach einer kompletten Verhandlungsnacht sehr ausgeschlafen: "Wir sollten aufhören zu jammern", meint sie. Für diese südamerikanischen Staaten ist klar, dass der Vertrag nicht demokratisch ausgearbeitet wurde, sondern von den "25 eltitären Staaten". Warum man nicht auch die anderen Vertragsentwurfe von Tuvalu und der OASIS-Allianz der Inselstaaten so langwierig diskutiert habe, will Bolivien wissen.

G77-Sprecher Di Aping gestern Abend: "Noch gibt es keinen Deal"
Den rhethorischen Höhe- bzw. Tiefpunkt erreichte aber wieder einmal der sudanesische Verhandlungsführer, Lumumba Di Aping, der das Zwei-Grad-Ziel mehrfach als Todesurteil für Afrika bezeichnete und die Annahme des Abkommens indirekt mit dem Einläuten eines neuen Holocaust verglich. Diesen Vergleich wiesen die meisten Länder entrüstet zurück. Auch afrikanische Länder stellten sich gegen Di Aping, der in Kopenhagen als Sprecher der Gruppe der Entwicklungsländer auftrat. Länder wie Äthiopien, Gabun oder auch Ghana sprachen sich am Ende klar für die Annahme des Dokumentes aus – vor allem wegen der finanziellen Hilfen, die in der Erklärung in Aussicht gestellt werden und die sie dringend brauchen.
Der Präsident der Malediven bettelt um Ja-Stimmen
Weil das Dokument "besser als gar nichts sei", kämpften die meisten der vom Meeresanstieg bedrohten kleinen Inseltaaten für seine Annahme. "Wir stehen hinter Granada, die uns in der Ausarbeitungsgruppe vertreten haben", so der Sprecher von Barbados. "Wir haben einfach nicht den Luxus von ideologischen Sichtweisen", kontert er auf die Angriffe vor allem von südamerikanischen Staaten wie Venezuela oder Bolivien. Der maledivische Präsident Mohammed Nasheed versucht die ganze Nacht hindurch mit unzähligen Wortmeldungen die Kritiker des Entwurfs für ein "Ja" zu gewinnen. Als es gen Morgen geht und weitehin keine Einigung in Sicht ist, bettelt Nasheed geradezu um die Stimmen: "Wir sind doch auf eurer Seite, wir sind auch ein Entwicklungland, und wir finden den Entwurf mehr als unzureichend – aber wir brauchen dieses Dokument um weiterzuarbeiten – bitte, bitte nehmt es an."
Nach dieser dramatischen Ansprache ist es gegen 7:00 Uhr und Länder wie Saudi Arabien haben schon mehrmals darauf hingewiesen, dass ihr Flugzeug bald starte und die Sitzung ein Ende finden müsse. Immer mehr Apelle gehen an Rasmussen, doch endlich etwas zu tun. Der dänische Premierminister aber ist sichtlich überfordert.
Rasmussen ist überfordert
Paragraphen und Entscheidungsprozesse der Klimaverhandlungen scheinen nicht Rasmussens Fachgebiet: Der dänische Ministerpräsident schwitzt nun schon seit Stunden, spricht nur zögernd und wirkt deutlich in die Ecke gedrängt. Kein Wunder: "Irgendwie müssen wir das hier zum Ende bringen", sagt Rasmussen wieder und wieder. Doch es gibt keine Gnade für den gebeutelten COP-Präsidenten. Gegen 7:30 Uhr fängt der Vertreter von Saudi-Arabien an, richtig loszuschimpfen: "Mein Wecker klingelte gerade und erinnerte mich daran, dass ich schon seit 48 Stunden verhandele." Das sei die am schlechtesten organisierte Versammlung seines ganzen Lebens. Wie solle das erst werden, wenn wirklich um verbindliche Ziele gerungen werde und nicht nur um ein politisches Abkommen gerungen werde. Tatsächlich ist es schon fast acht Uhr - und auf der Redeliste von Rasmussen stehen immer noch 21 Wortmeldungen.
Dann meldet sich Ed Miliband, Großbritanniens Klimaminister: Er sehe eine Möglichkeiten: Man könne den "Copenhagen Accord" annehmen - und die Kritiker könnten sich beim Sekretariat von Yvo de Boer registrieren lassen und dort ihre Bedenken nochmals vorbringen. Dieser Vorschlag wird durch Widerstand im Plenum gleich wieder verworfen.
"Irgendwie müssen wir aber hier zum Ende kommen", sagt Rasmussen erneut. Er will unbedingt eine förmliche Abstimmung über das Papier, aber dabei würde - das ist klar - die laut Statuten nötige Zustimmung aller Staaten im Plenum immer noch nicht zustande kommen. Merkwürdig ruhig verhalten sich bei alledem die Europäer. Außer einer Wortmeldung von Seiten der Franzosen, scheint man das Problem aussitzen zu wollen. Auch Deutschland beteiligt sich überhaupt nicht an der Diskussion.
Um 8:45 Uhr ruft Rasmussen erstmal eine Pause aus, da sind die ersten Flüge schon verpasst. Und der Ministerpräsident kehrt dann auch gar nicht mehr ins Plenum zurück, sondern gibt die Konferenzleitung ab. Während der Pause nimmt UN-Generalsekretär Ban Ki Moon einige Delegationen ins Gebet - und dann geht alles ganz schnell. Kurz vor elf Uhr tritt das Plenum wieder zusammen. Die Bahamas stellen den erlösenden Antrag, doch einfach zu beschließen, das Papier lediglich "zur Kenntnis" zu nehmen. Das Dokument könne dann als Grundlage in den weiteren Verhandlungsprozess dienen. Der Eklat ist damit doch noch abgewendet, zumindest wird der "Copenhagen Accord" nicht abgelehnt.
Und im nächsten Jahr sehen sich alle wieder.
Zum Kopenhagen-Dossier klicken Sie HIER
(Fotos: Weimann, Götze)
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