Lange Nächte mit Umweltminister Röttgen
Gut ausgeruht fühle er sich, und Zeit sei im Verhandlungsprozess auch aufgeholt worden: Bundesumweltminister Norbert Röttgen freut sich über eine durchgeschlafene Nacht und auf das Staatschef-Segment. Trotzdem kommt beim "Freundschaftstreffen" einfach keine Freundschaft auf
Vom Verhandlungsparkett SUSANNE GÖTZE und NICK REIMER
In den nächsten Tagen werden die Delegierten der Klimakonferenz wohl kaum mehr ein Auge zu tun. Auch der Bundesumweltminister richtet sich nun darauf ein, durchzuverhandeln. In der Nacht war eine Arbeitsgruppe aus 25 Staaten gebildet worden, die eine Endfassung aller auf dem Tisch liegenden Papiere erstellen soll. Deutschland ist eines der Mitglieder dieser Spezial-Gruppe namens "friends of the chair", an der nun das Schicksal der Klimakonferenz hängt. Neben Großbritannien, Schweden, Polen, Spanien komplettiert Frankreich den aus sechs Ländern bestehenden EU-Block der "Freunde des Vorsitzenden". Auch die USA ist Freund, Russland natürlich - und selbstverständlich ein großer Block aus den Schwellen- und Entwicklungsländern.
"Ich bin gut ausgeruht", sagte der Minister am Mittwochvormittag. Da hatte er bereits eine Unterverhandlungsgruppe gemeinsam mit seinem indonesischen Kollegen Rachmat Witoelar geleitet. Tatsächlich habe er sechs Stunden geschlafen: Die ursprünglich für Mitternacht angesetzte Runde der "Freunde des Vorsitzenden" war auf heute Morgen vertagt worden: Die G77 hatten, wieder einmal, weiteren Verhandlungsbedarf. Am Mittag sollte ein neuer "Freundschaftsversuch" beim Vorsitzenden unternommen werden.
Verhandlungsvorsitz jetzt bei Rasmussen
Denn die Konferenz leitet ab sofort ein Vorsitzender, nicht mehr Connie Hedegaard: Der dänische Ministerpräsident Anders Fogh Rasmussen hat den Vorsitz von ihr übernommen. "Das läuft planmäßig so", erläutert UN-Sprecher John Hay gegenüber wir-klimaretter.de. Wenn aus dem Minister-Segment ein Staatsschefs-Segment werde, müsse die Konferenzleitung auch in der Hand eines Staatschefs liegen. "Hedegaard hilft Rassmussen weiter als 'Spezial-Repräsentantin'", so Hay.
Die ruhige Phase der Verhandlungen sei mit dem heutigen Tag vorbei, urteilt auch Röttgen. Bis Samstagfrüh, wenn die Verhandlungen offiziell abgeschlossen sein sollen, richtet sich der Minister allerdings darauf ein, kein Auge mehr zu schließen. "Die nächsten Nächte werde ich wohl durchmachen müssen" so Röttgen.

Der frisch gebackene Minister wurde in Kopenhagen gleich ins kalte
Wasser geworfen, denn einen Tag nach seiner Ankunft in Kopenhagen,
wurde Röttgen zum Verhandlungsführer für die Kyoto-Untergruppe, die für
die Minderungsziele verantwortlich ist, erklärt. Die Beratungen der
Arbeitsgruppen seien nun im Großen und Ganzen abgeschlossen. "Nun
beginnt der politische Entscheidungsprozess der Klimakonferenz",
erklärte Röttgen.
Durchmachen in Kopenhagen
Für hohen Druck und ein anstrengendes "Nervenspiel" sorgten die Entwicklungsländer unter der Führung der G77- Gruppe, meint Röttgen. Diese seien sich untereinander nicht einig. So würden sich die großen Schwellenländer unter dem "komfortablen Dach der Entwicklungsländer" verkriechen. Doch zwischen China und den kleinen Inselstaaten gebe es entscheidende Unterschiede: Die einen seien vom Untergang bedroht und die anderen würden immer mehr Emissionen ausstoßen.
China weist diesen Vorwurf, der von vielen Entwicklungsländern erhoben wird, immer wieder zurück. Das Land sieht sich als Entwicklungsland und beruft sich auf die im Kyoto-Protokoll festgeschriebene historische Schuld der Industrieländer. Auch G77-Sprecher Di-Aping hatte mehr als einmal erklärt, dass es für Schwellen- wie Entwicklungsländer ein Recht auf Wachstum gebe.
Der deutsche Umweltminister erklärte zudem, dass die USA an weitergehenden Vorschlägen arbeiten würden. Genaueres wollte Röttgen allerdings nicht verraten. Bereitschaft auf ein Zugehen auf die Entwicklungsländer signalisiere auch die Europäische Union bei den langfristigen Finanzhilfen für arme, vom Klimawandel betroffene Länder. Doch auch hier bleiben die Ankündigungen drei Tage vor dem Showdown noch sehr blumig. "Wir werden nicht alles vorher auf den Tisch packen und dann sagen: Wir sind die Guten, und was habt ihr so zu bieten", bügelte Röttgen heute ab.
Angesichts der unterschiedlichen Wege zu einem Abkommen, zeigte der Umweltminister keine besonderen Präferenzen: Die technische Form der neuen Verträge oder des neuen Vertrages, sei ihm gleich. Es gehe einzig darum, dass verbindliche Ziele und Zusagen gemacht würden: "Inhalt geht vor Rechtsform", so der Minister. Das sehen die G77-Länder aber anders: Sie bestehen auf dem Kyoto-Vertrag, der verbindliche Zielen für Industrieländer und ihre historische Schuld festschreibt. Derzeit sind zwei Wege in der Diskussion: Ein Postkyoto-Vertrag ergänzt durch ein neues Abkommen unter der Klimarahmen-Konvention.
(Fotos: Reimer, Weimann)
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