Waldschutz: "Die EU spielt ein zynisches Spiel"
Unter der Abkürzung REDD wird in Kopenhagen ein Mechanismus für
Waldschutz diskutiert. wir-klimaretter.de hat mit Martin Kaiser, Leiter
der Klimakampagne von Greenpeace International, über das Geschäft mit
der Urwaldzerstörung und den Handel mit Kohlendioxid-Zertifikaten
gesprochen
wir-klimaretter.de: In Kopenhagen wird über den so genannten REDD-Mechanismus (Reducing Emissions from Deforestation und Degradation ) diskutiert. Was sind in Sachen Waldschutz die wichtigsten Konfliktlinien auf der Klimakonferenz in Kopenhagen?
Martin Kaiser: Fast alle Industrieländer und auch viele Schwellenländer haben mehr Interesse an der Ausbeutung der Urwälder als an ihrer Erhaltung. Brasilien und Indonesien wollen sich ökonomisch entwickeln - und wenn das Abholzen der Wälder wirtschaftliche Vorteile bringt, dann wird es damit weitergehen. Deswegen ist es wichtig, dass man nicht nur in Sonntagsreden darüber spricht wie die Bäume zu retten sind, sondern dass die Industrieländer bereit sind, für den Waldschutz auch zu zahlen. Das würde Anreize schaffen, die Urwälder zu erhalten.
Urwaldzerstörung lohnt sich?
Es gibt beispielsweise das indonesische Unternehmen Asia Pulp & Paper (APP), das auch in China sehr aktiv ist und in Indonesien großflächig abholzt und dort wichtige Lebensräume von Orang Utans zerstört. Auch riesige Speicher von Kohlenstoff in Sümpfen werden eliminiert. In Indonesien sind fast alle Unternehmen, die an der Abholzung beteiligt sind, an illegalen Geschäften verwickelt. Korruption spielt hier eine große Rolle.
Warum sollen sich Länder, für die sich die Abholzung des Regenwald lohnt, dann künftig überhaupt für den Waldschutz einsetzen?
In Ländern wie Brasilien oder Indonesien wird den Menschen immer klarer, dass die gesamte Süßwasserversorgung ohne Urwälder in Frage gestellt wird. Insofern ist der Waldschutz ein zentraler Baustein des zukünftigen Klimaregimes nicht nur in diesen Ländern, sondern weltweit. Wir dürfen nicht vergessen, dass fast ein Fünftel der Emissionen aus der Entwaldung stammen.
Welche Vorschläge liegen zur Finanzierung auf dem Tisch?
Jetzt geht es darum, dass die Erhaltung des Waldes sich mehr lohnt als seine Zerstörung. Zunächst einmal sind 35 Milliarden Dollar notwendig, um die Urwälder weltweit zu erhalten und Entwaldungs-Emissionen auf nahezu Null zu bringen. Daran gekoppelt gibt es die Zielsetzung, die Entwaldung bis 2020 zu stoppen.
Bei den Klimagesprächen wird über zwei Ansätze der Finanzierung gesprochen: Die Einbindung des Waldschutzes in den globalen Kohlenstoffmarkt und ein Fonds, in den Industrieländer füllen müsste. Was spricht gegen den Handel mit Zertifikaten beim Waldschutz?
Forderungen, wie die von Frankreich und England, Wälder in den internationalen Kohlenstoffhandel einzubeziehen, würde dazu führen, dass sowohl das Klima als auch die letzten Urwälder zerstört werden. Denn Umweltsünder in den Industrieländern könnten billige Verschmutzungsrechte aus den Urwäldern beziehen und bräuchten sich zu Hause weniger anstrengen. Das würde bedeuten, dass sich Wirtschaftsinteressen in den Industrie- und Entwicklungsländern der Wälder bemächtigen.
Könnte sich ein Waldfonds durchsetzen?
Präsident Obama hat am 10. Dezember bei einer Pressekonferenz nach der Verleihung des Friedensnobelpreises in Oslo signalisiert, dass er an der Idee eines Waldfonds am Amazonas, so wie ihn Norwegen und Brasilien planen, interessiert ist. Das setzt ein Zeichen gegen die Einbindung des Regenwaldes in den internationalen Kohlenstoffmarkt.
Welche Rolle spielt die Europäische Union?
Die Europäische Union spielt ein zynisches Spiel. Auf der einen Seite versuchen sie ein bisschen Monitoring zu betreiben, auf der anderen Seite ist noch niemals der Import von illegalem Holz in Europa verboten worden und durch Gerichte verfolgbar. Insofern profitieren europäische Länder wie Frankreich oder England vom Import illegaler Hölzer. Gleichzeitig setzen sie sich in Sonntagsreden für den Waldschutz ein. Was ihnen der Wald wirklich wert ist, konnte man zum Beispiel beim kürzlich in Brüssel abgehaltenen EU-Gipfel sehen: Vor allem Deutschland und Großbritannien traten bei Finanzierungsfragen kräftig auf die Bremse. Das ist nicht akzeptabel. Wenn man Klimaschutz ernst nimmt, muss man auch die großen Urwälder schützen.
INTERVIEW: ANTON B. SPERNBERG
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