Ein Minister, der von nichts weiß
DAS PORTRÄT: EINER VON 16.000
Heute: Moritz Leuenberger, 63, Rohrbach, für Umwelt zuständiger Bundesrat und ranghöchster Verhandler seines Landes
Schon drei Mal ist das Pressebriefing der Schweizer Delegation heute verschoben worden. Jetzt ist es 17 Uhr und Bundesrat Leuenberger gibt den Journalisten einen Überblick der Lage. Pressebriefings sind Veranstaltungen, auf denen die Mächtigen der Welt Journalisten Einblick hinter die Kulissen geben. "Jeder weiß, wie es weitergehen müsste, aber niemand weiß so richtig, wie es weitergeht", sagt Leuenberger, ein kleiner Mann mit schlauen Augen. "Es tut mir Leid, wenn ich ihnen über die Zukunft nichts verbindliches sagen kann", führt der 63jährige Sozialdemokrat aus, "aber klar ist: Das hier wird entweder Hopenhagen oder Flopenhagen".
Moritz Leuenberger ist nicht zu beneiden. 25 Staatschefs verhandeln die Zukunft der Welt hinter verschlossenen Türen. Leuenberger sagt, er wisse genau, was er hier für die Schweiz rausholen muss: Ein rechtsverbindliches Abkommen, 'legally binding', wie es im Konferenzsprech heißt. "to be legally binding or not to be legally binding - das ist für uns die entscheidende Frage".
Aber die kann er nicht beantworten - eben weil die Schweiz nicht zu den 25 hinter-verschlossener-Tür-Verhandlern gehört. "Ich habe nicht mehr Informationen als sie und vermutlich sind ihre Fragen konkreter als meine Antworten", sagt Leuenberger, um sich dann den Fragen der Journalisten zu stellen.

Schweizer Jounalisten und die Delegationsleitung: Thomas Kolly, Chefunterhändler spricht am Mikrofon, links neben ihm Umweltminister Moritz Leuenberger. (Fotos: Reimer)
Moritz Leuenberger ist seit 1995 Mitglied der Schweizer Regierung, Anfang des Jahrtausends war er sogar Bundespräsident. Als solcher hat er 2006 auf der Klimakonferenz in Nairobi eine weltweite Steuer auf Kohlendioxid vorgeschlagen, ein Konzept, dass er bis heute verfolgt. Auf der Klimakonferenz auf Bali hatte er erklärt, wenn man der Wissenschaft tatsächlich glaubt, müsse die Welt den Treibhausgas-Ausstoß bis 2020 um mindestens 40 Prozent reduzieren. Frage also von dem Kollegen der Basler Zeitung: Wie steht es mit dieser Aussage?
"Ich halte sie immer noch für richtig, auch wenn sie politisch augenblicklich nicht durchsetzbar ist", so 'Bundesrat' Leuenberger. In der Schweiz ist alles ein bisschen anders, weshalb der Umweltminister auch "Bundesrat" heißt und zur Klimakonferenz nicht mit dem Flugzeug sondern mit dem Zug anreist. "Aber sie sehen ja an den Verhandlungen, dass wir nicht einmal die avisierten 25 Prozent auf den Tisch bekommen".
Könnte denn nicht die Schweiz als Beispiel vorangehen? Antwort des Ministers: "Das tun wir: Erhöht die EU ihr Angebot von 20 auf 30 Prozent bis 2020, werden wir das auch tun".
"Klingt besser als es ist", erläutert der Baseler Kollege nach dem Pressebriefing. Die Schweiz sei das vorbildlichste EU-Mitglied. Wieso denn das? "Nun: Wir sind umgeben von EU wie eine Insel vom Wasser. Deshalb sind wir auch immer die ersten, die eine neue EU-Verordnung umsetzt - damit das alles reibungslos funktioniert."
NICK REIMER
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