Nur die Rosinen herauspicken geht nicht

DAS PORTRÄT: EINER VON 16.000
Heute: Momodou Omar Njie, 52, Staatssekretär im Energieministerium von Gambia
Wenn der komplette Weltklimagipfel - wieder einmal - aus den Fugen gerät, dann sieht das so aus: Verhandlungen werden unterbrochen, Delegierte stecken ihre Köpfe zusammen, Menschen hetzen in kleinen Gruppen über die Flure des Kopenhagener Bella Centers. In den Hallen werden Fragen aufgeworfen, diskutiert und die nächsten Schritte besprochen. Alles ist dann in Bewegung.
Momodou Omar Njie sitzt dann tief in seinen Stuhl gerutscht im Getümmel der Haupthalle und lächelt. "Das ist alles ganz normal", sagt der Staatssekretär des Energieministeriums von Gambia gelassen. Und nimmt sich erst einmal eine Pause.

Die in der G77 zusammengeschlossenen Entwicklungsländer hatten am Montag aus Protest gegen die Industrienationen den großen Verhandlungssaal verlassen und die Gespräche zum Erliegen gebracht: Bei informellen Gesprächen der Umweltminister am Wochenende hatte Konferenzpräsidentin Connie Hedegaard versäumt, das Kyoto-Protokoll auf die Agenda zu setzen. Dieses aber ist den Entwicklungsländern extrem wichtig - es verpflichtet die Industriestaaten völkerrechtlich verbindlich auf zumindest moderate Emissionssenkungen. Etliche reiche Länder dagegen möchten das Protokoll Ende 2012 einfach auslaufen lassen. Sie möchten in Kopenhagen einen ganz neuen Vertrag aufsetzen.
Kyoto überhaupt nicht zu erwähnen, sei ein unentschuldbarer Fehler, meint Momodou Omar Njie: "Wir können hier über alles reden. Aber wenn die Länder des Nordens sich nur die Rosinen herauspicken wollen, hört der Spaß auf."
Grund zur Panik aber ist das offenbar nicht. "Zu Verhandlungen gehört Streit", sagt Momodou Omar Njie, "genau an dieser Stelle beginnt es erst interessant zu werden." Der 52-Jährige ist in Gambias Hauptstadt Banjul aufgewachsen und hat in Washington Politikwissenschaften studiert. Zum Klimagipfel ist das kleine westafrikanische Land mit einer 18-köpfigen Delegation angereist, auch ein eigenes Presseteam ist dabei: "Die Entscheidungen, die hier getroffen werden, bestimmen über unsere Zukunft."
"Schauen Sie: Bei uns in Gambia reden fast alle vom Klimawandel. Landwirtschaft ist sehr wichtig in meiner Heimat: Wenn ich Bauern höre, die über Dürre und veränderte Niederschlagsverhältnisse klagen, wenn Anbaumethoden geändert werden müssen, weil die Erträge nicht mehr ausreichen, dann ist das deshalb weil das Klima sich bereits heute verändert. Vielleicht wissen nicht alle um die genauen Umstände, nicht alle was das alles tatsächlich bedeutet. Aber sie erleben es am eigenen Leib."
Für ihn als Energiepolitiker ist die Linie klar: "Erneuerbare Energien sind der richtige Weg", sagt Momodou Omar Njie. "Gambia muss als schnell wachsendes Entwicklungsland jetzt auf das richtige Pferd setzen." Ein Blick auf die Uhr, die Pause ist zu Ende. Nüchtern sagt er: "Wir sind hierher gekommen, um ein vollständiges verbindlichen Klimaabkommen zu beschließen. Aber bevor wir etwas beschließen, das uns nicht hilft, weil Länder wie die USA sich nicht angemessen beteiligen wollen, beschließen wir hier besser nur einen verbindlichen Rahmen. Und entscheiden über die Details beim nächsten Klimagipfel in Mexiko."
SARAH MESSINA
Mehr Porträts von Teilnehmer/innen finden Sie hier.
Die Schlagzeilen um 15 Uhr
In dieser Woche am meisten gelesen
Meinungen: Rezension
Die Übermacht der fossilen Industrie In Bonn wird auf der UN-Frühjahrstagung gerade wieder über das Klima verhandelt. Ein umweltverträglicher Kapitalismus ist jedoch nicht abzusehen. Aber auch die Kritiker tun sich schwer - ihnen fehlen die Alternativen. Eine Rezension von Felix Werdermann [mehr...]
Meinungen: Standpunkte
"Altmaier muss die Energiewende retten" Nun ist es amtlich: Der Bundespräsident hat Norbert Röttgen (CDU) entlassen und Peter Altmaier (CDU) seine Ernennungsurkunde zum Umweltminister überreicht. Dass Kanzlerin Angela Merkel (CDU) nun einen ihrer engsten Vertrauten für das Projekt Energiewende ins Rennen schickt, ist wichtig für die Kontiunität der Energiewende und für das Kräftespiel zwischen Wirtschafts- und Umweltministerium, findet klimaretter.info-Herausgeber Gero Lücking. [mehr...]
Jahrestag
Das Fukushima-Dossier
11. März 2011: Die Welt wird mit Stärke 9 erschüttert, fast 20.000 Menschen sterben. Die Atomanlagen havarieren, ein politischer Tsunami folgt. Kanzlerin Merkel ändert binnen 7 Monaten ihre Politik komplett, die Welt diskutiert die Atomkraft. Zum Jahrestag präsentiert klimaretter.info jenes Dossier, das damals im Nachrichtendschungel Orientierung gab. [mehr]
Aktion des Monats Das Netzwerk Friends of the Earth hat eine Europäische Bürgerinitiative für den EU-weiten Atomausstieg gestartet. BUND-Hubert Weiger, einer der Initiatoren sagt, mit der Volksinitiative habe man "jetzt endlich eine greifbare Möglichkeit, den Weg in eine sichere und saubere Energiezukunft zu ebnen". Nutzen wir sie! [mehr] | Zu Ihrem Vorteil Sie lesen uns gerne und regelmäßig? Sie finden unser Angebot interessant, hilfreich und erhellend? Dann müssen Sie uns helfen! Unabhängiger Journalismus kostet Geld, und wenn RWE, Vattenfall, die CDU oder die Netzbetreiber nicht dafür zahlen, dann doch wohl Sie! Abonnieren Sie uns, für 3, 5 Euro oder 50 im Monat, für 100 Euro im Jahr - oder "Flattrn" Sie uns [mehr...] |
Klimaretter-Jobbörse
Die Pioniere der Energiewende
Ein Elektroingenieur für den Bereich Netzanschluss gesucht? Einen Sicherheitsexperten für die Windkraft? Eine Klimaberaterin für die Verbraucherzentrale in Mainz? Auf der klimaretter.info Jobbörse werden viele spannende Jobs zur Energiewende angeboten. [mehr]
Lexikon Was eigentlich ist TREC und was die COP? Wie berechnet sich der Heizwert und wie die Wärmestrahlung? Wie funktioniert Contracting, wie ein Smart Grid? Antworten auf diese und viele andere Fragen finden Sie in unserem Lexikon zum Stöbern - und Nachfragen [mehr] | Klimaretter-Beichtstuhl Na, doch wieder einmal schwach geworden? Doch wieder eine unnötige Strecke mit dem Auto gefahren? Doch wieder ins Flugzeug gestiegen? Fehler zu (be)kennen, ist der erste Schritt zur Besserung: Erzählen Sie einfach sich, was Sie bereuen. Und warum. Sie werden sehen: Das erleichtert! Nutzen Sie einfach unseren "klimaretter.info-Beichtstuhl". [mehr...] |
Deutsche Stahlwirtschaft: Pure Panikmache
DB mobil, die Kundenzeitschrift der Bahn, ist eine honorige Publikation. Erstens beträgt ihre Auflage mehr als 500.000 Stück, nur wenige Magazine bewegen sich in diesen Größenordnungen. Zweitens ist die Zeitschrift gut gemacht. Im Maiheft geht es beispielsweise um Elektromobilität, die[…] [mehr...]Mehr vom Lügendetektor
Klimaretter-Dossiers
Die Gesetze der Energiewende - Eine Analyse
Atomkraft weltweit - Die Welt nach Fukushima
Der GAU von Tschernobyl - 25 Jahre später
Atomunfall in Japan - Das Unglück von Fukushima
E10 und das Politikversagen - Wie es jetzt weiter geht
Das Zwei-Grad-Ziel - Ist die Erderwärmung zu stoppen?
Anpassungsstrategie - Das Meer steigt
Fussball-WM 2010 - Afrika im Klimawandel
Ausgekohlt - Wie Kohlekraftwerke kippten
Nordrhein-Westfalen 2010 - Die Klima-Wahl
Bundestagswahl 2009 - Klima nur Nebensache
Merkels Klimabilanz - Bilanz der Meseberg-Beschlüsse
McPlanet-Kongress - Beginn einer neuen Bewegung
Beichtstuhl - Wen das Gewissen plagt
Kopenhagen ABC - Deshalb gibt es COPs und MOPs
Klimakonferenz-Specials
Durban Dezember 2011 - COP17 in Südafrika
Berlin Juli 2011 - Petersberger Dialog ohne Ergebnis
Bonn Juni 2011 - Kein Frühling auf der Frühjahrstagung
Bangkok April 2011 - Verwaltung statt Klimarettung
Cancún Dezember 2010 - Hoffnungszeichen in Mexiko
Tianjin Oktober 2010 - Letzte Konferenz vor Cancún
Bonn August 2010 - Die Sommerkonferenz
Bonn Juni 2010 - Noch mehr Stillbeschäftigung
Bonn April 2010 - Stillbeschäftigung in Bonn
Alternativgipfel April 2010 - Cochabamba
Dezember 2009 - Kopenhagen Countdown
Kopenhagen Dezember 2009 - COP15
Barcelona November 2009 - Noch viele Fragezeichen
Bangkok Oktober 2009 - Feinschliff am Text
Bonn Juni 2009 - Hoffnung auf ein Abkommen
Poznan Dezember 2008 - Der 14. Klimagipfel COP14
Bali Dezember 2007 - Der 13. Klimagipfel COP13






