Hungerstreiken für das Klima

DAS PORTRÄT: EINE VON 16.000
Heute: Anna Keenan, 24, Klimaaktivistin im Hungerstreik
Heute ist der 39. Tag ohne Essen für Anna Keenan. Nur Wasser und ein paar Vitamine hat sie seit über einem Monat zu sich genommen. "Ich fühle mich extrem glücklich und sehr kräftig, aber auch sehr leicht," sagt sie. So sieht sie aber gar nicht aus: Anna Keenan sitzt in Mütze, Schal und drei Schichten Kleidung gewickelt im Rollstuhl. Vor ein paar Tagen war der noch dramatisches Accessoire für die Journalisten, jetzt ist er notwendig. Keenan kann sich nur noch mit Mühe bewegen, Treppensteigen geht gar nicht mehr, der Blutdruck ist zu gering.
Hungerstreiken für das Klima? Wie kommt man denn auf die Idee?
"Ich bin seit vier Jahren Klimaaktivisten und ich habe jede andere Strategie schon ausprobiert," antwortet Anna Keenan. Jetzt sei es Zeit, "die Herzen" der Diplomaten zu bewegen. Schließlich kennen die Politiker alle wissenschaftlichen Argumente, aber sie ignorierten sie trotzdem, erklärt Keenan.
Sie selbst kann eine beeindruckende Bilanz von Engagement für den Klimaschutz vorzuweisen: Mit vier Freunden fuhr sie vor einem Jahr per Zug von Australien nach Poznan zum Klimagipfel. Danach blieb sie in Europa und führte Jugend-Delegationen auf den Zwischenrunden in Bonn und Barcelona an. Den Sommer über mischte sie sich mit der Aktion Avaaz in den Wahlkampf in Berlin ein.
2007 wurde sie im Climate Camp in Australien verhaftet: Gemeinsam mit acht anderen Aktivisten war sie in Australiens größtem Hafen für Kohleexport über einen Zaun gesprungen und auf einen Kohletransport geklettert. Per Mobiltelefon verständigten sie das Exportunternehmen und blockierten so den Zug für acht Stunden - was die Produktion von knapp 18 Millionen Tonnen Kohlendioxid aufhielt.
Der Stand der Hungerstreikenden auf der Klimakonferenz. Anna Keenan ist die zweite von rechts. (Fotos: Weimann)
Nun hungerstreikt Keenan also, gemeinsam mit ihrer Freundin Sara Svensson aus Schweden. Svensson ist ebenfalls am 39. Tag angelangt. Keenan und Svensson - ihr Hungerstreik hat sie weltweit bekannt gemacht. Weitere Umweltschützer haben sich den beiden Frauen angeschlossen - und fasten ebenfalls. Daniel Lau aus Australien beispielsweise, der sechs Jahre lang in einem Stahlwerk gearbeitet hat, das Australiens größter Kohlendioxid-Produzent ist. Oder Matthieu Balle, ein Monteur von Solaranlagen aus Paris, der über das Radio vom Fasten für Klimagerechtigkeit erfuhr.
Wie lange das Fasten nun noch gehen soll? "Wir sind hier nicht um zu sterben, sondern demonstrieren für das Leben auf der Erde", sagt Anna Keenan. Deshalb musste auch Daniel Lau seinen Hungerstreik abbrechen, wegen akutem Mangel an B-Vitaminen. "Ich bin erleichtert, dass Daniel sich entschieden hat, aufzuhören," sagt Anna Keenan.
Wenn Daniel den Daumen in die Muskeln seiner Waden presst, bleibt eine Delle, Anzeichen des Vitamin-Mangels. Er erhöht die Gefahr von Herzstillstand und Schäden am Nervensystem. Deshalb isst Lau seit gestern wieder. Eine der gefährlichsten Phasen eines Hungerstreiks, bei der das Risiko für bleibende Schäden besonders hoch ist. Mittwoch hat er den nächsten Termin im Krankenhaus für einen Check-Up. Die anderen Hungerstreiker machen weiter.
Anna Keenan plant gerade eine große Solidaritäts-Aktion am Donnerstag, dem Tag an dem die Staatsoberhäupter im Bella Center eintreffen. Sie wird dann 42 Tage gefastet haben.
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