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Öko-Lifting für den Bierhimmel

Europas größtes Sauf- und Blusen-Ausschnitts-Event - das Münchner Oktoberfest - soll grüner werden. Doch die Festwirte sehen das Ökopotential der Gelagemeile bereits ausgeschöpft. Ins hochdeutsche übersetzt sagen sie: "So viel Bio gibt's gar nicht, wie wir brauchen würden."

Aus München Georg Etscheit

Hunderttausende weiße und farbige Glühbirnen illuminieren die Theresienwiese, laute Musik wummert aus phonstarken Lautsprechern, schwere Maschinen, die Unmengen an Energie fressen, wirbeln Menschen durch die Luft oder hieven sie in schwindelnde Höhen. Der Stromverbrauch des Münchner Oktoberfestes dürfte dem einer Kleinstadt entsprechen. Dazu fleischlastiges Fast-Food zum Mitnehmen an jeder Ecke, mit den dazugehörigen Müllbergen. Und Millionen Besucher, die oft per Auto oder, von weither, mit dem Billigflieger anreisen, einzig und allein zu dem Zweck, um sich auf der "Wiesn" ein paar vergnügliche Stunden zu gönnen. Für Menschen, die sich um Ökologie und Nachhaltigkeit sorgen, ist dieses Treiben ein Graus.


Das Thema Bio wird auch für die Gäste wichtiger. Auch am Thema Pfand und Mehrweg ist die Stadtverwaltung dran. (Foto: flickr/Farbfilm)

Doch weil sich München, wie bei der jüngst gescheiterten Olympiabewerbung, immer sehr um ein grünes Image bemüht, wurde auch die Wiesn mit rot-grüner Mehrheit im Stadtrat einem Öko-Lifting unterzogen. Ganz oben auf der Liste der ökologischen Errungenschaften steht die Reduzierung der riesigen Abfallmengen. So werden auf der Wiesn schon seit 1991 die Hendl, Haxn und Steckerlfische auf Mehrweggeschirr mit Mehrwegbesteck serviert. Auch Erfrischungsgetränke werden, gegen ein Mindestpfand von einem Euro, nur in Mehrwegflaschen ausgegeben; Getränkedosen sind ganz tabu. Beim legendären Hinrichtungsvarieté "Zum Schichtl" gibt es sogar Premium-Bioessen von den Herrmannsdorfer Landwerkstätten. Fünf große Bierzelte sowie die Hühnerbraterei "Zum Stiftl" beteiligen sich darüber hinaus an einem Wasser sparenden Recyclingprojekt. Dabei wird das Nachspülwasser für die Bierkrüge noch mal in den Zelttoiletten verwendet und damit 6.400 Kubikmeter Brauchwasser eingespart.

Dem durchschnittlichen Oktoberfest-Besucher fällt dies wohl ebenso wenig auf, wie die Tatsache, dass mehr als die Hälfte aller Schausteller und Wirte, darunter das Riesenrad, der "Olympia Looping" und die "Wilde Maus" nebst einigen Festzelten, mit Öko-Strom der Münchner Stadtwerke versorgt wird. Auch für alle öffentlichen Bereiche der Wiesn gibt es erneuerbaren Strom aus Wasserkraft. Augenfälliger sind da schon die auf der Wiesn verkauften "Bio-Schmankerl". Naschereien wie gebrannte Mandeln, Schokobananen und frisch gebackene Waffeln gibt es ebenso in der kontrollierten Bio-Variante wie Würstel aller Art und die auf der Wiesn besonders beliebten Brathendl.

505.901 Brathendl und 119 Ochsen

Bei der traditionsreichen Hühner- und Entenbraterei Ammer kommen sogar ausschließlich Bio-Hendl auf den Grill. Die Nachfrage im Straßenverkauf sei "stark steigend", teilt das Unternehmen mit, wobei sich die Gäste auch von höheren Preisen nicht abschrecken ließen. "Wir merken, dass das Thema Bio zunehmend an Bedeutung gewinnt, sowohl bei jungen Leuten als auch bei ernährungsbewussten Familien." Ammer will das Bio-Angebot sukzessive erweitern. In diesem Jahr etwa habe man zum ersten Mal Bio-Käse der bayerischen Hofkäserei Stroblberg im Angebot. Vorbildliches ökologisches Verhalten steigert übrigens die Chance für Schausteller und Gastronomen, bei der alljährlichen Neubewerbung für das lukrative Fest überhaupt zugelassen zu werden. Schon 1995 wurde das Bewertungssystem für eine Wiesn-Teilnahme um den Punkt "ökologische Verträglichkeit" erweitert.

In punkto Bio-Lebensmittel eine Diaspora sind noch die 15 Großzelte der Münchner Brauereien, in denen mit Abstand die meisten Fleischportionen vertilgt werden. 2010 waren es, amtlich registriert, 505.901 Brathendl, 69.293 Schweinshaxen, 119.302 Paar Schweinswürstel und 119 Ochsen. Toni Roiderer ist Wirt im Hackerzelt und Sprecher der Wiesnwirte. "So viel Bio gibt’s gar nicht, wie wir brauchen würden." Für ihn ist das ökologische Potential auf dem Oktoberfest "ziemlich ausgeschöpft". Die Festwirte verhielten sich schon seit Jahren sehr umweltbewusst. Weswegen 13 von ihnen im Jahre 2008 auch mit dem bayerischen Umweltsiegel in Gold ausgezeichnet worden seien.


Vegetarier werden auf dem fleischverliebten Oktoberfest nicht wirklich froh. (Foto: Michael Schulze von Glaßer)

Martin Hänsel vom Bund Naturschutz in München will nicht immer nur nörgeln. In der Tat stehe die Wiesn im Vergleich zu anderen Volksbelustigungen "gar nicht so schlecht da". Zu einer echten Öko-Wiesn sei es aber noch ein weiter Weg. So böten nicht einmal zehn Prozent der gastronomischen Betriebe auf der Wiesn Bio-Lebensmittel an. "Bezogen auf die verkaufte Menge, dürfte der Bio-Anteil verschwindend gering sein." Hänsel fordert die Öko-Strom-Pflicht für alle Oktoberfest-Betriebe. Außerdem solle pro Zelt mindestens ein Bio-Gericht und ein vegetarisches Essen angeboten werden. Auch die umweltfreundliche Anreise müsse mehr als bisher gefördert werden. Hänsel denkt dabei etwa an "Klimazuschläge" bei Tischreservierungen, wenn die Gäste mit dem Flugzeug angereist sind.

Eine weitere Verschärfung des Nachhaltigkeits-Kurses, wie jüngst auch von den Münchner Stadtratsgrünen angeregt, lehnt Wirte-Sprecher Roiderer ab. Die Ökopartei will unter anderem mehr regionale und fair gehandelte Produkte auf der Wiesn und eine Verbesserung der Klimabilanz, etwa durch Solarkollektoren auf den Festzelten. Roiderer hält das für Spielereien, die wenig bringen. Beim Stichwort Bio-Bier wird er sogar richtig fuchsig. "Gott sei Dank, dass es den Schmarrn bei uns nicht gibt." Das Münchner Bier sei dank bayerischem Reinheitsgebot schon rein genug. "Man soll nicht nach Problemen suchen, wo es keine gibt."

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