Zur Nachahmung empfohlen?
In den Uferhallen in Berlin-Wedding heißt es ab sofort "Zur Nachahmung empfohlen!". 40 internationale Künstler zeigen auf den "Expeditionen in Ästhetik und Nachhaltigkeit" vom 3. September bis zum 10. Oktober mit Skulpturen, Videoarbeiten, Fotografien, Perfomances und Installationen ihre Interpretationen der kulturellen Dimension von Öko-Ästhetik und der Rettung des Planeten
Aus Berlin Sarah Messina
Nein, den Begriff Klimawandel habe man nach dem großen Rummel um den letzten Weltklimagipfel in Kopenhagen gezielt vermieden, sagt Kuratorin Adrienne Göhler. "Als Langzeitbeobachter muss sich Kunst jedoch auch dort verorten, wo sich die Weltöffentlichkeit vielleicht schon wieder abwendet". Der Schwerpunkt liegt bei der Ausstellung "Zur Nachahmung empfohlen!" deshalb auf der "Nachhaltigkeit", einem durch großzügigen Gebrauch heute fast schon entwertetem Begriff. Für die "Expeditionen" hat man sich jedoch auf traditionellere Nachhaltigkeitsbegriffe gestützt, und sich etwa an Joachim Heinrich Campe orientiert. Der lehrte einmal Schüler wie Alexander von Humboldt und prägte 1809 die pragmatische Definition: "Nachhaltigkeit ist das, woran man sich hält, wenn alles andere nicht mehr hält".

Was kostet Youtube in der Währung Kohle? Diesen "Brocken" mit dem Titel Avatar wirft Künstler Michael Saup den Besuchern zur Begutachtung vor. (Foto: Messina)
Schirmherr und Umweltbundesamt-Chef Jochen Flasbart hat die Ausstellung am Donnerstagabend in Berlin eröffnet: Bis zum 10. Oktober können Kunstinteressierte nun lustwandeln in Ästhetik-Parcours rund um Umweltverschmutzung und Klimawandel, Ressourcenknappheit und Artenverlust, Gentechnik und künstliche Welten und selbst beurteilen, ob sie die Ideen der Ausstellung zur Nachahmung empfehlen würden oder nicht. "Wir brauchen nicht Moral und Verzicht, sondern Lust und Leidenschaft", sagt jedenfalls Kuratorin Goehler. Grenzen zwischen künstlerischer und technischer Kreativität, Idee und Machbarkeit wurden deshalb mitunter aufgebhoben, damit Kunst das sichtbar machen kann, was auch in unserer Umwelt oft im Verborgenen bleibt.
Pixel zu Briketts und Getreide für die Samenbank
Zum Beispiel die "Konvertierung von Pixeln in Briketts", wie sie Michael Saup praktiziert: Sein Korpus aus Braunkohlebriketts "Avatar", der dem Besucher als eindrücklicher Brocken präsentiert wird, verbildlicht die Menge an Kohle, die für die Erzeugung elektrischer Energie verbraucht wurde, um den Trailer des Hollywood-Films "Avatar" auf Youtube eine Millionen Mal anzusehen. Kohle wird dabei als Rohstoff aus "den Netzwerken der Erde" wieder zur ursprünglichen "Botschaft der Sonne", die vor Millionen von Jahren eingeschlossen wurde. Nur um heute für den wachsenden Hunger nach Elektrizität und digitalem "global (s)warming" unwiederbringlich verheizt zu werden.

Bringt Kultur und Vergessen zusammen: Ursula Schulz-Dornburgs Weizenkatalogisierung. (Alle folgenden Fotos: z-n-e.info)
Auf ein anderes "Gedächtnis" der Erde bezieht sich Ursula Schulz-Dornburg mit ihrem Werk "Dort, wo Arten aussterben, verlieren die Menschen etwas von ihrer Geschichte und Kultur". 60.000 Weizensorten gab es einmal auf den Feldern der Welt, heute kennt man nur noch ein paar Dutzend Hochertragssorten. Die Artefakte der verschwundenen Kulturen lagern als Rohmaterial für Experimente und Notfallpläne nur noch in Archiven oder Samenbanken.

Schreibt sich zunehmend in das Gedächtnis der Welt ein: Plastik. Kunststoff als Kunststoff wird in den "Expeditionen" mehrfach aufgegriffen
Auf der anderen Seite des Wirtschaftens mit den Kulturen steht die Gentechnik als Heilsbringer gegen Hungerproblem und Nahrungsmittelknappheit, mit denen sich unter anderem Arbeiten wie von Ines Doujac beschäftigen. Und mit einer ganz anderen Art der Genmanipulation befasst sich Cornelia Hesse-Honegger: Sie hat seit dem Unfall von Tschernoby Insekten aus verstrahlten Biotopen und aus der Nähe von Atomkraftwerken gesammelt, und die durchbrochene Symmetrie der Natur durch Mutationen in bunten Aquarellen dokumentiert.
Globalisierter Untergang, verkehrte Welten und Klimaflucht
Die Künstlergruppe Superflex lässt in ihrer Videoarbeit "Flooded McDonald's" als Konsequenz unseres Konsumverhaltens eine McDonald's Filiale langsam fluten und verdammt damit die globalisierte Welt zum globalen Untergang. Schnitt- und Kameratechniken aus Hollywood-Katastrophenfilmen vermitteln die unsichtbare Bedrohung, die sich als unausweichlich erweist.

Dieser Untergang könnte überall auf der Welt stattfinden: Flooded McDonald's von Superflex
Mit der Realität des Unentrinnbaren befasst sich auch Hermann Josef Hack, dessen Klimaflüchtlingslager eher selten in Ausstellungen, dafür aber umso öfter auf Marktplätzen und Fußgängerzonen von "Konsum-Metropolen" anzutreffen sind. Mehr als tausend Miniaturzelte machen dabei darauf aufmerksam, dass es längst Flüchtlinge gibt, die ihre Heimat durch die Folgen des Klimawandels verlassen mussten, auch wenn die Genfer Flüchtlingskonvention den Begriff "Klimaflüchtling" offiziell noch nicht kennt.

Klimaflüchtlingslager im Miniformat: Den Künstler Hermann Josef Hack kennen unsere Leser bereits als Klimaretter.info-Kolummnisten.
Willkürliche Verteilung lebenswichtiger Ressourcen, eine sich wandelnde Welt und Blätter, die von der Geschichte gewendet werden könnten deutet die Arbeit "Adopted" von Gudrun F. Widlok an. In der "verkehrten Welt" übernehmen Menschen in afrikanischen Ländern die Patenschaft für Europäer. Für die Adoption können sich auch Besucher der "Expeditionen"-Ausstellung bewerben.

Was wäre, wenn alles etwas anders wäre? Diese Frage stellt "Adopted".
Experimente, Gedankenspiele und Schöpfungen
Düstere Szenarien, aber auch "Sonnengesänge", Klänge aus fermentierendem Heu, Schaumstoff-Wälder und der Garten auf der Handfläche: Auf "Expeditionen in Ästhetik und Nachhaltigkeit" lässt sich vieles mehr erlauschen und erspähen, einiges anfassen und manches sogar selber machen: Das Künsterlinnenduo Zwischenbericht macht sich etwa den Standort der Uferhallen zunutze und fordert Besucher zur eigenen "Schöpfung" aus dem nahe der Ausstellung fließenden Fluss auf. Während das selbst geschöpfte Pankewasser verwirbelt, angereichert und gereinigt wird, filtern "Soundfilter" mit Strömungsaufnahmen der Panke auch den Gedankenfluss.

Zwischenbericht: Was haben Wasser und Gedankenströme gemeinsam?
Ob das funktioniert und sich zur Nachahmung empfiehlt findet man am besten selbst heraus. Am Ende des Parcours der Expeditionen hat der Gedankenfluss wohl zumindest eine Ahnung der sensiblen Lebendigkeit von Natur und Umwelt gestreift, bevor es mit einem tiefem Atemzug wieder zurück in die Tiefen der Stadt und des Alltags geht. Der Künstler Clement Price-Thomas bietet dazu den passenden "Guide": Ein täuschend echter Laubhaufen, der mit einer künstlichen Atemmaschine zum Leben erweckt wird. Ausgestellt hat Price Thomas diese Arbeit bislang vor allem in "freier Wildbahn". Und sorgte damit unter anderem im New York Central Park oder London für unerwartete "Begegnungen" mit der Lebenskraft der Natur.

Lebender Laubhaufen? Erstaunte Blicke zog "the Guide" von Clement Price-Thomas hier in London auf sich.

"Zur Nachahmung empfohlen! Expeditionen in Ästhetik und Nachhaltigkei"
Vom 2. September bis 10. Oktober in den Uferhallen in Berlin-Wedding.
Parallel zur Ausstellung gibt es ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Künstlergesprächen, Paneldiskussionen und einem Filmprogramm (in der Ausstellung und im Kino Arsenal)
Die Ausstellung wird "wiederverwertet" und wandert nach Berlin an weitere Standorte. Alle Infos hier: www.z-n-e.info
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