Kohlendioxid statt Sparbuch
Börse München bietet Verschmutzungsrechte erstmals auch Privatanlegern an. "Alle Preisprognosen sind positiv", sagt Robert Ertl, der Bereichsleiter greenmarket. Und doch wird es von der Politik abhängen, ob der Anleger Kasse machen wird
Aus Berlin Nick Reimer
"Hitzewelle in Russland und Überschwemmungen in Pakistan – wahrscheinlich bereits Folgen des Klimawandels". Diese Einschätzung stammt nicht etwa von Greenpeace. Diese Einschätzung stammt von der Börse München. "Verantwortlich wird dafür vor allem der vom Menschen verursachte CO2-Ausstoß gemacht", teilt die Bayrische Börse München mit. Was beweist, dass das Thema tatsächlich in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist.

Wenn also diese Einschätzung zutrifft – wie der Zusammenhang zwischen Hitzewelle in Russland und Überschwemmungen in Pakistan aussieht, kann man übrigens HIER nachlesen – wenn die Folgen also sichtbar sind, dann muss man etwas gegen den Klimawandel tun, dachten sich die Börsianer. Und weil Börsianer an der Börse mit Aktien handeln, kreierten sie ein handelbares Produkt: die ETCs.
"Über den Emissionshandel verpflichtet die Europäische Union die Industrie, ihren Ausstoß von Kohlendioxid zu reduzieren", erläutert Robert Ertl, bei der Börse München Leiter des Bereichs greenmarket. Die EU gibt so genannte Verschmutzungsrechte aus - die Zertifikate - und sorgt einerseits dafür, dass immer mehr Bereiche der Industrie solche Verschmutzungsrechte kaufen müssen und andererseits, dass von Handelsperiode zu Handelsperiode immer weniger Verschmutzungsrechte ausgegeben werden. Ertl: "Und wenn sich ein Gut verknappt, dann steigt der Preis."
Bisher konnten von den Chancen des Emissionshandels nur die Energiekonzerne und Industrieunternehmen selbst sowie Händler und Finanzinstitute profitieren. Seit kurzem bietet die Börse München dies nun auch Privatanlegern an - als ein so genanntes ETC (Exchange Traded Commodity) auf CO2. Hinter der Wertpapier-Kennnummer A0ZZGA an der Börse München verbirgt sich Deutschlands einzige Börsennotierung eines ETC auf CO2.
Die Zertifikate berechtigen zur Atmosphärenverschmutzung mit einer Tonne Kohlendioxid. Gehandelt werden sie an der Leipziger Strombörse, an der nur Geschäfts-, aber keine Privatkunden handeln dürfen. Aktuell steht der Preis bei 14,66 Euro je Zertifikat, Anfang des Jahres lag der Preis noch bei zwölf Euro. Wer also zum Jahresanfang investiert hätte, könnte jetzt 22 Prozent Gewinn verbuchen. Da kann kein Sparbuch mithalten. "Alle Preisprognosen sind positiv", sagt Robert Ertl, ohne eine konkrete Zahl zu nennen. Experten gehen aber davon aus, dass 2013 der Preis um die 30 Euro liegen sollte, damit sich Klimaschutz in den Unternehmen bezahlt macht. Die Rechnung zeigt: Hier kann man richtig Kasse machen.

"Und nun die Kursentwicklung bei den Kohlendioxid-Zertifikaten". Ab sofort könnte Moderatorin Nancy Lanzendörfer vom Deutchen Anleger-Fernsehen diese Formulierung gebrauchen. (Foto: DAF)
Und zudem noch etwas Gutes für den Klimaschutz tun: Liegen die Verschmutzungsrechte im Depot von Privatanlegern, stehen sie der Industrie erst dann wieder zur Verfügung, wenn sie der Privatanleger verkauft. Und weniger verfügbare Zertifikate auf dem Markt treiben die Preise in die Höhe. "Für uns war es schon immer ein wichtiges Ziel, mit unserer Plattform greenmarket auch den Bürger über die Vorzüge des Emissionshandels zu informieren und von den Vorteilen zu überzeugen", sagt Christine Bortenlänger, Vorstand der Bayerische Börse AG.
Allerdings: Wie immer an der Börse, es gibt keine Garantie dafür, dass die Zertifikatspreise auch tatsächlich so steigen, wie von Experten prognostiziert. "Wird beispielsweise der Atomausstieg von der schwarz-gelben Regierung verschoben, werden weniger Zertifikate gebraucht, weil Atomstrom ja kohlendioxidfrei ist", erläutert Ertl. Entscheidend sei also, wie verlässlich die Zusagen der Politik seien: Macht Europa Ernst beim Klimaschutz, steigt der Preis in jedem Fall.
Wie sensibel aber die Börse auf politische Veränderungen reagiert, kann man gut auch am Zertifikatspreis ablesen: Vor der Bundestagswahl lag der noch bei 15 Euro. Und: Für den Klimaschutz das Beste wäre natürlich, wenn man Zertifikate kauft - und dann vernichtet. Dafür gibt es seit ein paar Jahren sogar einen Verein: TheCompensators.
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