Grünes Gold in der grauen Tonne

Der Naturschutzbund schätzt, dass hierzulande bis zu sechs Millionen Tonnen wertvoller Bioabfälle pro Jahr verloren gehen. Sie landen mit dem Restmüll in den Müllverbrennung, obwohl sie potenzielle Rohstoffe für Kompost und Biogas sind.

Aus Frankfurt am Main Joachim Wille

Für viele gehört es zum Alltag: Bananenschalen, Gemüsereste, Kaffeefilter sowie andere Küchen- und Gartenabfälle wirft man nicht zum Restmüll, sondern in die Biotonne. Doch viel von dem organischen Material geht verloren, weil die Einsammlung der wertvollen Biofraktion immer noch nicht flächendeckend und konsequent betrieben wird. Mit dem Biogas, das in Deutschland aus dem noch per grauer Tonne entsorgten Bioabfall zu gewinnen wäre, könnte ein ganze Großstadt mit Heizenergie versorgt werden.

BildFür die einen sind das einfach Kartoffelschalen. Für die anderen ist es eine potentielle Heiz- oder Stromquelle. (Foto: Ariesa66/​Pixabay)

Die Pflicht für Städte und Landkreise, die Bioabfallsammlung anzubieten, besteht in Deutschland seit Anfang 2015. Seither sind über 1.000 Tage vergangen, doch die Ausstattung der deutschen Haushalte mit Biotonnen ist weiterhin mangelhaft. Nur jeder zweite Bürger hat überhaupt einen solchen Extrabehälter zur Verfügung, wie jüngst eine Recherche des Naturschutzbundes Nabu ergab. Unterm Strich bestehe knapp die Hälfte des Restmülls immer noch aus organischen Abfällen. Andere Bioabfälle landen im Gelben Sack oder, weggespült durch die Toilette, in der Kanalisation.

Laut Nabu weigern sich 32 von insgesamt 402 Städten und Landkreisen bis heute, die braune Tonne oder ein Bringsystem einzuführen. In den restlichen Kommunen werde die braune Tonne häufig nur in bestimmten Stadtteilen oder nur auf Wunsch der Bürger zur Verfügung gestellt.

Ein weiteres Problem: Selbst in Wohngebieten, in denen die braune Tonne schon lange eingeführt ist, landen bis zu 40 Prozent der organischen Stoffe trotzdem in der Restmülltonne oder im Gelben Sack. Vielen Bürgern ist es zu lästig, neben Papier und Grüner-Punkt-Abfall noch eine weitere Müllfraktion extra zu entsorgen. Manche finden braune Tonnen aber auch schlicht eklig, vor allem im Sommer, wenn sich dort Fliegen und Maden tummeln.

Mit dem verlorenen Biomüll könnte man Duisburg beheizen

Der Nabu schätzt, dass hierzulande bis zu sechs Millionen Tonnen wertvoller Bioabfälle pro Jahr verloren gehen. Sie landen mit dem Restmüll in den Müllverbrennung, obwohl sie potenzielle Rohstoffe für Kompost und Biogas sind. Der Kompost könnte Kunstdünger und Torf ersetzen, und das Biogas, das in speziellen Anlagen aus vergorenem Bioabfall gewonnen wird, könnte ins Erdgasnetz eingespeist oder zur Stromgewinnung genutzt werden. Mit der Heizenergie, die man aus den sechs Millionen Tonnen zusätzlichen Bioabfalls gewinnen könnte, ließe sich laut Nabu-Kalkulation eine Stadt mit knapp einer halben Million Einwohnern versorgen.

Die getrennte Sammlung von Bioabfällen begann in Deutschland im Jahr 1985. Die Abfälle werden zu speziellen Anlagen transportiert, wo die Betreiber sie kompostieren oder vergären lassen. Bis 2002 stiegen die gesammelten Mengen laut Umweltbundesamt (UBA) stark an, danach wuchsen sie nur noch langsam. Derzeit werden pro Jahr etwa 15,4 Millionen Tonnen Biomüll behandelt; produziert werden daraus rund 3,4 Millionen Tonnen Kompost, 4,4 Millionen Tonnen Gärreste und 0,3 Millionen Tonnen Klärschlammkompost.

Auch das UBA plädiert für eine flächendeckende Bioabfallsammlung, zumal die restliche Abfallmenge dadurch um bis zu einem Drittel verringert werden könne. Dabei favorisiert das Amt eine "Kaskadennutzung", wobei zuerst Biogas gewonnen wird und danach aus den Gär-Reststoffen Dünger hergestellt wird.

Der Nabu sieht zwei Stellschrauben, mit denen eine maximale Bioabfallverwertung erreichbar ist – eine bundesweite Einführung der Biotonne und eine bessere Aufklärung der Bürger. "Die Städte und Landkreise müssen endlich umdenken und die Biotonne flächendeckend einführen", fordert Nabu-Geschäftsführer Leif Miller. Landesbehörden dürften bei einer schleichenden Umsetzung der Trennungspflicht nicht mehr beide Augen zudrücken.

Miller weist auch den Einwand der Gegner zurück, das getrennte Einsammeln von Biomüll sei unwirtschaftlich und technisch nicht umsetzbar. Studien des UBA hätten das widerlegt, zudem zeigten Vorreiter wie der Landkreis Jerichower Land in Sachsen-Anhalt seit Jahrzehnten, dass Bioabfälle leicht vom Restmüll getrennt, kostengünstig eingesammelt und hochwertig verwertet werden können.

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Wo gibt's Biotonnen in Deutschland? Grafik vergrößern. (Grafik: Dirk Heider/​NABU, Daten: UBA, NABU)

Um die Aufklärung voranzutreiben, haben der Nabu und die Supermarktkette Rewe eine "Aktion Biotonne Deutschland" gestartet. Die bundesweite Kampagne wird inzwischen auch von Großstädten wie Berlin, Frankfurt oder Köln und etlichen Landkreisen unterstützt. Der Konzern informiert dazu in über 2.000 Supermärkten durch Flyer, Aufsteller und Informationsveranstaltungen.

"Wenn es uns gelingt, die Qualität des Biomülls zu verbessern und mehr Küchenabfälle über die Biotonne zu sammeln, kann damit ein positiver Effekt für mehr Umwelt- und Klimaschutz erzielt werden", sagte die Rewe-Bereichsvorständin Daniela Büchel. Bislang meldete Rewe 75 Millionen Kundenkontakte zu dem Thema, die Aktion läuft noch bis 4. November. 


Tipps für Biomüll

Verbraucher sollten einige Tipps beherzigen, um den Biomüll aus der Küche gut zu entsorgen. Man sollte ihn, so der Naturschutzbund, möglichst direkt aus der Küchenschüssel in die Biotonne befördern, ansonsten bei kleinen Abfallbehältern in der Küche unten Zeitungspapier einlegen, das die Feuchte aufnimmt. Das Auftreten von Maden lässt sich verhindern, in dem man Speisereste in Zeitungspapier einwickelt.

Die Biotonne sollte an einem schattigen Platz stehen. Man sollte sie regelmäßig entleeren lassen und bei Bedarf auswaschen. Das Einstreuen von trockenem Material wie Laub und das Auslegen von Zeitungspapier am Tonnenboden verhindert das Ankleben des Abfalls. Im Sommer hält das Einsprühen des Tonnendeckels mit einer Essigmischung die Insekten fern.

Wichtig ist es auch, keine "Störstoffe" wie Plastiktüten oder Glas in die Biotonne zu werfen. Die zunehmende Verschmutzung des Bioabfalls plagt die Kompostierer und Biogasbetreiber, da es sehr teuer ist, die Störstoffe auszusortieren, oder aber kein hochwertiger Kompost erzeugt werden kann.

Weitere Hinweise geben zum Beispiel die Seiten des Naturschutzbundes.

[Erklärung]  
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