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Wasser durch die kurze Leitung

Leitungswasser wird zum Trend: Die Kampagne "Refill" will Menschen zum Trinken von Leitungswasser bewegen, um umwelt- und klimaschädlichen Müll durch Plastikflaschen zu vermeiden. Das ist auch dringend nötig. Denn mittlerweile werden hierzulande pro Jahr 17 Milliarden Einweg-Plastikflaschen in Umlauf gebracht.

Aus Berlin Susanne Schwarz und Sandra Kirchner

In der "Diamantfabrikken" fließen Blut, Kaffee und Wasser. Seit seiner Eröffnung vergangenes Jahr erregt das Café in Berlin-Wedding Aufsehen: In der hauptstadttypisch zusammengewürfelten Gemütlichkeit des vorderen Raums serviert Geschäftsführerin Klaudia Sczendzina Kaffee, Kuchen, Suppen und Sandwiches. Im hinteren Raum bearbeitet Sczendzinas Geschäftspartnerin, die Dänin Astrid Narud, die Haut der Kunden mit Nadel und Tinte.

BildJetzt ein Glas Wasser! Unser wichtigstes Lebensmittel kommt am klimafreundlichsten aus dem Hahn. (Foto: Jenny Downing/​Wikimedia Commons)

Im Schaukasten neben der Eingangstür weist seit ein paar Tagen ein blauer Sticker darauf hin, dass man sich in dem Tattoocafé auch kostenlos Leitungswasser ausschenken lassen kann – zum Mitnehmen in selbst mitgebrachten Flaschen und Behältern. Auch wenn man überhaupt nichts kauft.

Mit als erste in der Stadt beteiligen sich die beiden Gründerinnen an der neuen Kampagne "Refill Berlin". Es geht darum, auch unterwegs Trinkwasser aus der Leitung für alle Menschen zugänglich zu machen. Dazu hat der Verein "A Tip: Tap" – zu Deutsch "Ein Tipp: Leitungswasser" – eine Online-Karte eingerichtet, auf der er alle Cafés, Restaurants und Läden einträgt, die so wie "Diamantfabrikken" mitmachen. Bisher sind es nur ein paar Handvoll in der Drei-Millionen-Stadt.

Kampagne "Refill" breitet sich aus

Dennoch ist die Karte gut gefüllt, denn es finden sich darauf auch die öffentlichen Trinkwasserbrunnen der Stadt. Die Motivation des Vereins ist ökologischer Natur: "So vermeiden wir den Müll der Plastikflaschen", sagt Lena Ganssmann von "A Tip: Tap".

Das Konzept ist sozusagen ein britischer Export: Mit "Refill Bristol" begann der Trend, durch "Refill Hamburg" kam er nach Deutschland. Mittlerweile haben regionale Vereine die Kampagne auch nach Köln, Münster, Dresden und Greifswald sowie neuerdings Berlin geholt.

"Refill" greift eines der großen Abfallprobleme in Deutschland auf: Beim Recycling lobt sich die Bundesrepublik gern als Weltmeister – der Müll aber wird immer mehr. Bei Plastikflaschen sieht es selbst mit dem Recycling schlecht aus, trotz ausgefuchstem Ein- und Mehrwegsystem. Die mehr als zehnjährige Erfahrung damit zeigt, dass es offenbar ein bisschen zu ausgefuchst ist, um die Verbraucher wirklich zu lenken.

Der Einzelhandel ist verpflichtet, 25 Cent Pfand je Dose oder Flasche zu erheben. Für Mehrwegflaschen sind noch acht Cent Pfand fällig, damit für Kunden überhaupt ein Anreiz zum Zurückbringen besteht. Der Trend zum "Wegschmeißbehälter" geht trotz des Pfandes weiter. Nur noch 42 Prozent der Getränke werden derzeit in Mehrwegflaschen verkauft, im Jahr 2004 hatte die Quote noch bei zwei Dritteln gelegen.

20 Milliarden Einweg-Plastikflaschen und Dosen

Jährlich werden hierzulande 17 Milliarden Einweg-Plastikflaschen sowie 2,9 Milliarden Dosen in Umlauf gebracht. Allein dadurch entstehen in Deutschland jedes Jahr mehr als 500.000 Tonnen Abfall. Nicht mal die Hälfte der eingesammelten Einweg-Flaschen wird recycelt – und wenn, dann mit massiven Qualitätsverlusten: Sie werden schließlich in derselben Tonne gesammelt wie zum Beispiel die minderwertigen Foliendeckel von Joghurtbechern.

Eine Halbliter-Mehrwegflasche hingegen wird laut dem Wirtschaftsprüfungsunternehmen Deloitte im Schnitt 25-mal wiederverwendet – und kann dann hochwertig recycelt werden.

Das Problem sieht Clemens Stroetmann von der Stiftung Initiative Mehrweg in der Kennzeichnung: Die Käufer müssen sich in einem Dschungel aus Pfandpreisen zurechtfinden. Manche Getränke wie etwa Säfte sind zudem komplett von der Pfandpflicht ausgenommen, auch wenn sie in Einwegflaschen abgefüllt werden. "Der Verbraucher kann nicht hinreichend zwischen Ein- und Mehrweg unterscheiden", klagt Stroetmann.

Dem Klima könnte es helfen, wenn alle alkoholfreien Getränke ausschließlich aus Mehrweg- statt aus Einwegflaschen konsumiert würden. Jedes Jahr ließen sich so 1,25 Millionen Tonnen Kohlendioxid einsparen, sagt die Deutsche Umwelthilfe (DUH). Das ist so viel Treibhausgas, wie die Bürger einer Stadt wie Ingolstadt insgesamt verursachen.

Ein Viertel des Verpackungsmülls ist gar nicht recycelbar

Selbst bei längeren Transportwegen übersteigt dem Umweltbundesamt (UBA) zufolge der zusätzliche Herstellungsaufwand für neue Einwegflaschen den Energie- und Ressourcenverbrauch, der bei Rücktransport und Reinigung der Mehrwegflaschen entsteht. Die Behörde empfiehlt selbstverständlich auch, unter den Mehrwegflaschen jene zu kaufen, die keine langen Transportwege hinter sich haben. Als klima- und umweltfreundlichste Variante empfiehlt aber auch das UBA schlicht und einfach Leitungswasser, so wie die "Refill"-Kampagne es bewirbt.

Irgendwann stößt schließlich auch das Recycling an seine Grenzen. "In einem gesunden Kreislauf werden 75 Prozent der Kunststoffabfälle in Verpackungen wiederaufbereitet, transformiert und als Roh- und Sekundärstoffe wiederverwendet", erklärt Antonio Pezzini, der sich für den Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschuss mit dem Recycling von Plastik beschäftigt. "Die verbleibenden 25 Prozent bestehen aus heterogenen Abfällen der Verpackungen und können nicht aufbereitet werden."

In der "Diamantfabrikken" in Berlin hält sich der Ansturm auf das kostenlose Leitungswasser noch in Grenzen. "Bei den Leuten muss erst mal ein Umdenken stattfinden, noch hat kaum jemand überhaupt ständig eine Trinkflasche dabei", meint Klaudia Sczendzina.

BildPET-Rohlinge vor dem Aufblasen: Nur Experten können erkennen, ob hier Einweg- oder Mehrwegflaschen aus dem Kunststoff entstehen. (Foto: Dierk Schaefer/​Wikimedia Commons)

Dass das kostenlose Ausschenken von Wasser ein wirtschaftliches Problem werden könnte, wenn die Idee sich erst einmal herumspricht, glaubt die Café-Chefin nicht. "Ich finde dieses Geiz-Ding vieler Gastronomen ätzend, dass man für die Toilette oder eben ein Glas Leitungswasser noch was bezahlen soll", meint Sczendzina. "Das tut doch echt nicht weh."

Einen halben Cent pro Liter kostet in der Bundeshauptstadt das Leitungswasser, heißt es bei den Berliner Wasserbetrieben, die "Refill Berlin" – nicht ganz uneigennützig – ebenfalls unterstützen.

[Erklärung]  
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