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Kiesgruben und Kindersoldaten

Jedes Jahr verbraucht Deutschland 1,3 Milliarden Tonnen Rohstoffe. Um das zu ändern, hat das Öko-Institut einen Plan für eine "Rohstoff-Wende" vorgelegt. Er soll die negativen ökologischen und sozialen Folgen verringern.

Aus Frankfurt am Main Joachim Wille

Die Zahl ist schwindelerregend. In Deutschland werden laut Umweltbundesamt im Jahr rund 1,3 Milliarden Tonnen Rohstoffe verbraucht – von mineralischen Ressourcen wie Sand, Kies und Zement über Metalle wie Eisen, Kupfer, Aluminium und seltene Erden bis zu nachwachsenden Ressourcen wie Holz, Baumwolle oder Energie-Raps.

BildDer westliche Lebensstil ist ressourcenintensiv. (Foto: DriveNow)

Pro Bundesbürger sind das rund 16,2 Tonnen pro Jahr oder 44 Kilogramm am Tag. Zwei Drittel der Rohstoffe werden importiert, bei fossilen Energieträgern und Biomasse sind es rund 70 Prozent, bei Metallerzen sogar fast 100 Prozent.

Das zeigt: Deutschland hat nicht nur einen zu großen "CO2-Fußabdruck", der dringend verringert werden muss – wofür die Bundesregierung einen Klimaschutzplan bis 2050 aufgestellt hat. Es gibt auch einen "Rohstoff-Fußabdruck", der das zuträgliche Maß weit überschreitet. Für dieses Problem gibt es allerdings bisher weder das nötige Bewusstsein in Öffentlichkeit und Politik noch entsprechende Zielsetzungen.

Ein Expertenteam des Öko-Instituts hat nun eine Agenda für eine "Rohstoff-Wende" entwickelt, die die negativen ökologischen und sozialen Auswirkungen der hohen Ressourcen-Nachfrage in Deutschland, aber auch weltweit minimieren soll. Aufgezeigt werden darin Entlastungspotenziale für die vier wesentlichen Bedürfnisfelder Wohnen, Arbeiten, Mobilität sowie Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT).

Die negativen Folgen der Gewinnung und Verarbeitung der Rohstoffe sind vielfältig. Im Inland geht es zum Beispiel um die Zerstörung von Naturlandschaften etwa für den Kiesabbau oder Umweltschäden durch Reststoffe aus der Kalisalz-Gewinnung. Wegen des hohen Importanteils werden viele Probleme jedoch ins Ausland verlagert. Die Experten des Öko-Instituts nennen diese Beispiele:

  • Goldgewinnung in lateinamerikanischen Staaten mithilfe von Quecksilber – mit gravierenden Folgen für die Gesundheit der Menschen und die Umwelt
  • Förderung von seltenen Erden in China, bei deren Aufbereitung radioaktive Schlämme zurückbleiben – häufig ohne sicheres Abfallkonzept
  • Ausbeutung des Minerals Coltan in Afrika, das in unseren Mobiltelefonen verbaut ist – unter Einsatz von Warlords mit Kindersoldaten

"All dies geschieht auch, um den Rohstoffhunger in Deutschland zu befriedigen", mahnt das Institut. Der Wissenschaftler haben 75 besonders wichtige Rohstoffe genau analysiert. "Es zeigte sich, dass je nach Rohstoffgruppen und ihren Einsatzfeldern sehr unterschiedliche Ziele gesetzt und spezifische Maßnahmen ergriffen werden müssen", sagt Projektleiter Matthias Buchert.

Für erste Massen-Rohstoffe wie Kies und Stahl sowie das Spezialmetall Neodym, das in Elektromotoren eingesetzt wird, hat das Forschungsteam ambitionierte Maßnahmen und Instrumente entwickelt, mit denen der Rohstoffbedarf in den kommenden Jahrzehnten deutlich sinken kann.

Kies-Steuer und Neodym-Standards

Um den Verbrauch der Bau-Rohstoffe zu vermindern, schlägt das Institut einen umfassenden Gebäude-Check und eine Primärbaustoffsteuer für neu gewonnene, nicht recycelte Baustoffe vor. Es müsse künftig mehr Recyclingbeton zum Einsatz kommen. "Das ist heute schon technisch möglich, wird jedoch selten praktiziert", erläutert Buchert. "Dann können jährlich 23 Millionen Tonnen Primärkies weniger nachgefragt werden – das ist fast eine Halbierung im Vergleich zu heute und einem Weiter-so-Szenario."

Gebäude sollten zudem länger als heute üblich genutzt und saniert statt abgerissen werden. Das Forschungsteam schlägt konkret vor, die jährlichen Sanierungsraten bei Wohnhäusern von heute einem auf drei Prozent und bei Gewerbebauten von 0,8 auf ein Prozent zu erhöhen. Dies könne den jährlichen Bedarf an Ton, Naturstein und Sand um mindestens 20 Prozent und an Kies sogar um bis zu 45 Prozent verringern. Der Bedarf an neuem, nicht recyceltem Stahl soll um 40 Prozent sinken.

Doch es ging dem Expertenteam nicht nur darum, die eingesetzten Mengen zu verringern. "Zusätzlich haben wir Ziele wie die Einhaltung von Umwelt- und Sozialstandards bei der Erzgewinnung und ein stärkeres Recycling entwickelt", sagt Buchert. Bei Neodym zum Beispiel, das zu den seltenen Erden zählt und dessen Verbrauch wegen des Einstiegs in die Elektromobilität stark ansteigen wird, komme es vor allem darauf an, dass eine nachhaltige Gewinnung der Rohstoffe gesichert ist. Hierfür müsse ein Nachhaltigkeits-Zertifikat vorgeschrieben werden.

Das Öko-Institut fordert von der Politik, spezielle Ziele, Maßnahmen und Instrumente für alle wichtigen Rohstoffgruppen zu formulieren. Bis 2020 sollen danach konkrete und nachprüfbare "Meilensteine" für die Rohstoffwende definiert werden. "Diese müssen alle vier Jahre kontrolliert und, wenn nötig, nachgeschärft werden", so die Experten.

BildSand und Kies gehören zu den meistgeförderten Rohstoffen der Welt. (Foto: Andreas Rockstein/​Wikimedia Commons)

Die Basis dafür soll ein regelmäßiges Monitoring sein, mit dem die Entwicklung des Rohstoffbedarfs und weitere Indikatoren wie Bevölkerungswachstum, Fortschritte bei der Energie- und Verkehrswende, Entwicklung des Recyclings und Technologieschritte erhoben werden. Für die Jahre 2025 und 2037 schlagen die Experten zwei "große Inventuren" vor, um zu überprüfen, ob die ergriffenen Maßnahmen ausreichend wirken.


Rohstoff-Wende: Drei Beispiele

1. Sand und Kies

In Deutschland werden jährlich rund 238 Millionen Tonnen Sand und Kies verbraucht, vor allem im Bausektor, pro Bundesbürger also knapp drei Tonnen. Der Bedarf kann komplett durch die inländische Produktion gedeckt werden. In der Bundesrepublik gibt es derzeit rund 2.120 Sand- und Kieswerke. Schwerpunkt sind die Fluss- und Nebenflussgebiete von Rhein, Main und Mosel, wo Kiesablagerungen schon sehr lange abgebaut werden. Probleme ergeben sich vor allem die Zerstörung des Landschaftsbildes und den hohen Flächenverbrauch. Ziel der Rohstoff-Wende ist eine deutliche Verringerung des Einsatzes von neu abgebautem Sand und Kies im Baubereich.

Was tun? Einsatz von Recyclingbeton, längere Nutzung von Gebäuden durch mehr Sanierung statt Neubau, Förderung der Holzbau-Weise, Verringerung des Straßen-Neubaus.

2. Eisen und Stahl

Deutschlands Eisenerz-Bedarf für die Herstellung von Roheisen beträgt über 40 Millionen Tonnen jährlich, er wird ausschließlich durch Importe gedeckt. Mehr als die Hälfte des Erzes kommt aus Brasilien, gefolgt von Schweden und Kanada. Hierzulande werden pro Jahr ebenfalls über 40 Millionen Tonnen Stahl produziert. Hauptnutzer von Stahl sind Baugewerbe (31 Prozent), Autoindustrie (26) und Maschinenbau (zwölf Prozent). Probleme entstehen vor allem durch die Erzgewinnung, für die große Naturflächen beansprucht werden und bei der große Mengen schwermetallbelastete Schlämme anfallen, sowie durch die sehr CO2-intensive Stahlherstellung. Ziel ist eine Verminderung des Einsatzes von Nicht-Recycling-Stahl um 40 Prozent.

Was tun? Erhöhung des Recycling-Anteils bei der Nutzung von Stahl, Verkehrswende mit geringem Bestand von Autos und Lkw, längere Nutzung von Gebäuden, Durchsetzung von Umweltstandards bei der Erzgewinnung.

3. Neodym

Neodym ist ein leichtes Seltenerd-Metall, das vor allem in Permanentmagneten, aber auch in Elektronikgeräten genutzt wird. Diese Magnete ermöglichen eine platzsparende Konstruktion zum Beispiel von Elektromotoren und Generatoren, weswegen der Neodym-Verbrauch durch Elektromobilität und Windkraft-Ausbau stark zunehmen wird. Das Metall wird überwiegend in China gefördert, der Marktanteil liegt bei 85 Prozent. Bei der Neodym-Gewinnung entstehen große Mengen Schadstoffe, die Luft und Wasser belasten. Zudem werden an nahezu allen Lagerstäten von seltenen Erden hohe Konzentrationen von radioaktivem Thorium gemessen, die ein Risiko für die Beschäftigten darstellen. Ziel ist es, das Wachstum des Neodym-Verbrauchs zu bremsen.

Was tun? Recycling-Quote von derzeit unter ein auf 30 Prozent erhöhen, Zertifizierung für nachhaltig gewonnenes Neodym einführen und durchsetzen, Lebensdauer von Elektronik-Geräten um 50 Prozent verlängern.

[Erklärung]  
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