Klimakiller Einweg-Flasche

17 Milliarden Einweg-Flaschen werden hierzulande jedes Jahr verbraucht. Viel zu viel, meint eine Allianz aus Umweltschützern, Getränkehändlern und Brauereien. Eine Kampagne soll die Verbraucher dazu bringen, häufiger zu Mehrweg-Flaschen zu greifen – das spare Ressourcen und Energie und senke die Treibhausgasemissionen.

Aus Berlin Sandra Kirchner

"Ich möchte alle ermuntern, die Ärmel aufzukrempeln und unsere Anstrengungen für den Klimaschutz weiter zu erhöhen", rief Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) vor rund drei Jahren den Vertretern von 35 Staaten zum Auftakt des Petersberger Klimadialogs in Berlin zu. Den Appell richtete Hendricks damals an die internationale Politik.

BildMehr Mehrweg – das wiederholte Auffüllen von Glasflaschen schont das Klima und die Ressourcen. (Foto: Manfred Richter/​Pixabay)

Auf nationaler Ebene möchte auch eine Allianz aus Umweltschützern, Getränkehändlern und Brauereien zum Klimaschutz beitragen, die am heutigen Dienstag in Berlin die Kampagne "Mehrweg ist Klimaschutz" vorgestellt hat und Kunden zum häufigeren Griff zur Mehrweg-Flasche bewegen will. Denn ein Liter Mineralwasser in Mehrweg-Glasflaschen verursache 55 Gramm weniger CO2 als die gleiche Menge in Plastik-Einwegflaschen.

Würden alle alkoholfreien Getränke ausschließlich aus Mehrweg- statt Einwegflaschen konsumiert, ließen sich jedes Jahr 1,25 Millionen Tonnen CO2 einsparen. "Wenn die Bundesregierung sagt, dass wir unsere Klimaschutzpläne einhalten wollen, dann muss man sich schon fragen, warum die Politik so wenig in den einzelnen Bereichen tut", sagt Roland Demleitner vom Verband Private Brauereien. Mehrweg-Flaschen seien ein messbarer Beitrag, um den Klimaschutzzielen ein Stück näher zu kommen. Aber die Politik tue nichts dafür.

Mit der Politik meint Demleitner eigentlich das Bundesumweltministerium. Das Ministerium hatte Anfang des Jahres in seinem Referentenentwurf zum neuen Verpackungsgesetz die Mehrwegquote für Getränkeverpackungen gestrichen. Weil die Quote nicht erreicht wird, sollte sie nach dem Willen der Behörde gleich ganz entfallen.

Die mittelständischen Getränkehersteller und Umweltschützer liefen damals Sturm. "Wir waren wirklich verwundert, dass die Bundesumweltministerin international das Vorbild Deutschland hochhält, aber in einem Bereich zündelt, in dem wir Weltmeister sind", sagt Jürgen Resch von der Deutschen Umwelthilfe. Mit dem Referentenentwurf habe die Ministerin das Signal gegeben, dass Mehrweg out sei. Nur ein Änderungsantrag der Großen Koalition hievte die Quote auf den letzten Drücker wieder ins Gesetz.

Klare Kennzeichnung fehlt

Derzeit werden hierzulande jährlich 17 Milliarden Einweg-Plastikflaschen und 2,9 Milliarden Dosen in Umlauf gebracht. Zu Mehrweg-Flaschen greifen die Deutschen dagegen immer seltener. Lag der Mehrweg-Anteil bei Getränken 2004 noch bei zwei Dritteln, sind es heute nur noch 42 Prozent. Selbst das Pfand sorgt nicht dafür, dass die Kunden weniger zu den Plastikflaschen zu greifen. "Der Verbraucher kann nicht hinreichend zwischen Ein- und Mehrweg unterscheiden", klagt Clemens Stroetmann von der Stiftung Initiative Mehrweg. Das Pfand habe nicht zur mehr Klarheit beigetragen.

2003 wollte Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) mit der Einführung des Pfands die Flut der Einwegverpackungen begrenzen. Seither ist der Einzelhandel verpflichtet, 25 Cent Pfand je Dose oder Flasche zu erheben. Geändert hat das wenig. Geht es nach Stroetmann, müssen die Mehrweg-Flaschen deutlicher gekennzeichnet werden.

Das Verpackungsgesetz gibt vor, dass die Kennzeichnung künftig am Verkaufspunkt erfolgen soll. Der deutsche Getränke-Einzelhandel fühlt sich dadurch benachteiligt. Während Discounter wie Aldi oder Lidl lediglich mit einem Schild auf die angebotenen Einweg-Flaschen hinweisen müssen, sei der Getränke-Einzelhandel verpflichtet, die verschiedenen Verkaufsbereiche auszuzeichnen, moniert Branchenverbandschef Andreas Vogel. Das benachteilige den Fachhandel.

Um die Einweg-Verkaufsflut wieder zu stoppen, fordert die Mehrweg-Allianz, dass eine zusätzliche Lenkungsabgabe auf Einweg-Flaschen eingeführt wird. 20 Cent pro Flasche sollen zusätzlich zum Pfand die negativen Umweltwirkungen und Ressourcenverbräuche von Einwegverpackungen auffangen.

BildWeil Pfand auf Plastikflaschen fällig wird, glaubt manch einer, mit dem Kauf tue er der Umwelt was Gutes. (Foto: Hans Braxmeier/​Pixabay)

Jedes Jahr entstehen mehr als 500.000 Tonnen Abfall durch Einweg-Flaschen in Deutschland. Nicht einmal die Hälfte der eingesammelten Flaschen wird recycelt, alle anderen landen im Verbrennungsofen. Dagegen werden etwa 0,5-Liter-Mehrwegflaschen laut dem Wirtschaftsprüfungsunternehmen Deloitte im Schnitt 25-mal wiederverwendet. Das spart Ressourcen und Energie.

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