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Der Klimawandel als Hyperobjekt

Kann Kunst Nachhaltigkeit? Darauf finden die Diskutanten beim Lichtkunstfestival "DeLight" eine bessere Antwort als frühere Runden. Dass Kunst den Klimawandel sichtbar machen kann, ist hier nur eine unter mehreren Möglichkeiten. Es geht zum Beispiel auch um das Erkennen von Scheinlösungen.

Aus Berlin Daniela Schmidtke

An diesem Wochenende fand das DeLight Art Festival in Berlin statt. Es hat den Anspruch, mithilfe zeitgenössischer Kunst einen nachhaltigen Lebensstil zu vermitteln und Fragen zu Umwelt, Klima und Perspektiven für die Zukunft zu diskutieren. DeLight brachte dazu Künstler, Experten aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und der Umweltbewegung zusammen.

BildDie Langsamkeit der Kristallisation sichtbar machen: "Crystal Study" von Akitoshi Honda. (Foto: Akitoshi Honda)

Eine Ausstellung, Performances und eine Diskussion sollten dabei ein Feld eröffnen, auf dem Perspektiven aus unterschiedlichen Bereichen zusammentreffen. Die Ausstellung präsentierte Licht-Kunst-Installationen aus Deutschland, Frankreich, den Niederlanden, Tschechien, Japan und der Ukraine. Thematisch ging es um die Übersetzung nicht sichtbarer abstrakter Phänomene, die sich unserer Vorstellungskraft entziehen, wie die Begriffe "Klima" oder "Ökosystem".

Die gezeigten Werke beschäftigen sich etwa mit der Vibration von Wellen, Magnetfeldern und Ähnlichem, darunter die Installation "Implosion Chamber" der Künstler Evelina Domnitch und Dmitry Gelfand. In einem Glaszylinder gefüllt mit Wasser erzeugen sie Sonolumineszenz, ein Phänomen, bei dem Lichtblitze entstehen, die durch Kavitation – das Entstehen und Implodieren von Hohlräumen (hier Luftblasen) in Flüssigkeiten – ausgelöst werden. Wenn die Luftblasen kollabieren, entstehen so hohe Temperaturen, dass Licht freigesetzt wird.

In der "Implosion Chamber" wird dieses Prinzip genutzt, um Ultraschall sichtbar zu machen. Die Schallwellen werden in eine kohlensäurehaltige Flüssigkeit eingeleitet und bringen dort die Bläschen zum Implodieren. Durch die freigesetzten Lichtblitze ist es möglich, die Bewegung der akustischen Wellen nachzuvollziehen.

"Crystal Study" von Akitoshi Honda beschäftigt sich ebenfalls mit einem nicht sichtbaren Prozess: der Kristallisation. Da diese auf einer molekularen Ebene stattfindet, bleibt sie dem menschlichen Auge verborgen. Es handelt sich um eine Langzeitstudie, mit der der Künstler Phänomene wie die Erderwärmung versucht sichtbar zu machen. Diese langfristigen, jedoch täglich stattfindenden Prozesse der Veränderung von Temperatur oder atmosphärischem elektromagnetischem Rauschen sind nicht konkret greifbar.

Die Langzeitbeobachtung des Kristallisationsprozesses in einem Sturmglas macht Honda über einen Laser sichtbar. Die Veränderung der Materie spiegelt sich so in der Veränderung der Lichtbrechung.

Die Erderwärmung erfahrbar machen

Die DeLight-Kunstwerke scheinen abstrakt und sind ohne Physikkenntnisse nicht einfach zu verstehen. Daher stehen die Künstler in der Ausstellung bereit, Fragen zu beantworten. Besuchern, die sich die Zeit nahmen, eröffnet sich in der Diskussion ein Kontext, der auch die Licht-Installationen in eine fassbarere Dimension rückt.

Unter der Fragestellung "Reform oder Reduktion?" diskutieren die Psychologin und Performerin Diana Tørsløv Møller, der Klangkünstler Jacob Eriksen und der Guerilla Gardener Benjamin Graf mit Viviane Raddatz vom WWF, Matthias Tang von der Berliner Umweltverwaltung, Alexander Woitas vom Ökostromhändler Lumenaza und Sacha Kagan von der Universität Lüneburg über Perspektiven einer nachhaltigen Gesellschaft anhand von Beispielen und Statements der Gäste.

BildDie Talkrunde beim DeLight-Festival widmete sich dem Thema "Reform oder Reduktion?" (Foto: Kristina Paustian)

Auf welche Art und Weise kann Kunst nachhaltig sein und Perspektiven für eine nachhaltige Gesellschaft eröffnen? Darauf finden die Diskutanten bei DeLight am Ende eine bessere Antwort als die Runde, die im Juli 2016 in der Akademie der Künste fragte: "Selbstverbrennung oder Transformation: Mit Kunst und Kultur aus der Klimakrise?" Während dort der Kunst zugesprochen wurde, den Klimawandel sichtbar machen und so das Bewusstsein darauf lenken zu können, ist dies nur eine unter mehreren Möglichkeiten, die die Gäste des Talks bei DeLight präsentieren.

So verliest Diana Tørsløv Møller einen Text über Wahrnehmung und Erkenntnis, der mit einer alten Einsicht beginnt, nämlich der, dass jene beschränkt seien. Unter anderem könne man Hyperobjekte nicht erfahren. Die Bezeichnung stammt vom Philosophen Timothy Morton und meint Objekte, die in Raum und Zeit so ausgedehnt sind, dass sie nicht erfahrbar sind. Ein Beispiel wäre die globale Erwärmung oder der Klimawandel.

Angesichts des Klimawandels – so der Gedanke – müssen heute Entscheidungen getroffen werden, die für die nahe und ferne Zukunft gelten. Diese Entscheidungen betreffen uns, obwohl wir die Konsequenzen des Klimawandels kaum vor Ort spüren, also erfahren können. Wir wissen vom Klimawandel, weil wir davon unterrichtet sind, gelernt haben, dass es ihn gibt. Selten sind wir direkt davon betroffen.

Auf der Erfahrungsebene, schließt Møllers Text, könne Kunst dann also helfen, solche recht abstrakten Phänomene ästhetisch darzustellen. Das werde nicht zu einer sofortigen Änderung der Lebensweise führen, aber die Aufmerksamkeit dafür erhöhen.

Der Nachhaltigkeit fehlt die Basis im Denkbaren

Daran anschließend stellt Møllers Kollege Jacob Eriksen ein Recherche-Projekt vor, an dem beide arbeiten: "At the limits". Hier geht es darum, die Grenzen von Wahrnehmung und Erkenntnis zu erweitern und künstlerische Denkweisen zu entwickeln, um Althergebrachtem zu entgehen und neue Perspektiven aufmachen zu können.

Im Kontext der Entwicklung einer nachhaltigen Gesellschaft bedeutet das, eine andere Perspektive zum Beispiel auf das Anthropozän einzunehmen und darauf, wie Nachhaltigkeit aussehen könnte. Wir seien in einem Zeitalter angekommen, so Eriksen, in dem der menschliche Einfluss auf die Erde nicht mehr rückgängig zu machen sei.

Die Diskussion um Nachhaltigkeit werde jedoch häufig nur mit Blick auf die Bewahrung der Natur und die Reduktion klimaschädlicher Handlungen geführt. Kunst könne hier eine andere Perspektive, eine andere Denkweise ermöglichen. Hier führt Eriksen das Projekt "The Sixth Extinction" der Künstlerin Daisy Ginsberg an, das eine neue Welt mit synthetischer Biodiversität imaginiert.

Alexander Woitas schließt sich dem an mit einer Wendung hin zum ökonomischen Denken, das auf kurzfristige Rentabilität ausgerichtet sei, sodass dem Umbau in eine nachhaltige Wirtschaft bereits die Basis im Denkbaren fehle. Bei einer nachhaltigen Wirtschaft müsse es um langfristige Rentabilität gehen.

Dem stimmt auch Viviane Raddatz zu, die sich in Bezug auf die CO2-Emissionen dafür stark macht, nicht nur reduzieren zu wollen, sondern klug zu reduzieren, also alle Möglichkeiten auszubreiten, bevor man sich für eine entscheidet. Man müsse also wissen, wie viel CO2 noch ausgestoßen werden kann, damit klar sei, wie viel Zeit für die Reform bleibe.

BildDas eigentlich für den Menschen Unhörbare sichtbar machen: Ultraschall in der "Implosion Chamber" von Evelina Domnitch und Dmitry Gelfand. (Foto: Iaroslav Semenov)

Sacha Kagan weist darauf hin, dass Reformen auch Rebound-Effekte hervorrufen können und hier eine falsche Nachhaltigkeit entstehe, die nicht zu weniger, sondern mehr Konsum führe. Damit werde die Nachhaltigkeitsidee hinfällig. An dieser Stelle könne Kunst helfen, nicht nur Möglichkeiten zu unterbreiten, sondern auch die Komplexität aufzuzeigen, die diesen Wegen innewohnt.

Kunst sei, so Kagan, bereits in Forschungen zur Nachhaltigkeit integriert und habe hier das Potenzial, etwas zur Transformation beizutragen. Kunst brauche man nicht, um Nachhaltigkeit zu propagieren, das könne PR besser. Kunst könne dabei helfen, Dinge anders zu sehen, Nachhaltigkeit zu reflektieren und diese als Prozess zu zeigen, nicht als bereits feststehenden Horizont.

[Erklärung]  
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