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Reisen kann man nicht kaufen

DIE LAUDATIO:

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Susanne Götze, Redakteurin bei klimaretter.info, über die diesjährigen Preisträger des Toura-d'Or-Filmpreises für zukunftsfähigen Tourismus.

 

Jedes Jahr aufs Neue öffnen im Januar in Berlin die Grüne Woche und kurz darauf die Internationale Tourismusbörse ITB ihre Pforten. Jedes Jahr aufs Neue laufen zwei große Shows ab, bei denen zwei zentrale Vorlieben der Deutschen im Mittelpunkt stehen: Essen und Reisen.

Bei der einen wie der anderen Messe fristen nachhaltige Angebote und Denkweisen nach wie vor ein Nischendasein. Biobauern wird auf der Grünen Woche eine kleine Halle zugewiesen, in der sich die Ökos "austoben" können. Angesichts einer sich monopolisierenden Landwirtschaft, Rekorden bei der Massentierhaltung und nitratbelastetem Trinkwasser ist der sogenannte "Erlebnisbauernhof" auf der Grünen Woche eine überaus zynische Veranstaltung.

Ähnlich ergeht es mir auf der ITB: Der bunte Rummel um das schönste, authentischste und aufregendste Ferienziel gaukelt den Besuchern ein Erlebnis vor, das sie bei den meisten Angeboten nie haben werden. Doch das ist am Ende auch nicht wichtig. Reisen ist ein Status-Symbol und lebt vom Versprechen auf möglichst viele Selfies an möglichst "exotischen" Orten.

Keine Garantie fürs Paradiestheater

Reisen wird so zu einer Show, bei der niemand wirklich wissen will, was hinter den Kulissen passiert. Es geht darum, sich vom Zauber des Paradiestheaters hinreißen zu lassen – und heute kommt noch dazu: es dann auch allen über Social Media mitzuteilen.

Der Toura-d'Or-Filmpreis des Studienkreises für Tourismus und Entwicklung ist da einer der wenigen Lichtblicke und wahren Momente bei solchen Messeevents. Reisen – so die Grundidee des Filmpreises – ist eben kein Produkt, das man sich im Supermarkt ITB kaufen kann und auf das es dann vielleicht sogar noch eine Garantie gibt.

Genau genommen hat Reisen reichlich wenig mit Konsumieren zu tun. Es gibt kein Erlebnis auf Bestellung und auch die Jagd nach dem Paradies entpuppt sich als Fake. Denn Authentizität – was immer das sein mag – kann man nicht kaufen. Sie entsteht durch Begegnung und Offenheit, durch Wagnis, Neugier und Sich-Einlassen. Das hat nichts mit einer vermeintlichen Moralkeule zu tun, sondern liegt in der Natur der Sache.

Auch für die in diesem Jahr ausgezeichneten Filmemacher sind Werte wie ökologisch-soziale Verantwortung, Interkulturalität, Umwelt- und Klimaschutz keine Verkaufsargumente oder Imagebeschaffer, sondern Teil ihres journalistischen und pädagogischen Schaffens. Alle drei Filmemacher haben auf ihre Art versucht, nüchtern und unaufgeregt den Vorhang der Tourismus-Show zu lüften.

Besonders sind mir dabei die Sätze der Schülerin im Film "Mare Nostrum: Ein Konzert" im Kopf hängengeblieben. "Reisen bringt mich in eine Ungewissheit. Wo soll ich schlafen? Wie wird die Reise verlaufen? Wird alles gut gehen? Diese Ungewissheit schärft meine Wahrnehmung. Reisen macht mich lebendig."

Dieses Gefühl ist großartig und sorgt für viele bewegende Momente, für eine Offenheit, die verändert, die die eigenen Grenzen verschiebt, den Horizont öffnet – und schlussendlich Spuren hinterlässt.

Den Vorhang hinter Folklore und Stereotypen lüften

Erst im November bin ich selbst mit Bus und Bahn nach Marokko gereist – so wie die Schweizer Schulklasse Scuola Vivante aus dem erwähnten Film von Michelle Brun und Stefan Haupt. Zweck meiner Reise war, den Raum zwischen dem Ort der Pariser Weltklimakonferenz und der folgenden UN-Klimakonferenz in Marrakesch zu entdecken.

Ich nahm mir Zeit, mit vielen Menschen auf dem Weg zu sprechen, und landete, ohne das vorher zu ahnen, auch in einem kleinen Dorf im Atlasgebirge – ebenso wie die Schüler, die ihre Partnerschule École vivante besuchten. Und ebenso lernte ich die Gastfreundlichkeit, das Temperament, den Stolz und die Schönheit der Menschen in Marokko kennen.

Einzigartig ist es, wenn man auf eine solche Art und Weise wie die Schweizer Schüler ein Land so kennenlernen kann. Nichts geht über die Begegnung, auch wenn man sich "nur" mit Händen und Füßen verständigen kann, wie die Schüler es im Film schildern.

Die Schweizer Schüler haben eine Authentizität in Marokko erlebt, die ihnen als Pauschaltouristen verwehrt geblieben wäre. Sie konnten den Vorhang vermeintlicher Folklore und Stereotype lupfen – ich würde so weit gehen zu sagen: Der Film vermittelt, dass sie durch die Musik und die Musiker in die Seele dieses für sie fremden Landes, aber auch der anderen Kulturen geschaut haben. Sich durch Musik kennenlernen – welch fantastisches Reisekonzept!

Man würde vielen Menschen in unserem Land – und vor allem jungen Leuten – wünschen, dass sie mehr Chancen bekommen, andere Kulturen über den touristischen Blick hinaus auf diese Weise kennenzulernen. Dann würde sicher auch die aggressive Stimmung gegenüber Migranten abflauen, ganz einfach aus dem Grund, weil man Menschen von dort kennt und feststellen muss, dass auch sie sich, bei aller Verschiedenheit von Kultur oder Religion, mit ganz ähnlichen Problemen und Fragen des Lebens herumschlagen.

Aufregung ohne Mietwagen und für wenig Geld

Der zweite ausgezeichnete Film "Erlebnisreisen Schweiz: Unterwegs mit dem Postbus" zeigt auf ganz andere Weise, wie man die Authentizität eines Ortes findet – und das mit ganz einfachen, unspektakulären Mitteln. Mit einem Ticket für das Nahverkehrsnetz der Schweiz reisen Karl Waldhecker und Andreas Michels auf eigene Faust durch die Kantone – und kommen so in Kontakt mit Land und Leuten. Die atemberaubende Landschaft macht derart Eindruck, dass viele Zuschauer im Kopf schon die nächste Reise planen.

Auch hier spielen Neugier und Spontaneität eine besondere Rolle: Sich fast verlaufen oder auf einen Jodelchor auf einer Alm treffen – mehr Klischees gehen eigentlich nicht, aber wohlgemerkt: Die Jodler waren nicht bestellt, sondern selbst auf Reisen für ein Vereinstreffen.

"Unterwegs mit dem Postbus" ist eine Einladung zu Individualreisen, aber auch eine Erinnerung daran, dass aufregende Reisen nicht tausende Kilometer weit weg führen müssen und man dazu nicht einen SUV-Mietwagen braucht, sondern dass man mit wenig Geld viel entdecken kann – und vielleicht sogar mehr als gewöhnlich.

Der dritte geehrte Film blickt auf seine eigene Art hinter die Kulissen der Reisebranche. Hier geht es nicht mehr nur um die Touristen, sondern um die Reiseführer und Guides, die sonst einfach irgendwie da sind. Was sie bewegt und wie sie in einer globalisierten Welt im Spannungsfeld zwischen den Traditionen ihres Landes und der Notwendigkeit des eigenen Überlebens stehen, zeigt eindrücklich der Film von Antje Christ, der nahe an das Leben der Menschen herankommt.

"Dem Himmel nah: Die Reisterrassen auf den Philippinen" ist keine direkte Reiseempfehlung. Aber er öffnet den Blick dafür, dass touristische Sehenswürdigkeiten kein Selbstzweck, sondern Teil Jahrtausende alter Kulturen sind.

Der Blick hinter die Kulissen kann verzaubern

Der Erhalt dieser Traditionen und der Zeugnisse harter Arbeit der lokalen Bevölkerung sind in einer globalisierten Welt ein Drahtseilakt. Denn so schön authentische Erfahrungen sind – wer möchte von der jungen Generation noch die Arbeit eines Reisbauern machen? So schön solche Kulturstätten auch sind – erst das Wissen um ihre Geschichte und die Verbindung ins Hier und Heute enthüllen ihre wirkliche Bedeutung.

Auch dabei geht es nicht um ein "Muss" im Sinne von Moral, sondern um den (eigenen) Anspruch, wirklich zu erleben. Bethlehem zu besuchen, ohne Palästina kennengelernt zu haben, ist genauso kurzsichtig wie mit einem Bus zum Unesco-Weltkulturerbe gekarrt zu werden, um sich eine halbe Stunde die Reisbauern anzuschauen. Das alles kann man machen. Aber dann wird man eines garantiert nicht finden: Authentizität und ein Gefühl für Land und Leute. Und wenn man das nicht will, muss man eigentlich auch nicht verreisen.

Die drei prämierten Filme sind ein wunderbares Zeugnis dafür, wie Reisen auch anders geht und dass ein Blick hinter die Kulissen nicht ent-, sondern verzaubert.

BildBild aus der Anfangssequenz des Films "Mare Nostrum, ein Konzert, eine Reise". (Foto: Screenshot/Mare Nostrum)

 

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