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Smartphone mit Ökosiegel

Ein Fairphone kostet viel Geld und Geduld. Der Anbieter garantiert zumindest für vier Rohstoffe "Konfliktfreiheit" sowie die Verwendung von fair gehandeltem Gold. Doch ist das erste Öko-Smartphone wirklich nachhaltiger als herkömmliche Modelle? Experten sehen zumindest viele Schritte in die richtige Richtung.

Von Sandra Kirchner

Fast ein halbes Jahr habe ich auf mein neues Mobiltelefon gewartet. Fünf Monate, in denen ich mich mit einem widerspenstigen Leihgerät begnügen musste, das mir Freunde borgten, nachdem mein schwarzes, klobiges Handy nach etlichen gemeinsamen Jahren plötzlich seinen Dienst verweigerte. Fünf Monate, in denen meine Mitbewohner abgedroschene Ossi-Witze rissen, weil das Warten gewissermaßen zum sozialen Habitus gehört, wenn man vor dem Fall der Mauer östlich der Elbe geboren wurde.

BildEffiziente Rohstoffnutzung beim Fairphone: Weniger Metalle verwenden, mehr recyceln und reparieren. (Foto: Maurice Mikkers/​Picnic Network/​Flickr)

Der Grund für das Warten erinnert tatsächlich an alte Zeiten: Mein bestelltes Telefon musste erst noch gebaut werden. Als das Paket samt Fairphone wenige Tage vor Weihnachten eintraf, war die Freude groß. Ein ungewohnt großes Gerät lag in meinen Händen: eines, das fairer und nachhaltiger sein sollte als andere Smartphones. Doch ist das Handy wirklich besser als andere Mobiltelefone?

Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) ist davon überzeugt. Ende Oktober hat die Stiftung den Deutschen Umweltpreis an Fairphone-Gründer Bas van Abel verliehen, weil er wirtschaftliche Ziele, Umweltschutz und soziale Aspekte in Einklang gebracht habe, und zwar über die gesamte Produktlebensdauer – von der Rohstoffgewinnung über die Fertigung bis zur Reparatur und zum Recycling.

Länger nutzbar durch austauschbare Teile

"Wir arbeiten in vier Kernbereichen zu Nachhaltigkeit: Rohstoffgewinnung, Herstellung, Design und Life Cycle", sagt Fabian Hühne von Fairphone. Ziel ist ein reparaturfähiges, länger nutzbares Telefon – erreicht werden soll das durch einen modularen Aufbau, bei dem die Einzelteile einfach ausgetauscht werden können, wenn sie kaputt gehen. Bei etlichen Modellen ist das heute gar nicht möglich, da die einzelnen Komponenten fest miteinander verklebt sind.

"Der Akku lässt sich kinderleicht austauschen, ebenso wie das Display", sagt Christian Wölbert, Redakteur beim Computermagazin c’t, über das Fairphone. Es ist das erste modulare Smartphone, bei dem man einfach das Display wechseln kann. Bei anderen Mobiltelefonen funktioniere das zwar mitunter auch, aber es sei deutlich aufwendiger. Der modulare Aufbau soll für eine längere Lebensdauer des Geräts sorgen und so weniger Ressourcen verschwenden.

Das Fraunhofer-Institut für Zuverlässigkeit und Mikrointegration IZM geht davon aus, dass das modular gebaute Fairphone 2 den CO2-Ausstoß über den gesamten Lebenszyklus um 30 Prozent senkt. Allerdings nur, wenn der Nutzer das Smartphone auch entsprechend länger nutzt. Um die Nutzungsdauer des Telefons noch zu erhöhen, soll das Fairphone aufgerüstet werden können: mit einem leistungsfähigeren Kameramodul und Software-Updates.

Garantie auf "Konfliktfreiheit"

Dabei wollte Bas van Abel gar kein Smartphone bauen. Eigentlich ging es dem gelernten Industriedesigner zunächst um Aufklärung. 2010 begann Fairphone als Projekt der niederländischen Waag Society, um auf Konfliktmineralien in Verbraucherelektronik aufmerksam zu machen – und auf die Menschenrechtsverletzungen und Kriege, die damit im Kongo finanziert werden.

"In jedem Smartphone stecken circa 40 verschiedene Mineralien", sagt Fabian Hühne. "Wir haben uns dafür entschieden, weil es ein Alltagsgegenstand ist, den jeder benutzt. Im Prinzip hätte es aber jedes andere Elektronikprodukt sein können."

Sogenannte Konfliktmineralien wie Coltan oder Zinn werden in fast jedem Computer oder Smartphone verbaut. Nur sieht man den fertigen Geräten nicht an, unter welchen oft unmenschlichen Bedingungen die Rohstoffe gefördert wurden. Für Tantal, Wolfram und Zinn garantiert das Fairphone Konfliktfreiheit. Für das Mobiltelefon wurde erstmals eine Lieferkette für fair gehandeltes Gold aufgebaut.

"Aus einer Förderstätte in Peru beziehen wir Fairtrade-Gold", sagt Hühne. Ganz so einfach ist es aber doch nicht: Denn die Rohstoffmenge, die das niederländische Unternehmen verarbeiten lässt, ist im Vergleich zum konventionellen Markt äußerst gering. Über ein Massenausgleichsmodell zahlt Fairphone bei seinem Goldzulieferer einen Aufschlag für das fair gehandelte Gold. Komplett fair ist das Telefon also nicht.

Technik nicht ganz neu, aber absolut alltagstauglich

Für c’t-Redakteur Wölbert macht das Fairphone dennoch gleich mehrere Schritte in die richtige Richtung. "Es ist das einzige Telefon mit dem Ökosiegel Blauer Engel." Neben dem Vermeiden von Umweltzerstörung müsse sich der Hersteller für das Umweltsiegel auch Mühe bei den Arbeitsbedingungen geben. So zahlt Fairphone den chinesischen Fabrikarbeitern, die mit ihrer Tätigkeit meist nicht einmal ihre Existenz sichern können, einen Extralohn.

Um sich mit dem Blauen Engel schmücken zu dürfen, muss sich das Fairphone leicht recyceln lassen. Zusätzlich unterstützt das Unternehmen eine Recycling-Initiative in Ghana. Bislang wird nur ein Bruchteil aller Handys recycelt oder repariert. Rund 1.000 Tonnen wertvoller Rohstoffe ließen sich laut einer Studie im Auftrag von Greenpeace allein in Deutschland jährlich durch kleine Reparaturen an Smartphones und Tablets einsparen.

BildDas Fairphone 2 ist modular aufgebaut, wie durch die transparente Rückwand zu erkennen ist. (Foto: Fairphone/​Wikimedia Commons)

So viel Weltverbesserungsanspruch hat seinen Preis: Über 500 Euro kostet das Fairphone – für Technik, die nicht mehr ganz auf dem neusten Stand ist. "Die Technik ist etwa zwei Jahre hinterher, aber sie ist absolut alltagstauglich", sagt Wölbert. Gerade bereitet Fairphone das Upgrade auf das Betriebssystem Android 6 vor, während alle anderen Hersteller schon am Update der nächsthöheren Version arbeiten. Doch beim Datenschutz ist das Smartphone ganz weit vorn: Die Niederländer bieten eine Android-Variante ohne vorinstallierte Google-Apps.

[Erklärung]  
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