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"Eine Politik zur Befreiung vom Ballast"

BildRessourcenleichte Lebens- und Konsumstile für die breite Bevölkerung sind möglich, sagt Uwe Schneidewind, Wirtschaftsprofessor und seit 2010 Präsident des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt, Energie. Er argumentiert, dass dies keine Einbuße von Lebensqualität bedeutet und man sich mit weniger sogar besser fühlt.

klimaretter.info: Herr Professor Schneidewind, in der brasilianischen Metropole São Paulo ist Reklame im öffentlichen Raum verboten. Ein nachahmenswerter Schritt?

Uwe Schneidewind: Durchaus. Es ist wichtig, in unserer Welt entkommerzialisierte Räume zu schaffen. Orte, wo es das sonst übliche Dauerbombardement mit Werbung nicht gibt. Den Kampf um werbefreie Räume haben wir ja auch in Deutschland – etwa an Hochschulen und in anderen öffentlichen Räumen. Wenn zum Beispiel Studierende dagegen protestieren, dass Hörsäle nach Firmen benannt werden. Motto: Dies ist ein Ort der Bildung, kommerzielle Aspekte sollten außen vor bleiben.

Die moderne Wirtschaft lebt aber von steigendem Umsatz und powert mit Werbung. Jeder Deutsche besitzt im Schnitt 10.000 Gegenstände, von denen er die meisten gar nicht benutzt. Stimmt der Satz: "Die vielen Dinge machen arm?"

Da ist etwas dran. Wir besitzen deswegen so viele Gegenstände, weil das Kaufen einen kurzen Konsumkick auslöst. Wir folgen dem Impuls des Besitzenwollens, der oft durch die Werbung ausgelöst ist. Dann stellen wir aber fest, dass die Gegenstände doch nicht den erhofften Wert haben. Man denke an die Billigklamotten, die nach ein-, zweimal Tragen im Kleiderschrank endgelagert werden. Das führt dazu, dass viele in den vielen Gegenständen förmlich ertrinken.

Die Konsummuster ändern sich nicht nur durch Werbung, sondern auch durch technologische Entwicklungen. Vielen in der jungen Generation ist das Smartphone wichtiger als das eigene Auto. Bringt das nicht Umweltentlastung?

Ja und nein. Der ökologische Rucksack eines Smartphones ist natürlich viel geringer als der eines Autos. Wenn, wie in den Großstädten der Fall, viele junge Leute gar keinen eigenen Pkw mehr besitzen wollen und Mobilität anders organisieren, entlastet das Umwelt und Klima.

Andererseits führen die elektronischen Helfer aber auch zu einer gewaltigen Expansion des Konsums und des Lieferverkehrs. Die nächste Bestellung ist eben nur einen Klick weg. Die Digitalisierung bringt also nur dann Umweltvorteile, wenn die Rahmenbedingungen so gesetzt werden, dass die größere Effizienz nicht zu noch mehr nicht nachhaltigem Konsum führt.

Wie stehen denn dann die Chancen, dass die Konsumenten-Bürger ihr Leben "entrümpeln" und "entkommerzialisieren", wie die Verfechter der Suffizienz es für nötig halten?

Es wäre wenig gewonnen, wenn dieses "gute Leben" nur ein Projekt für Eliten wäre. Entsprechende Beispiele kennt man ja aus der Geschichte. Immer wieder sind kleine Teile der Bevölkerung aus dem Mainstream ausgestiegen. Zum Beispiel Mönche, die ins Kloster gingen, bewusst ihre Ansprüche herunterschraubten und sich auf Nicht-Materielles konzentrierten. Solche Ansätze müssen zu einem generellen Merkmal der modernen Zivilisation im 21. Jahrhundert werden. Das wäre ein echter Kultur- und Zivilisationssprung.

BildDen heutigen ressourcenintensiven Lebensstil empfinden viele als Last, sagt Uwe Schneidewind. (Foto: Caden Crawford/Flickr; Porträtfoto Uwe Schneidewind: Ekkehart Bussenius/standout.de)

Ich glaube, dass das möglich ist. Denn es geht dabei ja nicht um Kasteiung, sondern um die Befreiung vom Ballast. Die neuen Lebensstile bedeuten ja keine Einbuße von Lebensqualität. Wer auf gut ausgebauten Fahrradstraßen wie in Kopenhagen fahren kann, hat Spaß mit der anderen Mobilität. Und wer sich gesund ernährt, mit mehr frisch zubereitetem Essen und weniger Fleisch, fühlt sich besser, nicht schlechter.

Sie sagen, die Politik muss Leitplanken errichten, damit nachhaltiges Produzieren und Konsumieren möglich wird. Was sind die wichtigsten Stellschrauben?

Praktisch alle Politikbereiche sind gefragt, von der Arbeitspolitik, die die Sorge-, Pflege- und Familienarbeit aufwertet, bis zur Verkehrspolitik, die Fahrrad, Zu-Fuß-Gehen und ÖPNV fördert. Vor allem aber müssen die Kostenstrukturen verändert werden. Die Politik muss dafür sorgen, dass die Preise die ökologische Wahrheit sagen, wie Ernst Ulrich von Weizsäcker es formuliert hat. Das setzt die Anreize, nachhaltig zu wohnen, sich ökologisch fortzubewegen, sich gut zu ernähren.

Was soll das erreicht werden?

Die Energie- und Rohstoffpreise müssen durch eine variable Ökosteuer einem klaren Preispfad nach oben folgen, damit Unternehmen und Haushalte sich darauf einstellen können. Es wäre das beste, wenn jeder wüsste: Der Sprit wird pro Jahr fünf Cent teurer, und entsprechend sparsame Autos werden gebaut und gekauft. In Phasen niedriger Erdölpreise wie derzeit wird die Steuer hochgefahren, bei steigenden Preisen sinkt sie entsprechend.

Die Ökosteuer-Einnahmen würden dann stark schwanken. Kein Problem?

Um Schwankungen auszugleichen, müsste man einen Fonds dazwischenschalten, der in guten Jahren aufgefüllt wird, um daraus den Finanzfluss in schlechten sicherzustellen. Das wäre durchaus machbar, ähnliche Modelle gibt es bei den Sozialkassen.

Interview: Joachim Wille

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