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Die Luftnummer mit der "Kreislauf"-Flasche

Klimaschutz ist en vogue: Damit werben nach "Paris" auch Firmen, bei denen man das nicht vermuten würde. So lobt sich jetzt der Discounter Lidl, durch Recycling von PET-Flaschen über 50.000 Tonnen CO2 einzusparen. Die Sache hat nur einen Haken: Die Zahl ist bisher nicht wirklich nachprüfbar.

Von Jörg Staude

Der Spot dauert 25 Sekunden. Es gebe viele Wege, CO2 zu sparen, sagt die Stimme aus dem Off: "Kürzer duschen", "weniger heizen", "weniger Licht machen", "weniger kühlen". Aber – so wird suggeriert – will man wirklich solche Wohlstands-Einschränkungen auf sich nehmen? 

BildEine griffige und runde Zahl haben die Werbetreibenden gern – um die Nachweisbarkeit machen sie sich weniger Gedanken. (Foto: Screenshot/​Lidl/​Youtube)

Nein, sagt uns die werbende Botschaft des Discounters Lidl, denn es gehe ja auch ganz anders und einfacher und ohne irgendein "Weniger": Bringt man alle PET-Einwegflaschen zum Discounter zurück (Spot-Bild: Kundin wirft Einwegflasche in Automaten), werden die gereinigt, granuliert und am Ende zu neuen PET-Wasserflaschen für Eigenmarken des Discounters gepresst – und dank der "innovativen Lidl-Kreislaufflasche" hat man auch etwas für den Klimaschutz getan, nämlich über 50.000 Tonnen CO2 eingespart.

Oha, staunt der Discounter-Kunde möglicherweise, der Umweltjournalist aber wundert sich: Wieso "Kreislaufflasche?" Seit wann gibt es das bei Einwegverpackungen? Und richtig: Einen geschlossenen Material-Kreislauf kann auch die "innovative" Lidl-Flasche nicht vorweisen. Denn wie die Nachfrage von klimaretter.info beim Unternehmen ergibt, bestehen die "Kreislaufflaschen" nur zu 55 Prozent aus "gebrauchten" PET-Flaschen, genau genommen aus dem aus diesen Flaschen gewonnenen Regranulat. Die restlichen 45 Prozent – also fast die Hälfte der neuen Flasche – sind neues, frisches PET-Material.

Damit nicht genug, lassen sich die gebrauchten PET-Flaschen, wie Experten versichern, nie vollständig in das Regranulat verwandeln. Aus technologischen Gründen entstehen bei jedem Verwertungsprozess Materialverluste durch Sortierprozesse, Abriebe und anderes. Beim PET-Recyclings können denn auch nur bis zu 90 Prozent der Eingangsmenge als Material zum Wiedereinsatz in Flaschen gewonnen werden, der Rest wird anderweitig verwertet. So viel zum in Wahrheit ziemlich löchrigen "Kreislauf" der Flasche.

Am meisten interessiert natürlich die Frage, wie das Unternehmen auf die CO2-Ersparnis von "über 50.000 Tonnen" kommt. Zunächst ist die Zahlenangabe – was nicht der Spot, aber eine Nachfrage hergibt – auf ein Jahr bezogen. Konkret errechne sich die Einsparung, teilt Lidl klimaretter.info weiter mit, "aus den Emissionen durch die Produktion von Flaschen ohne Recycling-Material (aus dem Jahr 2008) im Vergleich zur selben Menge an Flaschen mit einem Recyclinganteil von durchschnittlich 55 Prozent".

Keine wirklich nachprüfbare Angabe

Also: Eine Recyling-PET-Flasche verbraucht bei ihrer Herstellung weniger Energie, sie spart Material und Emissionen gegenüber einer normalen neuen Flasche – diese Differenz pro Flasche müsste man nur noch mit der gesamten Anzahl von Flaschen multiplizieren, die Lidl als sogenannte "Kreislaufflaschen" pro Jahr verwertet und wieder in den Verkehr bringt. Hier aber fängt das Unternehmen an zu mauern. Die Werte für die Mengen an eingesetzten PET-Materialien, lässt Lidl wissen, wurden "anhand einer internen Mengenbilanz nach einer durch Wirtschaftsprüfer bestätigten Methode ermittelt und anschließend durch das IFEU-Institut (Institut für Energie + Umweltforschung Heidelberg) in CO2-Äquivalente umgerechnet".

Das Heidelberger IFEU-Institut bestätigt seinerseits, dass es die Lidl-Mengenbilanz nach üblichen wissenschaftlichen Standards in CO2-Äquivalent umgerechnet hat. Dabei seien auch die Aufwendungen für das PET-Recycling selbst berücksichtigt worden, die nötigen Transporte eingeschlossen. Was diese Umrechnung betrifft, geht nach Ansicht des Instituts die beworbene Menge von "über 50.000 Tonnen CO2-Äquivalent" in Ordnung. Allerdings hat das IFEU die durch die "Wirtschaftsprüfer" vorgegebene Mengenbilanz selbst nicht im Detail nachprüfen können, wohl aber anhand vorliegender Daten plausibilisiert, wie es gegenüber klimaretter.info versichert.

Egal, wie "plausibel" es man sich auch macht – die Zahl von "über 50.000 Tonnen" ist am Ende keine für die Öffentlichkeit wirklich nachprüfbare Angabe. Die "Kreislaufflasche" ist, was diesen Teil Glaubwürdigkeit betrifft, eine rechte Luftnummer.

Der Discounter verweigert entsprechend auch alle Antworten auf Nachfragen, die Rückschlüsse auf die Mengenbilanz oder auch nur den Anteil recycelter PET-Flaschen ermöglicht hätten. Lieber windet man sich heraus. "Die Berechnungen der Einsparungen wurden anhand von vorhandenen Daten vorgenommen." Aha. Und weiter: "Das heißt, jährlich wird berechnet, wie viel Einsparung durch die Kreislaufflasche erfolgt ist." Und man bitte doch um Verständnis, dass Lidl "grundsätzlich keine Angaben zu Rückgabemengen" macht.

BildPET-Flaschen-Rohlinge vor dem Aufblasen: Die Flaschen aus Polyethylenterephthalat werden bei Lidl für jede Befüllung neu hergestellt. (Foto: Dierk Schaefer/​Wikimedia Commons)

Die Zurückhaltung kann übrigens auch ganz andere Gründe und der Werbespot einen ganz profanen Zweck haben, nämlich den, dass die Kunden am besten mehr PET-Flaschen zum Discounter zurückbringen sollen, als das Unternehmen in seinen Filialen selbst verkauft. In der Branche ist es ein offenes Geheimnis, dass sich mit der PET-Verwertung vor allem auch die eigenen Kosten ordentlich drücken lassen. Und wer mehr von dem wertvollen PET einsammelt, kann mehr einsparen und nach außen hin noch den Klimaschützer geben. Die perfekte Win-win-Situation – für das Unternehmen.

[Erklärung]  
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