Schwerpunkte

1,5 Grad | Trump | Wahl

Konferenz: Gesellschaft ohne Wachstum

Wie kann eine Gesellschaft jenseits des Wirtschafts-Wachstumszwangs funktionieren? Das wollte die Konferenz "Transition erleben" herausfinden, die heute in Berlin zu Ende ging. Doch die Antworten glänzen noch nicht. Ein Konferenzbericht.

Aus Berlin Peter Jopke

Alles wird gut – solange die Wirtschaft wächst. Das ist in Deutschland Zeitgeist: Politiker zeigen sich hochzufrieden, wenn sie ein respektables Steigen des Bruttoinlandsprodukts verkünden können. Niedrige Wachstumsraten bedeuten dagegen Krise, Firmensterben, Arbeitslosigkeit, Sozialabbau. Doch ein hohes Wirtschaftswachstum hat eine Kehrseite: Klimawandel, Umweltzerstörung, überarbeitete Gesellschaft.

Bild
Klaus Jacob erläutert seine Vorstellungen vom "Grünen Wachstum". (Foto: Peter Jopke)

Dabei gibt es einen zukunftsweisenden Gegenvorschlag: Wächst die Wirtschaft nicht, steigt auch der Klimagas-Ausstoß nicht weiter an. Aber das ist derzeit Illusion: Die globalen Treibhausgasemissionen kennen nur einen Weg: nach oben. Genau wie das weltweite Bruttoinlandsprodukt: 2013 legte es um schätzungsweise 2,4 Prozent.

Mit diesem Dilemma befasst sich seit drei Tagen in Berlin die Konferenz "Transition erleben". Jona Blobel vom Konzeptwerk Neue Ökonomie ist unter anderem mit dem Buch "Wohlstand ohne Wachstum" unterm Arm gekommen. Die Leipziger Kulturwissenschaftlerin beruft sich auf den britischen Autor und Wirtschaftsprofessor Tim Jackson. Sie ist eine von fünf Referenten auf dem Seminar über "Ideen und Methoden für eine Postwachstumsgesellschaft". Über eine Gesellschaft ohne Wachstum wollen die etwa 80 Aktivisten, Studenten und Interessierten diskutieren. Veranstalter ist der Verein weltweiterdenken, der sich den Ideenaustausch über ein nachhaltiges Gesellschaftsmodell auf die Fahnen geschrieben hat. Der Plan dahinter: Die Teilnehmer vernetzen sich, starten deutschlandweit eigene Projekte und bringen so die Idee der Wachstumsrücknahme unter die Leute.

Wohlstand ohne Wachstum

Um sich eine Gesellschaft zu denken, die ohne Wachstum auskommt, muss man erstmal die gegenwärtige verstehen. "Wozu brauchen wir eigentlich Wachstum?", fragt Blobel die Seminarteilnehmer zum Aufwärmen. Die Antworten klingen bekannt: für Wohlstand, die Schuldentilgung, für den Frieden. Jedoch: Das Bruttoinlandsprodukt, der Wohlstandsindikator schlechthin, sei kein Maß für die Gleichverteilung von Wohlstand, wendet Blobel ein. "Von hundert Dollar Wachstum gehen weniger als zwei Dollar an die Armen." Für sie zeigt das: Die Vorstellung vom Wachstum als Wohlstandsbringer für alle ist einfach nicht haltbar.

Auch das Argument der Schuldentilgung stellt Blobel in Frage: Ohne Wachstumsambitionen würde Deutschland sechs Milliarden Euro an Wachstumsförderung sparen – und dabei nur acht Milliarden Euro verlieren. Der Nettoverlust von zwei Milliarden wäre zu verkraften und für die Tilgung der Schulden leicht zu verschmerzen. Und das dritte Argument pro Wachstum, die Förderung des Friedens? Auch diesem Gedankengang kann Jona Blobel nichts abgewinnen. Im Gegenteil, Klimawandel und Naturzerstörung heizen heute regionale Konflikte an, etwa durch die zunehmende Wasserknappheit und die Erosion der Böden. Würde man das Wachstum und den damit verbundenen Ausstoß von Treibhausgasen stoppen, sagt Blobel, würde das mehr Krisen verhindern helfen als ein "Weiter so".

"Künstlich geschaffene Bedürfnisse"

Aber: Verspricht nicht Wachstum, dass alle Menschen irgendwann mal ihre Bedürfnisse befriedigen können? "Welche Bedürfnisse sind legitim?", stellt Klaus Jacob im Seminar die Gegenfrage. Der Nachhaltigkeitsforscher an der Freien Universität Berlin kratzt damit an einer Grundprämisse der modernen Ökonomie. Die geht nämlich davon aus, dass die Wirtschaft dazu da sei, die Bedürfnisse – jegliche Bedürfnisse – der Menschen zu befriedigen, solange sie sich nur als Nachfrage auf einem Markt äußern. Jacob sieht hier sogar den Kern der Diskussion um eine Gesellschaft ohne Wachstum – und trifft bei seinen Zuhörern auf offene Ohren. Ob die Befriedigung unserer Bedürfnisse uns heute überhaupt noch zufrieden mache, fragt einer. Andere beklagen die "künstlich geschaffenen Bedürfnisse" innerhalb einer Gesellschaft, in der sich alles um den Konsum drehe.

Bild
Eine zentrale Frage der Wachstumskritiker: Sind jegliche Bedürfnisse legitim, egal wie sie erzeugt werden? (Foto:
Lyza Danger Gardner/flickr.com)

Das Problem dabei: Ob es der Kauf des neuen Autos ist, das nächste Smartphone oder der Trip in die Karibik – eine demokratische Gesellschaft kann und will niemandem verbieten, solche Bedürfnisse zu befriedigen. Wie aber lässt sich Konsum und damit Wachstum begrenzen, wenn freiwilliger Konsumverzicht nicht ausreicht? "Wir müssen unsere Bedürfnisse als Gesellschaft definieren und dann dafür einen politischen Rahmen entwickeln", schlägt Jacob vor. Konkret könnte das heißen, die Kosten für den Verbrauch von Ressourcen und den Ausstoß von Emissionen und Abfall stärker in die Produktpreise einfließen zu lassen. So wird der Autokauf oder die Karibikreise zwar niemandem verboten, indirekt aber doch gesteuert.

Am wirkungsvollsten wäre es nach Ansicht von Klaus Jacob, jedem eine CO2-Karte zu geben. Dann könnte für jede verkaufte Ware und Dienstleistung der CO2-Ausstoß erfasst und dann beim Kauf auf der Karte vermerkt werden. So ließe sich der jährliche Pro-Kopf-Ausstoß des Einzelnen dokumentieren und auf die zwei Tonnen beschränken, die die Erdenbürger gerade noch ausstoßen darf, damit die Erwärmung der Atmosphäre unter zwei Grad Celsius bleibt. In Deutschland liegt der durchschnittliche Pro-Kopf-Austoß zurzeit bei gut zehn Tonnen, also dem Fünffachen.

Green Growth versus De-Growth

Aber kann Wachstum nicht auch sein Gutes haben – wenn es die richtige Art von Wachstum ist? Um dem Dilemma zu entkommen, dass Wachstum unverzichtbar scheint, aber seine Folgen für Mensch und Umwelt immer klarer werden, beschwören Politiker gern die Idee vom "grünen Wachstum": Wachsen sollen nur noch die Wirtschaftszweige, die Mensch und Umwelt Gutes zu tun. Im Zentrum dieser Idee stehen erneuerbare Energien und Umwelttechnologien. Immerhin haben die letzten Jahre gezeigt, dass Wachstum auch auf Sonne, Wind und nachwachsenden Rohstoffen basieren kann.

"Green Growth" heißt denn auch der Vortrag von Klaus Jacob. Der Wissenschaftler verweist darauf, dass Umwelttechnologien schon elf Prozent zum deutschen Bruttoinlandsprodukt beitragen. Auch weltweit erlebten die Erneuerbaren einen Boom. Und die Staaten setzen inzwischen bewusst auf milliardenschwere Förderpakete für Umwelttechnik.

Doch Jacob warnt auch vor Grünfärberei. In Brasilien etwa schnürte die Regierung ein Milliarden-Paket zur Förderung "sauberer" Energien – Atomkraft inklusive. Und: Auch vermeintlich grüne Technologien verbrauchen Ressourcen und Energie. Eine "grüne" Technologie muss noch lange nicht nachhaltig sein.

Wandel von unten

Aber es geht auch anders: An einigen Orten gibt es schon Anzeichen der Transformation zu einer Postwachstumsgesellschaft. Davon geht zumindet Ingo Frost von der Initiative wandelBar im brandenburgischen Eberswalde aus. Im Seminar berichtet er, wie lokale Initiaven begonnen haben, die positive Vision einer nachhaltigen Gesellschaft "von unten" zu verbreiten. Dazu gehört etwa der Konsum regionaler Produkte, um transportbedingte Treibhausgasemissionen zu vermeiden. Dazu gehört auch, nicht alles selbst zu kaufen, sondern die Bohrmaschine oder das Sportgerät beim Nachbarn auszuleihen. Alternative Mobilitätskonzepte gehören genauso dazu. Erst kürzlich, berichtet Frost, habe seine Transition-Initiative in Eberswalde das Lastenfahrrad eingeführt.

Bild
Im Dialog: Klaus Jacob und die Seminarteilnehmer stehen Grünem Wachstum kritisch gegenüber. (Foto: Peter Jopke)

In einer Region wie Eberswalde, in der seit dem Zusammenbruch der Metallindustrie und der Viehwirtschaft viele arbeitslos sind, setzt Ingo Frost darauf, regionale Wirtschaftskreisläufe wiederherzustellen. "Nur grüner", betont er. Es sei an der Zeit, einfach verschiedene Strategien auszuprobieren. Das Wichtigste dabei: die positive Vision vorzuleben. "Der Wandel zu einer nachhaltigen Lebensweise ist wie eine Suchttherapie", weiß Frost. Erst sei es hart, aber danach fühle man sich viel besser. Wohlstand sei auch eine Definitionssache.

[Erklärung]  
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen