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Das Elend der Zigarrenraucher

Tabak ist Kubas drittwichtigstes Exportprodukt. Doch in den Anbaugebieten für die berühmte "Havanna" häufen sich die Klimaanomalien. In diesem Jahr hat ergiebiger Regen dazu geführt, dass bis zu drei Mal neu gepflanzt werden musste. Eine Klimastudie sagt einen Rückgang der Ernten in einigen Jahrzehnten voraus.

Aus San Juan y Martínez (Kuba) Ivet González (IPS)

Kurz vor dem Ende der Tabakernte haben die Menschen in San Juan y Martínez ihre Hoffnungen auf ein phantastisches Jahr begraben. Der kubanische Gemeindebezirk, der weltweit für seinen Spitzentabak bekannt ist, leidet unter den Folgen unerwarteter Niederschläge, die die Sommerzeit in der Region verkürzt haben.

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Tabak braucht Sonne am Tag und Kälte in der Nacht: Tabakplantage in Kubas westlichster Provinz Pinar del Río. (Foto: Henryk Kotowski/Wikimedia Commons)

"Das war ein schlechtes, ein rebellisches Jahr, wie wir hier sagen. Es gab sehr viel Regen, das lässt die Pflanzen verrotten. Tabak braucht Sonne am Tag und Kälte bei Nacht", sagt der 67-jährige Dámaso Rodríguez. Er arbeitet auf der Valle-Plantage im Bezirk San Juan y Martínez in der Provinz Pinar del Río, 180 Kilometer westlich von Havanna. "Sämtliche Abläufe der Tabakproduktion haben sich verzögert", klagt seine Kollegin Yamilé Venero.

"Es macht keinen Sinn, neuen Tabak zu pflanzen", erklärt auch María Teresa Ventos. Die 54-Jährige kommt jedes Jahr nach San Juan y Martínez, um beim Auffädeln der Tabakblätter zu helfen. Die Tabakindustrie bietet vor allem Frauen alljährlich einen willkommenden Aushilfsjob.

Seit Saisonbeginn im November ist sehr viel Regen auf Pinar del Río niedergegangen. Den Prognosen zufolge müsste die Provinz 70 Prozent der landesweit mit 26.400 Tonnen veranschlagten Tabakblätter liefern. Doch die klimatischen Anomalien haben San Juan y Martínez und dem Nachbarbezirk San Luis, die zusammen 86 Prozent des Tabaks für Havannas kostbarste und teuerste Zigarren produzieren, enorm zugesetzt.

Mehrfach nachgepflanzt

Den lokalen Messungen zufolge haben die Niederschläge in Pinar del Río auf 813 Hektar Anbaufläche einen Totalverlust  verursacht. Weitere 1.000 der insgesamt 15.000 Hektar, die im Tabakanbauplan der Provinz vorgesehen sind, wurden teilweise geschädigt. Viele Farmen sahen sich deshalb gezwungen, den Tabak bis zu drei Mal neu zu pflanzen.

Tabak ist nach Nickel und medizinischen Erzeugnissen offiziellen Angaben zu Folge Kubas drittwichtigstes Exportprodukt - Tourismus ist allerdings Devisenbringer Nummer 1. Im letzten Jahr verdiente der karibische Inselstaat am Tabak 447 Millionen US-Dollar – acht Prozent mehr als im Vorjahr, als das anglo-kubanische Unternehmen Habanos 416 Millionen Dollar erwirtschaftete. Der Konzern ist der einzige Vertreiber kubanischer Zigarren und beliefert 160 Länder. Auch wenn er sein Hauptgeschäft nach wie vor mit Europa macht, sind die weltbekannten kubanischen puros zunehmend in Asien und im Nahen Osten gefragt.

Um die niederschlagsbedingten Schäden zu kompensieren, haben die Menschen in Pinar del Rio die Pflanzsaison, die normalerweise im Januar endet, um 45 Tage verlängert. Dadurch verzögerten sich andere wichtige Abläufe. Zudem ging man dazu über, auch die qualitativ weniger hochwertigen Tabak-Blätter abzuernten und zur Maximierung der Erträge mehrmals nachzupflanzen.

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Auf der Valle-Plantage in San Juan y Martínez: Yamilé Venero zieht Tabakblätter auf Fäden auf, die dann zum Trocknen an Stäben befestigt werden. (Foto: Jorge Luis Baños/IPS)

Auf der Valle-Plantage sind zwölf männliche Facharbeiter mit der Ernte der Tabakblätter beschäftigt, die in einer Scheune gesammelt werden. Dort ziehen zwölf Frauen die Blätter auf Fäden und befestigen sie zum Trocknen an Stangen, die an langen Reihen entlang der Dachschrägung der Scheune verlaufen.

"Auch wenn die Tabakqualität gelitten hat, gut ist sie allemal", meint Rodríguez. Doch den routinierten Tabakpflanzer beunruhigt die Entwicklung des Wetters. Es habe sich in den letzten drei Jahrzehnten spürbar verändert, betont er.

Das Zusammenspiel von Temperatur, Bodenbeschaffenheit und Feuchtigkeit in der Region Vuelta Abajo im Westen der Provinz gibt den handgedrehten Havanna-Zigarren den besonderen Geschmack und das Aroma. Bis zu ihrer Fertigstellung durchläuft jede Havanna 190 Arbeitsschritte. Schon Kubas Indigene rauchten den Tabak lange vor der Ankunft der Kolonisatoren 1492.

Nach Aussagen von Dayana Hernández und Aliet Achkienazi, Wissenschaftlerinnen am staatlichen Meteorologischen Institut, werden die Temperaturen im Verlauf dieses Jahrzehnts in dem Gebiet weiter steigen und damit die klimatischen Bedingungen verändern, die den kubanischen Zigarren ihren besonderen Geschmack und auch die geschützte Ursprungsbezeichnung verleihen.

Auswirkungen zeigen sich in einigen Jahrzehnten

"Die Auswirkungen des Klimawandels auf den Tabakanbau im Gebiet von Pinar de Río" ist die Studie von Hernández und Achkienazi überschrieben, die sich vor allem auf die produktiven Bezirke wie San Juan y Martínez und San Luis konzentriert. Auf der Grundlage der Klimaszenarien rechnen die Autorinnen mit einem Rückgang der Ernten in einigen Jahrzehnten. Im Norden der Region werden ihrer Ansicht nach die Temperaturen allerdings weitgehend stabil bleiben und die 25-Grad-Grenze nicht überschreiten.

Der Studie zufolge lassen sich die Auswirkungen des Klimawandels durch eine nachhaltige Entwicklung der Tabakproduktion abmildern. Hernández und Achkienazi zufolge wäre es aber wichtig, das gestörte Gleichgewicht der Niederschlagsmuster auf den Plantagen weiter zu untersuchen.

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Tabak ist für Kuba ein wichtiges Exportprodukt: Zigarrenmanufaktur in der südlichen Provinz Sancti Spíritus. (Foto: James Emery/Wikimedia Commons)

Francisco José Prieto ist Manager der Valle-Plantage. Er selbst besitzt ein 4,5 Hektar großes Areal, das schon sein Großvater bewirtschaftet hatte. Prieto hat seinen Tabak besonders früh ausgebracht und konnte dadurch bereits zum Zeitpunkt der Niederschläge die erste Ernte einfahren. "Ich musste nicht neu pflanzen", erläutert der Farmer, der zudem der Kredit- und Dienstleistungsgenossenschaft "Tomás Valdés" vorsitzt, in der 50 Farmen in Vuelta Abajo zusammengeschlossen sind.

Die Kredit- und Dienstleistungsgenossenschaften wurden in den 1990er Jahren als Vereinigungen von Kleinbauern geschaffen, die ihre Eigentumsrechte über ihr Land behalten konnten und über die Kooperative Zugang zu Technologien, Finanzmitteln und Vertriebsmöglichkeiten erhielten.

Bevölkerung von jeder Ernte abhängig

Doch trotz aller Anstrengungen fürchtet Prieto, dass die Ernte nicht so gut sein wird wie letztes Jahr, als seine Farm fast 7.300 Kilogramm Tabak lieferte. Ein Rekordergebnis, wie der Farmer sagt, der bodenschonende Techniken einsetzt und seinen Tabak nur einmal mit Pflanzenschutzmittel besprüht. Er berichtet, dass er auch Mais und Schwertbohnen anbaut, um die Bodenqualität zu verbessern. "Sie sorgen für Schatten, halten die Nährstoffe im Boden, die ansonsten vom Regen weggeschwemmt würden, und sind ein natürlicher Dünger."

Die 45.000 Einwohner, die in San Juan y Martínez in einfachen Häusern auf großen Grundstücken verteilt leben, sind davon abhängig, dass jede einzelne Ernte ein Erfolg wird. "Wir erhalten feste Löhne und Produktivitätsprämien", erläutert die Gewerkschaftschefin Celeste Muñoz.

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Cohiba, die Top-Marke der staatlichen Zigarrenmanufaktur Habanos, ist weltweit gefragt, in den USA aber nicht erhältlich – wegen des Embargos. (Foto: Soonadracula/Wikimedia Commons)

Nach Angaben von Muñoz, die den Tabak seit 17 Jahren in einem Verarbeitungsbetrieb zu Zigarren rollt, hat ihr Team aus 50 Frauen versucht, so viele Blätter wie möglich zu retten. Ob es nun am Klimawandel, am Dünger oder an der Tabaksorte liegt – was die Ernte letztendlich so stark verringert hat, vermag sie nicht zu sagen. "Früher", versichert sie jedoch mit viel Nostalgie in der Stimme, "konnten wir aus einer Ernte mehr als 46.000 Kilogramm Tabak gewinnen." 

[Erklärung]  
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