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Nur Entschleunigung ist nachhaltig

Niko Paech, Universitätsprofessor in Oldenburg, sieht die Konsumgesellschaft vor dem Kollaps – und ist doch kein Pessimist. Er verschließt nur nicht die Augen vor der Realität. Wir beuten nicht nur die Ressourcen der Erde über Gebühr aus, sagt der Ökonom, sondern auch unsere eigenen.

Aus Freiburg Bernward Janzing

Oberflächlich betrachtet könnte man Niko Paech für einen Fatalisten halten. Der Professor für Volkswirtschaft an der Universität Oldenburg sieht für die globalen Konsumgesellschaften heutiger Ausprägung keine Perspektive. Und nicht nur das, für ihn sind die Systeme bereits "im freien Fall", ein Kollaps der Weltökonomie stehe unmittelbar bevor. "Die Finanzkrise", sagt Paech, "war kein Betriebsunfall". Sie sei systemisch bedingt. Also gehe es nun darum den Kollaps zu gestalten. Denn die Krise kommt – "by design or by disaster".

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Redet nicht über Rendite, sondern über Glück: Ökonomieprofessor Paech. (Foto: Jens Giesemann/Olegeno)

Und doch ist Paech kein Schwarzmaler, kein Pessimist. Wer ihm unbefangen zuhört, erkennt auch die Chancen. Denn er hat das Konzept der Postwachstumsökonomie mitentwickelt – mit durchaus interessanten Perspektiven für Mensch und Umwelt. Und deswegen ist Paech in Deutschland inzwischen ein gefragter Referent; auch auf dem jüngsten Stromseminar der Schönauer "Stromrebellen" (Thema: "Energiewende – das machen wir") war er als Hauptredner geladen, als Impulsgeber abseits der mitunter eingefahrenen Energie-Debatte.

"Nachhaltige Technologien gibt es nicht"

In seinen Ausführungen nimmt der Ökonom auch immer wieder gerne die Verfechter der Energiewende ins Visier – sofern diese an eine ökologische Zukunft allein durch Umwelttechnik, durch "grüne" Produkte glauben. Die Vorstellung, ohne gesellschaftlichen Wandel sei umweltgerechtes Wirtschaften möglich, hält er für abwegig: "Es gibt keine per se nachhaltigen Produkte und Technologien, sondern nur nachhaltige Lebensstile." Und diese gingen zwingend mit weniger Konsum einher. Was bezogen auf die Energiepolitik nur heißen kann: Erneuerbare Energien gehören genutzt, wo immer sinnvoll möglich und ökologisch vertretbar. Aber der Energieverbrauch der Volkswirtschaft muss zugleich massiv gesenkt werden, anders geht es nicht.

Paech sagt auch, warum er Konsumeinschränkungen für unverzichtbar hält: "Wir stehen vor dem Peak everything." Also nicht nur am Peak Oil, jenem Punkt, an dem die weltweite Ölförderung unerbittlich zurück geht, weil der Rohstoff nicht mehr mit vertretbarem Aufwand der Erde zu entlocken ist. Paech ist überzeugt, dass man schon bald auch mit vielen anderen Rohstoffen an die Grenzen der Verfügbarkeit kommen werde – zum Beispiel auch bei den Seltenen Erden, die etwa in Generatoren von Windkraftanlagen genutzt werden. Zunehmend knapp würden auch Landflächen, ein in der Öffentlichkeit wenig beachtetes, aber dramatisches Thema. Paech ist überzeugt, dass der Schutz von Flächen genau so wichtig ist wie der Klimaschutz.

Die Wirtschaft wächst, aber wozu?

Und nicht nur solche geophysischen und ökologischen Grenzen sind aus Sicht des Wissenschaftlers heute oder in Kürze erreicht, sondern auch soziale Grenzen. "Unsere Gesellschaft steuert auf psychische Grenzen zu", sagt er, "wir leiden an einer Konsumverstopfung". Der Mensch könne all das, was ihn an Angeboten umgibt, längst nicht mehr verarbeiten – einher mit dem Konsumismus gehe daher die zunehmende Verbreitung des Phänomens Burnout.

Entsprechend habe sich der Verbrauch von Antidepressiva in manchen Großstädten in den vergangenen zehn Jahren glatt verdoppelt – interessanterweise im Gleichschritt mit zunehmendem Konsum, zunehmender Informationstechnik, zunehmender Mobilität. All jene Dinge, die nach klassischer Ökonomensicht für gesellschaftlichen Wohlstand und Glück stehen, führen in der Praxis immer häufiger zu Depressionen. Paechs Fazit: "Wir leben in einer Welt, in der mehr Geld nicht mehr Glück bedeutet." Häufig bedeutet mehr Geld offenbar bereits weniger Glück.

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Was macht uns zufrieden? Die Möglichkeit, im Supermarkt aus 50 Biersorten wählen zu können, kann es eigentlich nicht sein. (Foto: Ralf Roletschek/Wikimedia Commons)

Aber wie gesagt, Paech ist kein Pessimist, und deswegen sucht und benennt er Auswege. Konzepte, die dem Einzelnen helfen sollen, wieder mehr Lebensqualität zu gewinnen, den Burnout zu vermeiden und zugleich die Ökologisierung der Wirtschaft voranzubringen. Paech setzt auf die Suffizienz, denn diese sei "Selbstschutz". Wer sein Leben von überflüssigem Konsum befreie, gewinne damit Lebensqualität – "das Leben entrümpeln" nennt er das gerne. "Reich ist nicht, wer viel hat, sondern wenig braucht", denn "Beschränkung kann Befreiung bedeuten."

Somit könne jeder selbst durch Neuordnung seines Lebens an Lebensqualität gewinnen. Und vielleicht noch viel wichtiger: Wer lerne, ohne den heute verbreiteten Überfluss auszukommen, reduziere seine "soziale Fallhöhe", mache sich krisenresistenter. Und das werde man noch brauchen können.

Erwerbsarbeit reduzieren

Vor allem mit dem ständig wachsenden Flugverkehr – nicht nur ökologisch ein großes Problem, sondern auch längst Synonym einer rastlosen Gesellschaft – geht Paech hart ins Gericht. So viele Passivhäuser könne man schließlich gar nicht bauen, um damit die Fernreisen zu kompensieren. Zumal ökologisch verträgliche Antriebe für den überbordenden Flugverkehr undenkbar seien – wo sollen die Mengen an umweltfreundlicher Energie auch herkommen?

Paechs Lösung liegt in der Entschleunigung. Er setzt auf mehr Sesshaftigkeit, auf eine regionalere Wirtschaft. Er setzt auf Entschleunigung auch beim Konsum: Wer Produkte länger nutzt, spart Geld und reduziert den Verbrauch von Ressourcen. Und so fordert er konsequent eine "Reparaturrevolution". Weil man dann weniger Geld brauche, könne man seine Erwerbsarbeit reduzieren und damit auch seine eigenen körperlichen Ressourcen schonen, statt sie bis zum Burnout auszubeuten. Damit gehen für Paech ökologisch verträgliches Handeln und persönliches Wohlbefinden Hand in Hand.

Paech: "Ich glaube, dass es um so etwas wie ein aufgeklärtes Glück geht." (Video: Jakob Schweighardt/FHS Salzburg)

In der heute so gnadenlos wachstumsfixierten Gesellschaft erscheint jemand wie Paech als Sonderling. Und weil er damit in keine Schublade passt, haben ihn Kritiker schon in jede nur denkbare Schublade zu stecken versucht. Für die einen ist er ein Linker, für die anderen ein Rechter, in Wahrheit ist er keines von beidem. Er ist schlicht jemand, der die Augen nicht verschließen will vor der ökonomischen und der ökologischen Realität.

[Erklärung]  
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