O, du unselige NORDMANNTANNE!
Das Drüsige Springkraut, der Riesenbärenklau und die Dickstielige Wasserhyazinthe, sie alle haben eines gemeinsam: Sie sind Neobiota, auf deutsch Eindringlinge. Man kann sie auch als Invasoren bezeichnen. Oder als Aliens. Mit ihnen ist nicht zu spaßen. Sie scheren sich nicht um Einwanderungsbestimmungen. Sie sind dynamisch, aggressiv, verdrängen die heimische Flora und streben nach nichts weniger als der Weltherrschaft. Nur rücksichtsloses, entschlossenes Handeln kann sie vielleicht noch aufhalten.
Der gefährlichste Vertreter aus der Gruppe dieser grünen Aliens kommt einmal nicht aus Asien, sondern aus dem Kaukasus. Über Dänemark, wo es schon 100 Millionen Exemplare geben soll, breitet sich die teuflische Pflanze in ganz Europa aus. Jeweils zur Weihnachtszeit dringt sie bis tief in deutsche Innenstädte vor, wo man sich auf vielen öffentlichen Plätzen durch ein wahres Dickicht der grünen Pest kämpfen muss. Es dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein, bis man sie – wie das lästige, wenn auch ungefährliche Springkraut – überall in unseren Parks, Wäldern und Fluren antrifft. Dann wäre der Kampf gegen Abies normanniana verloren, die NORDMANNTANNE.
NORDMANNTANNEN sehen aus wie Klonkrieger. Eine wie die andere. Das verschafft ihnen einen unschätzbaren evolutionären Vorteil, weil sie als nahezu perfekter Weihnachtsbaum gelten und weil deshalb in deutschen Wohnzimmern zur Weihnachtszeit seit mehreren Jahren ausschließlich und nur noch NORDMANNTANNEN anzutreffen sind. Diese Weihnachtsbäume sehen derart uniform aus, dass die Berliner Humboldt-Universität in ihren Genlaboren jetzt sogar "unterschiedlich schöne" Klontannen erschafft. Darüber hinaus sind NORDMANNTANNEN wahre Überlebenskünstler. Selbst ein wochenlanger Aufenthalt in stark geheizten Räumen kann ihnen nichts anhaben. Außerdem sind NORDMANNTANNEN völlig geruchlos und verseuchen die Wohnung nicht mit dem vor allem bei Allergikern gefürchteten "Weihnachtsduft".
Ihr größter Vorteil im unerbittlichen Kampf der Arten ist ihre Unkaputtbarkeit. Auch im völlig wasserfreien Zustand verlieren NORDMANNTANNEN keine einzige Nadel, selbst wenn man sie kräftig schüttelt oder auf den Kopf stellt. Mit dieser ebenso verblüffenden wie beängstigenden Eigenschaft werden sie nur von künstlichen Weihnachtsbäumen in den Schatten gestellt. Wer sich jemals eine (echte) Fichte, Tanne oder Douglasie ins traute Heim geholt hat, weiß, dass man diese Bäume an Heilige Drei Könige nur antippen muss, damit sie ihre gesamte Nadelpracht blitzartig abwerfen.

Auch keine richtige Tanne, sondern eine Fichte - im beliebten Look der 70er Jahre, als kilometerlanges Lametta nur hübsch war und nicht als Umweltproblem galt. (Foto: Wikimedia Commons)
Weil NORDMANNTANNEN gegen die Besiedlung mit Pilzen und Bakterien immun sind, verrotten sie auch in Jahrhunderten nicht. Um sich ihrer dauerhaft zu entledigen, müssen sie fachmännisch geschreddert und dann in einem Hochtemperaturofen, etwa einer Müllverbrennungs- oder Sondermüllverbrennungsanlage, thermisch behandelt werden. Bislang noch nehmen die Kommunen diese verantwortungsvolle Aufgabe im Kampf gegen die NORDMANNTANNE wahr. Viele Städte und Gemeinden richten nach Weihnachten spezielle, umzäunte Sammelbereiche ein, wo Bürger NODMANNTANNEN abliefern können. Doch mit zunehmender Verbreitung der invasiven Spezies dürften die Kommunen damit überfordert sein. Deshalb sollte so früh wie möglich über gesamtstaatliche, am besten europaweite Lösungen nachgedacht werden.
Weil NORDMANNTANNEN, wie bereits dargelegt, nur in absolut trockenem Zustand beseitigt werden können, ist auch über Zwangsmaßnahmen nachzudenken. So könnten alle Bürger, die sich bislang noch mit selbst geschlagenen Weihnachtsbäumen aus dem Wald versorgen oder aus Bequemlichkeit und/oder Sparsamkeit zu Kunststoffbäumen greifen, zum Aufstellen einer NORDMANNTANNE verpflichtet werden.

Als Ultima Ratio bliebe wohl nur die schon von Heinrich Böll, "Nicht nur zur Weihnachtszeit", erwogene Möglichkeit, Weihnachten ganzjährig zu feiern, was die Zahl der potenziell zur Vernichtung anstehenden NORDMANNTANNEN drastisch steigen ließe. (Foto: Wikimedia Commons)
Falls diese Maßnahme nicht greift, könnte die Nordmanntannenpflicht in einem zweiten Schritt auf Bürger ausgedehnt werden, die keiner der beiden christlichen Konfessionen angehören, bekenntnislos oder Weihnachtshasser sind. Als Ultima Ratio bliebe wohl nur die schon von Heinrich Böll ("Nicht nur zur Weihnachtszeit") erwogene Möglichkeit, Weihnachten ganzjährig zu feiern, was die Zahl der potenziell zur Vernichtung anstehenden NORDMANNTANNEN drastisch steigen ließe. Eine zumindest zeitweise Suspendierung verfassungsmäßig verbriefter bürgerlicher Freiheitsrechte müsste in Kauf genommen werden, um den offenbar unaufhaltsamen Siegeszug der NORDMANNTANNE vielleicht doch noch zu stoppen.
Der Autor und Journalist aus München engagiert sich seit vielen Jahren im Umwelt- und Klimaschutz.
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