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It's the Lebensstil, stupid!

Auf dem Bewegungskongress McPlanet.com in Berlin haben die Veranstaltungen zum Thema Lebensstil den größten Zulauf. Das Bedürfnis, selbst aktiv zu werden, um Veränderungen anzustoßen, ist groß. Doch wie soll es gehen? 

Aus Berlin Verena Kern

Im Hörsaal H 2013 der Technischen Universität in Berlin gibt es am Samstag Vormittag keine Sitzplätze mehr. Während ein gutes Dutzend Workshops laufen und in anderen Hörsälen über die Energiewende, Preisschwankungen bei Nahrungsmitteln und Gemeingüter diskutiert wird (übrigens vor deutlich weniger Zuhörern), haben sich mehr als 250 Kongressteilnehmer eingefunden, um am Themenforum Lebensstil teilzunehmen. Die Überschrift lautet: "Weniger ist schwer – Öko ist leichter". Auf dem Podium sitzen Kora Kristof vom Umweltbundesamt, Petra Pinzler, Journalistin bei der Zeit und Autorin des Buches "Immer mehr ist nicht genug", und Wolfgang Pekny von der Wiener Plattform Footprint. Die Moderation übernimmt Renate Börger vom Bayerischen Rundfunk.


Das Podium: Petra Pinzler, Wolfgang Pekny, Renate Börger, Kora Kristof. (Foto: Verena Kern)

Kora Kristof leitet die Grundsatzabteilung des Umweltbundesamtes in Dessau, zuvor war sie am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie tätig. Sie ist beschäftigt mit "transformativer Forschung", mit der Frage, was verändert werden soll und – vor allen Dingen – wie es umsetzbar wird. Dabei hilft es ihrer Erfahrung nach paradoxerweise, sich lange Zeiträume vorzunehmen. Erst wenn man sich überlegt, was sich bis zum Jahr 2050 verändert haben soll, kommt man, so Kristof, raus aus dem kurzfristigen, nur an Wahlperioden orientierten "Gedankengefängnis" und kann eine Idee entwickeln, "wo es hingehen soll".

Das sei dringend notwendig, denn "wir brauchen große Veränderungen, nicht nur kleine Modifikationen." Sogar einkommensschwache Haushalte, die sich notgedrungen ressourcenschonender verhalten als der Durchschnitt, würden in Europa immer noch doppelt so viel verbrauchen wie global zuträglich. Dieses Niveau an Ressourcenverbrauch müsse sich "komplett" ändern. Eins der großen Zukunftsthemen sei Gerechtigkeit, meint Kristof. Denn: "Wir sind nicht nur Konsumenten."

Petra Pinzler arbeitet als Hauptstadtkorrespondentin im Berliner Büro der Wochenzeitung Die Zeit und ist Autorin des Buches "Immer mehr ist nicht genug. Vom Wachstumswahn zum Bruttosozialglück". Sie kritisiert die Fixierung auf die Wirtschaftswissenschaften. Der Mensch sei nicht nur mit mathematischen Formeln zu erfassen, sei nicht nur ein Homo oeconomicus, sagt Pinzler, die selber Wirtschaftswissenschaften studiert hat. "Wir müssen alle dafür sorgen, dass sich ein anderer Mainstream etabliert" – sodass man nicht immer nur schaut, was man hat, und nicht immer nur mehr will. 


Wolfgang Pekny erklärt mit einer mathematischen Formel, warum Veränderungen so schwer sind. (Foto: Verena Kern)

Wolfgang Pekny ist Chemiker und Biologe und seit 40 Jahren Aktivist. Mehr als zwei Jahrzehnte arbeitete er für Greenpeace. Seit 2007 ist er Geschäftsführer der Plattform Footprint in Wien. Nun endlich, sagt er, sei er beim "Lebensstil" gelandet, nämlich beim wichtigsten Thema überhaupt. "Unsere Freiheit, einen beliebigen Lebensstil zu wählen, endet da, wo es für andere schädlich wird", sagt Pekny und erläutert die Schädlichkeit des westlichen Lebensstils so: "Wir sind mächtiger als Nero. Er hat Rom abgefackelt, aber der Rest der Welt hat davon gar nichts mitbekommen. Heute aber wirkt jedes Schnitzel, jeder Kurzurlaub nach Fuerteventura auf alle schädlich."

Nicht die Ressourcen seien knapp, meint Pekny, sondern "unsere Fantasie". Er vertritt die "5-F-Regel": Fliegen – vergiss es, Fahren mit dem Auto – so wenig wie möglich, Fleisch und tierische Produkte – immer weniger, Wohnen wie im Fass, das heißt auf möglichst kleiner Fläche, Freude an einem zukunftsfähigen Lebensstil. 


"Sie sind Teil einer gesellschaftlichen Entwicklung!", sagt Kora Kristof. Und: "Wir sind im Umbruch." (Foto: Verena Kern)

Um Veränderungen herbeizuführen, "kann man nicht nur an einem Rädchen drehen", sagt Pekny, es seien vielmehr mindestens 40, die obendrein in verschiedenen Händen lägen. Dennoch könne sich jeder dreimal am Tag entscheiden, beispielsweise, "wie viel Fleisch er sich in den Kühlschrank packt". Jeder solle einen Menschen überzeugen, welcher wiederum einen anderen überzeugt. Auf diese Weise würde man binnen 33 Jahren mehr als acht Milliarden überzeugt haben.

Lesen Sie hier Teil 2 über die "Leitkultur der Verschwendung"


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