Hohes Alter mit wenig Geld
Auch Staaten mit niedrigen Einkommen und einem geringen Pro-Kopf-Ausstoß von Kohlendioxid können einen hohen Lebensstandard erreichen. Um alt zu werden, braucht man nicht viel Geld und keinen großen Kohlendioxidrucksack. Die Ergebnisse einer Studie in der Zeitschrift Nature Climate Change stellen die Wachstumsorientierung der aktuellen Politik in Frage.
Ein internationales Forscherteam hat den Zusammenhang von Lebenserwartung, Kohlendioxid-Emissionen und Durchschnittseinkommen in verschiedenen Ländern untersucht. Die Ergebnisse stellen nach Ansicht der Studienautoren die bisherige Wachstumsfixierung der Politik in Frage. Staaten mit hohen Durchschnittseinkommen weisen demnach auch hohe Pro-Kopf-Emissionswerte auf. Um eine hohe Lebenserwartung zu erreichen, sind die hohen Emissionswerte jedoch nicht zwingend erforderlich. Wie die Studie zeigt, können auch Länder mit moderanten Einkommen und sehr niedrigen Kohlendioxid-Emissionen eine hohe Lebenserwartung der Bevölkerung erreichen.

Auch ohne viel Kohlendioxidemissionen eine hohe Lebenserwartung hat dieser Mann in Chile. (Foto: Diego Grez, Wikimedia Commons)
Die Studie mit dem Titel "Pathways of human development and carbon emissions embodied in trade" wurde in der Zeitschrift Nature Climate Change veröffentlicht. Die Lebenserwartung dient hierbei als einfach zu messender Indikator für den Lebensstandard - und damit das Wohlbefinden - der Bevölkerung. Zur Ermittlung des Pro-Kopf-Ausstoßes an Treibhausgas messen die Autoren nicht nur die Emissionen, die in den jeweiligen Ländern verursacht werden, sondern berücksichtigen zusätzlich die sogenannten exportierten Emissionen. Konkret bedeutet das, dass die Emissionen, die etwa bei der Herstellung eines Produkts in China entstehen, nicht dem chinesischen Kohlendioxid-Budget zugerechnet werden, sondern dem Land, in dem das Produkt letztendlich genutzt wird.
Nach Angabe der Studienautoren gelingt es keinem einzigen Land, hohe Durchschnittseinkommen der Bevölkerung (von mehr als 12.000 Dollar Jahreseinkommen) und eine demzufolge hohe Lebenserwartung mit einem niedrigen Kohlendioxid-Ausstoß von unter 3,5 Tonnen pro Person zu vereinbaren. Allerdings gebe es sehr wohl Länder, deren Bewohner mit sehr niedrigen Einkommen und demzufolge niedrigen Kohlendioxidemissionen dennoch eine hohe Lebenserwartung erreichen.
So liegt die Lebenserwartung sowohl in den USA als auch in Costa Rica bei ungefähr 78 Jahren. Der Pro-Kopf-Ausstoß an Kohlendioxid klafft jedoch mit 22,7 Tonnen (USA) gegenüber 1,8 Tonnen (Costa Rica) weit auseinander. "Da Länder mit einer gleich hohen Lebenserwartung wie im Vereinigten Königkreich oder in den USA existieren, die nur einen Bruchteil der Kohlendioxidemissionen und Einkommen erreichen, scheint es immer weniger legitim, auf Kosten des Klimas die Priorität auf Wirtschaftswachstum zu legen", erklärt Studienautorin Julia Steinberger von der Universität Leeds.

Costa Rica und Chile erreichen mit niedrigen Emissionswerten eine hohe Lebenserwartung. (Bild: Unversity of Leeds)
Klassischerweise gehen die meisten Wirtschaftswissenschaftler und auch die Politik davon aus, dass ein hohes Einkommen der Bevölkerung - und damit verbunden ein hohes Bruttoinlandsprodukt - den Lebensstandard hebt. Kritiker einer wachstumsorientierten Wirschaftspolitik zweifeln diesen Zusammenhang jedoch an. Die britische Organisation New Economics Foundation hat in der Vergangenheit etwa versucht, das gefühlte Wohlbefinden mit dem Rohstoffverbrauch von Ländern zu vergleichen und kommt zu dem Ergebnis, dass ab einem bestimmten Durchschnittseinkommen kein Zusammenhang mehr zwischen Reichtum und Wohlstand festzustellen sei. In ihrem Buch "The Spirit Level" gehen der Sozialwissenschaftler Richard Wilkinson und die Epidemologin Kate Pickett davon aus, dass vor allem soziale Gerechtigkeit zu einem höheren Lebensstandard führt und zweifeln ebenfalls das Wachstumsparadigma an.
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