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Riesling aus Gotland

Der Klimawandel verändert den Weinbau: Südfranzösische Rotweinsorten wie Cabernet Sauvignon wachsen inzwischen auch in Baden, in Nordeuropa könnten zukünftig Weißweinreben angebaut werden. Für deutsche Winzer wird der richtige Lesezeitpunkt schwieriger zu kalkulieren.

Von Rainer Balcerowiak

Syrah und Cabernet Sauvignon von der Mosel, dafür Riesling aus Südschweden. Dies ist eines der möglichen Zukunftsszenarien, mit denen sich Klimaforscher und Önologen derzeit beschäftigen. Denn der Klimawandel hat erhebliche Folgen für den Weinanbau, die sich in den kommenden Jahrzehnten dramatisch verstärken werden. Bereits jetzt ist erkennbar, dass sich die Anbauzone verschieben wird. Auf der nördlichen Halbkugel liegt sie derzeit zwischen dem 30. und 50. und auf der südlichen zwischen dem 30. und 40. Breitengrad. Vor allem wird es aber eine regelrechte Wanderungsbewegung der in den einzelnen Weinbaugebieten derzeit bevorzugten, regional klimaangepassten Sorten geben.


Noch wächst hier der saure Elbling: die Mosel an der Grenze zu Luxemburg. (Foto: www.erwin-sauerwein.de)

Wein ist in Bezug auf das Makro- und Mikroklima eine recht anspruchsvolle Kulturpflanze, mit zudem je nach Varietät sehr unterschiedlichen Anforderungen. Diese werden unter anderem durch den von Pierre Huglin entwickelten bioklimatischen Wärmeindex definiert, bei dem die Temperatursumme über der Temperaturschwelle von zehn Grad für die Zeit von April bis September berechnet wird. Jede Rebsorte benötigt demnach eine bestimmte Wärmesumme, um auf Dauer in einem Gebiet mit Erfolg kultiviert werden zu können. So braucht beispielsweise ein Müller-Thurgau nur 1500 Huglin, verträgt aber auch kaum mehr als 1600 – und ist damit für die wärmeren deutschen Anbaugebiete schon jetzt nicht mehr geeignet. Dagegen wäre der Erfolg versprechende Anbau der französischen Sorte Cabernet Sauvignon vor einigen Jahrzehnten in Deutschland nirgendwo möglich gewesen, denn sie benötigt mindestens 1900 Huglin. Doch mittlerweile wird dieser Wert besonders in Teilen Badens regelmäßig übertroffen.

Die mittlere Wärmesumme liegt 2010 um 1,5 Grad höher als 1950. Dies hat eine deutliche  Beschleunigung der Rebentwicklung zur Folge.  Beobachtungen bei der Sorte Riesling in der Lehr- und Forschungsanstalt in Geisenheim zeigen, dass der Austrieb im Schnitt um fünf Tage früher beginnt als vor 50 Jahren. Bei der Rebblüte ist diese Vorverlagerung noch deutlicher. Für die den klimatischen Bedingungen der nördlichen Halbkugel angepassten Sorten wie Riesling bedeutet die damit einhergehende Verlängerung der Vegetationsperiode, dass die Reife früher eintritt. Für den Winzer heißt das: Erntet er entsprechend früher, sind die Trauben zwar "reif", haben aber weder das entsprechenden Aromenspektrum, noch ein stabiles Säuregerüst entwickelt. Lässt er die Trauben bis zum letztmöglichen Zeitpunkt hängen, kann der Wein dagegen ein enormes Alkoholpotenzial aufweisen, was der geschmacklichen Vorstellung gerade für filigrane, trockene Weißweine nicht entspricht.

Problematische Zunahme von Extremwetterlagen

Doch nicht nur die durchschnittliche Erwärmung, sondern auch die Zunahme von Extremwetterlagen macht dem Weinbau zu schaffen. So ist die durchschnittliche Zahl der so genannten Tropentage mit Höchsttemperaturen von über 30 Grad in den vergangenen zehn Jahren in den deutschen Weinbaugebieten im Vergleich zu den 60er und 70er Jahren um über 50 Prozent  gestiegen. Diese Häufung kann nicht nur den Wachstumsverlauf der Rebe stören,  sondern führt auch zu direkten Schäden auf Blättern und Beeren. Im letzteren Fall spricht man von Sonnenbrand. Die Gefahr ist besonders groß, wenn eine extreme Hitzeperiode sehr rasch auf eine kühle Phase folgt, was in den vergangenen Jahren des Öfteren der Fall war.

Weitere gehäuft auftretende Extremwetterereignisse sind längere Trockenperioden und Starkniederschläge, welche immer öfter auch in Form von Hagel auftreten. Letzteres gefährdet in betroffenen Lagen nicht nur den aktuellen Anbaujahrgang bis hin zum Totalausfall, sondern kann auch einen unumkehrbaren Prozess der Bodenerosion einleiten. Die globale Erwärmung begünstigt ferner in den nördlichen Rebanbaugebieten das Auftreten neuer Schaderreger wie zum Beispiel Phytoplasmen, Virosen  und Nematoden sowie die Esca-Krankheit. Bereits bekannte Erreger wie der Traubenwickler treten zudem deutlich gehäuft auf.


Bald das Land, wo der Riesling wächst? Wald in Südschweden. (Foto: Pieter Kuiper)

Natürlich haben viele Winzer auf die Entwicklung reagiert. Besonders in südexponierten Steillagen wird bei Riesling zunehmend auf dichte Laubdächer zum Schutz der Trauben statt auf Entblätterung gesetzt. Artenreiche und wasserspeichernde Vegetation zwischen den Rebzeilen kann zu einer besseren Regulierung des Wasserhaushalts führen, und mittlerweile werden auch vermehrt Anlagen zur Tröpfchenbewässerung installiert. Doch auf Dauer wird dies angesichts des fortschreitenden Klimawandels nicht ausreichen. Längst werden Neuanpflanzungen in flacheren und sonnenstundenärmeren Lagen vorgenommen, während die Toplagen mit Rotweinsorten bestockt werden, die auch 2000 oder mehr Huglin vertragen und besser mit Trockenstress umgehen können. Und vielleicht ist ja der Riesling, den wir in ein paar Jahrzehnten aus Gotland oder Jütland importieren werden, gar nicht so schlecht.

 

Rainer Balcerowiak schreibt regelmäßig Weinkolumnen für das Onlinemagazin Captain Cork.  Vor einem Jahr erschien von ihm "Das demokratische Weinbuch" beim Mondo Verlag Heidelberg (14,95 Euro).

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