Klimaschützer demonstrieren für Systemwandel
"System change not climate change!" 1.600 Menschen demonstrieren in Bonn für effektiven Klimaschutz und mehr Klimagerechtigkeit. Von den offiziellen Verhandlungen erhoffen sie sich nicht viel. Mit dabei sind nicht nur klassische Umweltorganisationen, sondern auch Attac, anarchistische und kommunistische Gruppen, Tierschützer, Atomkraftgegner – und die Klimaradler aus Potsdam.
Aus Bonn FELIX WERDERMANN
Die meisten haben sich an den Rand gesetzt. Denn auf dem Kaiserplatz in Bonn scheint die pralle Sonne. Wer auf dem Rasen steht, kann mit einem Sonnenbrand rechnen; die Bäume am Rand spenden zumindest etwas Schatten. Trotzdem füllt sich die Wiese: Vor allem junge Menschen sind gekommen mit Fahnen, Schildern, Transparenten. Heute wollen sie für effektiven Klimaschutz und mehr Klimagerechtigkeit demonstrieren.

Start- und Zielpunkt der Demo: Der Kaiserplatz in Bonn.
1.600 Menschen haben sich am Samstag nach Schätzungen der Organisatoren versammelt. Es ist Halbzeit bei den zweiwöchigen UN-Klimaverhandlungen in der ehemaligen Bundeshauptstadt. Doch die Diplomaten im Hotel Maritim sind weit weg – geografisch sowie inhaltlich. Die Demo startet in Bahnhofsnähe und zieht einmal durch die Innenstadt. Am Tagungszentrum, das etwas außerhalb liegt, kommt sie nicht vorbei.
Kritik an "Unfähigkeit der Regierungen und Institutionen"
Das macht aber nichts, denn von der Zwischenkonferenz in Bonn erwarten sich die Demonstranten ohnehin nicht viel. "Das Scheitern von Kopenhagen und das drohende Scheitern von Bonn zeigen ganz deutlich die Unfähigkeit der Regierungen und Institutionen, mit der Krise, die uns bevorsteht, umzugehen", sagt Ashley Renders vom Bewegungsnetzwerk Climate Justice Action (CJA) bei der Abschlusskundgebung. "In Cancún, bei dem nächsten Klimagipfel, wird es auch nicht anders sein."
Für viele der Protestler sind die Auswirkungen des Klimawandel bloß Ausdruck eines zerstörerischen Wirtschaftssystems. Die Parole "System change, not climate change" ("Systemwandel statt Klimawandel") ist auf zahlreichen Transparenten zu lesen und wird während der Demo immer wieder gerufen. Das globalisierungskritische Netzwerk Attac hat ein Transparent mitgebracht, auf dem gefordert wird: "Our climate is not for sale!" ("Unser Klima ist nicht zu verkaufen!") Und manchmal wird auch deutlich, in welche Richtung es gehen soll: "Für konsequenten Klimaschutz: Erkämpft den Sozialismus!"

Hier kommt der antikapitalistische Block: "Systemwandel statt Klimawandel!"
Eine bunte Demo
Natürlich sind auch die klassischen Umweltorganisationen dabei: WWF, Greenpeace, Robin Wood, der BUND. Es tauchen aber auch Fahnen auf von der anarchistischen Gewerkschaft FAU oder den kommunistischen Parteien SAV und MLPD. Die großen Parteien sind kaum vertreten, Rot-Rot-Grün hat vor allem seine Jugendverbände zur Demo geschickt. Die immer noch laufenden Koalitionsverhandlungen nach der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen waren anscheinend wichtiger als die Mobilisierung zur Klimademo.
Die Demonstration ist bunt und vielfältig: Vorweg laufen fast ein Dutzend Großpuppen, gefolgt von über 50 Sambatrommlern. Atomkraftgegner haben gelbe Fahnen mitgebracht, Tierfreunde sind in Kuhkostümen verkleidet, im antikapitalistischen Block tragen einige schwarze Kleidung. Dazwischen laufen Schüler, die für den Bildungsstreik in der nächsten Woche mobilisieren.

Ganz vorne: Das Fronttransparent und die Großpuppen.
"Libe Bundeskanztler. Aus der ganzen Welt."
Mit dabei sind auch die Klimaradler aus Potsdam. Sie haben etwa 100 Briefe an einer langen Schnur aufgefädelt und tragen nun auf der Demo die Forderungen und Wünsche der Menschen, die nicht nach Bonn kommen konnten. Den Verhandlern werden sie nicht übergeben – da würden sie nicht beachtet, fürchten die Umweltschützer. Vor zwei Wochen sind sie in Potsdam losgefahren, unterwegs haben sie in zwölf Städten halt gemacht. Die Briefe stammen oft von jungen Schülern und lesen sich teilweise sehr amüsant: "Libe Bundeskanztler. Aus der ganzen Welt. Seit umweltfreuntlich. An Angeler Merkel. Bite den anderen Bundeskanztlern zeigen. Von Timon 1. Klasse" Darunter fordert Timon weniger "apgase". "Sonzt schmezen die Pole."
Was mit den Briefen nun geschieht, wissen die Radfahrer aus Potsdam noch nicht. Die Tour sei aber "erfolgreich in jeglicher Hinsicht" gewesen, sagt Tina Zöllner. Unterwegs habe man viele Menschen für das Problem der Erderwärmung sensibilisieren können. Es seien sogar spontan Leute mitgefahren – vier Personen von Bochum bis Bonn. Auf der letzten Strecke von Köln sind sogar insgesamt knapp 40 Umweltschützer nach Bonn zum Klimacamp geradelt.

Die Briefe auf der Demo - aufgefädelt an einer langen Schnur. (Fotos: Werdermann)
Am Sonntag geht's zurück
"Wir würden am liebsten auch noch zurückfahren", sagt Zöllner. "Aber wir haben keine Zeit." Deswegen reisen die Klimaradler schon am Sonntag wieder ab und mit ihnen wohl auch viele andere Klimaaktivisten. Denn nicht Wenige sind für Donnerstag und Freitag zum Klimaforum gekommen und noch den Samstag zur Demo geblieben, müssen aber in der Woche wieder arbeiten. Dann geht es auch für die Klimaverhandler im Hotel Maritim wieder los.
Mehr zur Klimakonferenz in Bonn in unserem Dossier
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