Der IPCC, 60 Zentimeter und die Clausius-Clapeyron'sche Gleichung
Immer wieder samstags: Unsere fünf Herausgeber erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Hartmut Graßl, Meteorologe, der als einer der ersten deutschen Wissenschaftler vor den Folgen des Klimawandels warnte.
GRASSLS WOCHE
Herr Professor, Wissenschaftler der Universität Berkeley haben diese Woche die Ergebnisse einer Neuuntersuchung weltweiter Temperaturdaten vorgelegt - und nochmals bestätigt, dass es die globale Erwärmung wirklich gibt. War das Projekt wirklich notwendig? Hat es neue Erkenntnisse gebracht? Und wird es Ihrer Meinung nach die sogenannten Klima"skeptiker" überzeugen?
Hartmut Graßl: Auch wenn ich diese Studie selbst nicht gesehen habe, halte ich solche Untersuchungen angesichts der Bewertungen durch den Zwischenstaatlichen Ausschuss über Klimaänderungen (IPCC) fast für überflüssig. Sie sind nur verständlich im amerikanischen Umfeld, wo eine Weltmacht, die von den Skeptikern vor sich her getrieben wird, meint, Dinge noch besser bewerten zu können als die weltweite Gemeinschaft der Wissenschaftler. Dabei haben an den Bewertungen die amerikanischen Wissenschaftler nicht nur schon intensiv teilgenommen sondern auch sehr wichtige Ergebnisse beigetragen.
Eine der heißesten wissenschaftlichen Debatten scheint uns derzeit die Frage, ob ein Zusammenhang zwischen Klimawandel und vermehrten Extremwetterereignissen nachgewiesen werden kann. Potsdamer Forscher sagen ja und behaupten, eine mathematische Formel zur Berechnung der Wahrscheinlichkeit zusätzlicher Extremwetter gefunden zu haben. Was ist davon zu halten?
Wer die Bewertungen des Zwischenstaatlichen Ausschusses über Klimaänderungen seit 1990 aufmerksam gelesen hat, der wird eine steigende Anzahl von statistisch gesicherten Nachweisen neuer Extreme von Wettervariablen für viele Regionen finden, der wird aber auch wissen, dass für viele der Wettervariablen die Zeitreihen zu kurz und/oder zu fehlerbelastet sind, so dass der Nachweis zunehmender oder abnehmender Wetterextreme noch nicht möglich war.
Es ist schön, dass die Kollegen vom Potsdamer Institut für Klimafolgenforschung auf diesem Weg wieder ein Stück weiter vorangekommen sind. Das Wissen um zunehmende Wetterextreme wird sehr stark von der Clausius-Clapeyron'schen Gleichung bestimmt, die besagt, dass bei der Erwärmung um 1°C je nach Temperatur in der unteren Atmosphäre 6 bis 8 Prozent mehr Wasserdampf in der Luft gehalten werden kann, bevor Wolkenbildung einsetzt. Also müssen bei noch höheren Temperaturen noch heftigere Wolkenbrüche auftreten (eigentlich ist dies Standardwissen aller die Natur beobachtenden Menschen).
Ein internationales Forscherteam hat diese Woche Langzeitprognosen zum Meeresspiegel vorgelegt, denen zufolge die Pegel selbst bei strengen Klimaschutzmaßnahmen noch Jahrhunderte steigen würden, weil Gletscher und Ozeane nur mit Verzögerung auf die bereits ausgelöste Erderwärmung reagieren. Ist das nicht ein frustrierendes Ergebnis? Wie soll man da noch weiter für Klimaschutz werben?
Dies ist nichts Neues. Weil die Umwälzzeit des globalen Ozeans etwa ein Jahrtausend beträgt, dringt die an der Oberfläche eingetretene Erwärmung nur langsam ins Ozeaninnere vor und der "Endausbau" der Erwärmung ist deshalb um mindestens Jahrhunderte verzögert. Bis dahin steigt der Meeresspiegel allein schon wegen der Wärmeausdehnung des Meerwassers an (1°C mittlere Ozeanwassererwärmung sind äquivalent zu ca. 60 cm Meerespiegelanstieg).
Dann muss noch die Reaktion der großen Eisgebiete auf die Erwärmung hinzugerechnet werden, die mindestens ebenso lange Reaktionszeiten haben. Wir haben zu lange unserem eigenen Experiment mit dem Planeten zugesehen, das jetzt Klimapolitik erschwert, sie aber dennoch alternativlos macht, weil im Extremfall der Meeresspiegelanstieg in Jahrhunderten einige Meter betragen könnte. Dies aber mit stringenter, global koordinierter Klimapolitik hoffentlich unter der Führung durch die Europäische Union noch verhindert werden kann.
Und was war für Sie die Überraschung der Woche?
Für mich ist eine nur indirekt mit Energie- und Klimapolitik zusammenhängende Information die Überraschung, nämlich die rasch steigende Zahl der Länder mit einer Kinderzahl kleiner als 2,1 pro Frau. Dazu gehören inzwischen auch viele Schwellenländer wie etwa Brasilien, so dass die Weltbevölkerung nur noch mit etwa 1,1 Prozent pro Jahr wächst und die Chance besteht, dass um das Jahr 2050 mit dann etwa 9 Milliarden Menschen das Maximum schon fast erreicht ist. Der demographische Übergang verläuft schneller als erwartet. Das vermindert auf lange Sicht die Energienachfrage entscheidend.
Fragen: alf
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