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Siemens, Senftenberg und der Stromzähler

Immer wieder samstags: Unsere fünf Herausgeber erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Gero Lücking Vorstand für Energiewirtschaft beim unabhängigen Ökostrom-Anbieter Lichtblick.

LÜCKINGS WOCHE

Herr Lücking, Siemens kommt nach Hamburg, um hier seine Windkraftsparte zu konzentrieren. Der Konzern will drittgrößter Windkrafthersteller der Welt raus. Sie haben als Hamburger Kaufmann Lichtblick bereits zum größten Ökostromanbieter Deutschlands geführt: Irgendeinen Tipp an die neuen Nachbarn?

Mit dem Beschluss, das Windgeschäft in Hamburg anzusiedeln, geht ja bei Siemens die Entscheidung einher, aus dem Kernkraftgeschäft konzernweit auszusteigen. Das ist das eigentlich interessante an der Meldung. Hier bestätigt sich das, was wir immer gesagt hatten: Wenn die politischen Entscheidungen in einer führenden Industrienation wie Deutschland klar auf Ausstieg ausgerichtet sind, wird das weltweit Signalwirkung haben. Sowohl auf andere Länder als auch auf Konzerne wie Siemens.

Dass ein weltweit agierender Konzern wie Siemens aufgrund des deutschen Ausstiegsbeschlusses sein gesamtes Nukleargeschäft aufgibt, zeigt auch, dass Siemens weltweit die Chancen auf weiteres lukratives Geschäft in diesem Segment als nicht gegeben ansieht. Auf der Neubaubaustelle in Finnland beispielswiese läuft es ja auch alles andere als reibungslos. Das heißt man sieht die fehlende Akzeptanz und die Probleme mit dieser Technologie als grundsätzlich/strukturell und nicht lösbar an.

In Senftenberg in der Lausitz ging am vergangenen Wochenende der weltgrößte Solarpark ans Netz. Weitere Megaprojekte sollen bis Jahresende realisiert werden - und trotzdem stöhnt die deutsche Solarwirtschaft und japst ums Überleben. Wie passt das zusammen? Was müsste passieren?

Die Investitionsentscheidung, in das Solarfeld in Senftenberg zu investieren, ist vermutlich zu einem Zeitpunkt gefallen, als die Rahmenbedingungen noch deutlich freundlicher erschienen. Grundsätzlich sind die Aussichten für die deutsche Solarindustrie als schwierig zu bezeichnen. Der Konkurrenz aus Asien dauerhaft paroli bieten zu können, wird schwer bis unmöglich sein. Gegen diese Kostenstrukturen aus dem asiatischen Massenmarkt wird man nicht viel entgegensetzen können.

Trotzdem darf die deutsche Politik jetzt keinen Fehler machen. Deutschland hat der Welt die Entwicklung einer kompletten zukunftsfähigen Technologie geschenkt. Wir zahlen wissenschaftliche Entwicklung, Produktions-KnowHow, High-Tech, ständige Wirkungsgradverbesserung und Kostendegression sowie die komplette Markteinführung über das EEG und stellen dies den Industrien und der Welt kostenlos zur Verfügung.

An den Kosten des deutschen EEG beteiligen sich ausschließlich die deutschen Stromkunden. Es wäre fahrlässig von der deutschen Politik, jetzt kurz vor der absoluten Konkurrenzfähigkeit und der Netzparität die Anstrengungen durch ein komplettes Abwürgen der Förderung auf’s Spiel zu setzen. Dazu gibt es keine Veranlassung. Hier passt der Satz, dass der deutsche Technologiestandort nicht gefährdet werden darf. Es wird aber sicher zu gewaltigen Verschiebungen in der Wertschöpfung der deutschen Solarindustrie kommen.

Forscher der Fachhochschule Münster gelang es, anhand der Stromverbrauchsdaten über das  intelligente Stromnetze - die sogenannte Smartgrids -  nachzuvollziehen, welches Fernsehprogramm die Zuschauer sahen. Muss sich die Energiewirtschaft jetzt auch noch in den Datenschutz einarbeiten?

Die Forscher aus Münster haben einen Stromzähler eingesetzt, der alle zwei Sekunden Stromverbräuche misst und übermittelt. Das ist nicht der Standard, der im Strommarkt weder heute noch in Zukunft angewendet werden wird. Bei der marktüblichen Auflösung von Einviertelstundenwerten sind solche feingliedrigen Rückschlüsse unmöglich.

Unter Federführung des Bundeswirtschaftsministeriums wird derzeit intensiv an Lösungen gearbeitet, etwaige Datenschutzprobleme zu lösen und die sensible Energieversorgung vor Sabotage zu schützen. Kriege werden ja in Zukunft wahrscheinlich per IT-Virus geführt. Die vom Wirtschaftsministerium in diesem Zusammenhang diskutierten sogenannten "Schutzprofile" erfordern Anstrengungen, die es finanziell praktisch unmöglich machen, die Themen der smarten Energiewelt weiterzuverfolgen. Das kann nicht akzeptiert werden, weil wir für den weiteren Ausbau der regenerativen Energien zu einer weiteren Vernetzung von Angebot und Nachfrage kommen müssen.

Wenn man sich ansieht, was die Menschen über Handys, Facebook und Twitter bereit sind, an persönlichen Informationen Preis zu geben, dann muss man abwägen, was im Sinne der Gefahrenabwehr und des Datenschutzes notwendig und bezahlbar ist und was über das Ziel hinausschiesst. Wenn man ernstgemeinte Forderungen hört, IT-Firmen sollen ihre ausländischen Mitarbeiter kündigen, weil diese Menschen potentiale Informationsträger und Spione sein könnten, zeigt dies, wie überzogen mitunter diskutiert wird.

Deutschland bleibt Stromexporteur, dass hat das statistische Bundesamt festgestellt: Wie sieht das eigentlich beim Stromhändler Lichtblick aus? Woher kommt Ihr Strom?

Wir produzieren Ökostrom in unseren ZuhauseKraftwerken. Der hier erzeugte Anteil reicht aber bei weitem noch nicht aus, daraus alle unsere Kunden zu versorgen. Deshalb sind wir bis auf weiteres auf Ökostromimporte aus dem Ausland angewiesen.

Und was war ihre Überraschung der Woche?

Zwei Dinge sind diese Woche erwähnenswert: erstens die Razzia der EU-Wettbewerbshüter gegen Gazprom, Eon und RWE wegen des Verdachts der Marktabschottung und unerlaubter Preisabsprachen. Wir erinnern uns: das ist bereits das zweite Mal, dass Eon und RWE in Verdacht stehen. Resultat war damals, dass Eon Kraftwerke und sein Übertragungsnetz (Strom) und RWE sein Hochdrucknetz (Gas) verkaufen musste. Beide Konzerne hatten diese Maßnahmen der EU von sich aus vorgeschlagen, um einer gerichtlichen Verurteilung zu vor zu kommen. Mal sehen, was sie diesmal vorschlagen.

Die zweite Überraschung war eine Nicht-Überraschung der Woche:  Vattenfall hat seine Pläne, CO2-freie Kohlekraftwerke zu bauen und in die sogenannte CCS-Technologie zur unterirdischen Einspeicherung des Klimagases zu investieren, fallen gelassen hat. Es war wohl immer nur ein Ablenkungsmanöver, um ehrgeizige, aber falsche Pläne zum Bau neuer Kohlekraftwerke politisch durchzusetzen und für Akzeptanz zu sorgen. Jetzt verabschiedet sich Vattenfall von einer Risikotechnologie, die schon immer völlig unbezahlbar war.

Fragen: reni

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