Regensommer, Arktis-Eis und keine Überraschung
Immer wieder samstags: Unsere fünf Herausgeber erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Hartmut Graßl, Meteorologe, der als einer der ersten deutschen Wissenschaftler vor den Folgen des Klimawandels warnte.
GRASSLS WOCHE
Herr Professor, die Urlaubszeit ist vorbei und viele Deutsche fragen sich nach dem verregneten Urlaub: Hat das Wetter etwas mit dem Klimawandel zu tun? Natürlich wissen wir, dass "Wetter" und "Klima" zwei verschiedene Schuhe sind. Was ist den Leuten zu antworten?
Schon in der Frage stecken Ungereimtheiten: Erstens ist der Sommer noch nicht vorbei, zweitens war der erste meteorologische Sommermonat Juni in diesem Jahr in fast ganz Deutschland zu trocken, drittens ist das extreme Niederschlagsdefizit des Frühjahrs meist noch nicht ausgeglichen, viertens beträgt die Fläche Deutschlands nur 0,7 Promille der Erdoberfläche. Nicht jede der natürlichen Wetterschwankungen von Jahr zu Jahr hat etwas mit der Klimaänderung zu tun.
Die Meteorologen versuchen Vorhersagen von Klimaanomalien über mehrere Wochen und Monate zu machen, das hat aber in Mitteleuropa noch keine für den Laien nützliche Güte erreicht. Selten zeigt eine Region so wenig vorhersagbare Schwankungen über etwa zwei Wochen hinaus wie Mitteleuropa, also gibt es auch keine solide Erklärung für die Gründe eines zum Teil sehr nassen Juli 2011.
Wissenschaftler des National Center for Atmospheric Research glauben, einen kurzfristigen Hoffnungsschimmer für die Arktis gefunden zu haben: Stimmen ihre Computer-Simulationen, könnte das Abschmelzen des Arktis-Eises vorübergehend unterbrochen werden. Demnach sind neben den menschlichen Emissionen auch natürlichen Klimaschwankungen zu berücksichtigen. Welche sind das? Können Sie uns das erklären?Die Wissenschaftler des Nationalen Atmosphärenforschungs-Zentrums der USA haben etwas gemacht, was seit wenigen Jahren bei jetzt hoher Rechnerleistung viele Klimamodellierer tun können und tun, nämlich ein Klimamodell mit gering veränderten Startfeldern mehrfach jeweils eine Realisierung des Klimas über Jahrzehnte oder gar ein Jahrhundert rechnen zu lassen. Damit kann man die natürlicherweise immer vorhandenen Schwankungen von Jahr zu Jahr oder einem Jahrzehnt zum anderen annähernd nachbilden.
Konzentriert man sich dabei auf die Arktis wie die amerikanischen Kollegen, so kann man herausfinden, ob der starke Schwund des Meereises in den vergangenen drei Jahrzehnten allein dem erhöhten Treibhauseffekt der Atmosphäre zuzuschreiben ist oder auch langfristige, natürliche Schwankungen mitgespielt haben. Die Antwort der Kollegen in Amerika ist: Ja, diese Schwankungen favorisierten ein verstärktes Abschmelzen des Meereises.
Es gibt also eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass sich der Meereisschwund in den nächsten Jahren verlangsamt, weil die allgemeine Zirkulation der Atmosphäre quasi nicht mehr "mithilft". Die langfristigen natürlichen Schwankungen werden überwiegend durch die Wechselwirkung zwischen der Atmosphäre und dem Ozean verursacht, wobei - bildlich gesprochen - der Ozean durch die Hoch- und Tiefdruckgebiete in der Atmosphäre "gepisackt" wird, und der langsamer reagierende Ozean sich das merkt und später die Atmosphäre in einen bestimmten Zustand drängt, der dann wieder ander pisackt.
Langfristig sehen wir daher fast unvorhersagbare Schwankungen von Wetterelementen. Kommt die Störung von einem sehr hoch reichenden Vulkanausbruch, dann gibt es eine nur wenige Jahre andauernde Abkühlung. Seit dem Ausbruch des Pinatubo auf den Philippinen im Jahre 1991 war das allerdings nicht mehr der Fall.
Und schließlich: Was war Ihre Überraschung der Woche?Es tut mir leid, wahrscheinlich wegen der Sommerpause in der Politik und anderswo gab es für mich keine energie- und klimapolitischen Überraschungen.
Fragen: reni
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