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Ein Klimaatlas und Abwanderungsdrohungen

Immer wieder samstags: Unsere fünf Herausgeber erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Werner Brinker, Vorstandsvorsitzender des Energieunternehmens EWE in Oldenburg.

BRINKERS WOCHE

In zwei Jahren soll in Deutschland der auf dem eigenen Hausdach produzierte Solarstrom günstiger sein als die meisten Haushaltsstromtarife der Energiekonzerne. Wie kann man sich das praktisch vorstellen?

Die Berechnungen des Bundesverbandes Solarwirtschaft, auf die Sie sich beziehen, sind unseriös. Sie setzen Subventionen – die staatlich festgelegte Einspeiseprämie für Solarstrom – ins Verhältnis zu Haushalts-Strompreisen, die zu 43 Prozent aus Steuern und Abgaben bestehen. Außerdem vergleichen sie die Vergütung, die Netzbetreiber, Energieversorger und Stromkunden an Erzeuger von Sonnenstrom zahlen, mit den Endpreisen, die Haushalte ihrem Energieversorger für die Nutzung des Stroms entrichten. Am Ende dieses hinkenden Vergleichs steht also lediglich die Aussage, dass in einigen Jahren die Subventionen, die Energieversorger und Energiekunden pro Kilowattstunde Solarstrom zahlen müssen, nicht mehr höher sein werden als der Brutto-Gesamtpreis für bezugsfertigen Strom.

Aus diesem Endpreis müssen aber nicht nur der Bau und Betrieb von Anlagen, sondern auch Aufbau und Management intelligenter Stromnetze, Handel und Abrechnung, Kundenservice sowie eine hohe Last an Steuern und Abgaben finanziert werden. Der Begriff "günstig" ist daher in diesem Kontext kaum angebracht.

Der Chemiekonzern Bayer hat gedroht, ins Ausland abzuwandern, weil die Energiekosten steigen könnten. Ist das Polemik oder eine echte Sorge?

Für deutsche Unternehmen, die im internationalen Wettbewerb stehen, ist es problematisch, wenn in Deutschland Kostenblöcke deutlich höher sind als in den Wettbewerbsländern, ohne dass dadurch ein exklusiver Nutzen entsteht. Das ist ein Grundproblem der Klimapolitik: Hohe Sozial- und Ausbildungsstandards kosten ebenfalls viel Geld, bringen aber einen unmittelbaren Vorteil gegenüber anderen Standorten durch sozialen Frieden und qualifizierte, motivierte Mitarbeiter. Eine nachhaltige Energieversorgung hingegen kostet viel Geld in Deutschland und nutzt durch geringeren CO2-Ausstoß und Ressourcenverbrauch der ganzen Welt – auch denjenigen Ländern und Unternehmen, die sich nicht so stark engagieren und damit billiger anbieten können.

Es gibt keine sinnvolle Alternative zum Klimaschutz. Damit er aber nicht zu deutlichen Wettbewerbsverzerrungen führt, müssen Programme so weitreichend wie möglich international abgestimmt sein und der Staat muss durch die Förderung von Effizienzmaßnahmen helfen, die negativen Effekte von Kostensteigerungen abzufedern.

Und was war für Sie – aus energie- oder klimapolitischer Sicht – die Überraschung der Woche?

In den letzten Tagen sind zwei Initiativen im Internet gestartet, die Zusammenhänge beim Klima nachvollziehbar machen wollen. Der interaktive Klimaatlas des Deutschen Wetterdienstes illustriert, inwieweit das aktuelle Wetter von Langzeitwerten abweicht und welche Auswirkungen durch den Klimawandel in jeder Region Deutschlands zu erwarten sind. Der Konsum Check von "Klima sucht Schutz" visualisiert den CO2-Fußabdruck verschiedener Lebensmittel mit einer anschaulichen Ampel und gibt Ratschläge für klima- und umweltbewussten Einkauf.

Solche Angebote sind wichtig: Um dem Klimawandel entgegenzuwirken müssen wir alle umdenken und anders handeln. Doch nur, wer begreift, welche Relevanz das Thema hat und was er selbst tun kann, wird seinen Teil beitragen. Deshalb kann man solcher Aufklärung nur eine größtmögliche Öffentlichkeit wünschen! Auch das Projekt "co2mpense" unserer Tochter NaturWatt setzt an diesem Punkt an und veranschaulicht seit 2008 online, welche Emissionen bei Mobilität, Wärme und Strom anfallen – und wo die individuellen Stellhebel liegen, um den Ausstoß zu senken.

Fragen: reni

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